Fuck the Devil, fuck myself… Rezension zu Aereogrammes Klassiker “A Story in White”

Achja… bin gerade auf so einem kleinen Nostalgietrip, einem Aereogramme-Nostalgietrip, um genau zu sein. Auf einem “A story in white”-Trip, um es auf den Punkt zu bringen. Und da ich trotz aktueller Radiohead-Besessenheit meine derzeitige Liebe zu dem 2001er Album nicht loswerde, teile ich sie einfach. Ist schon ein bisschen her, dass ich das hier geschrieben habe. Drückt aber nach wie vor aus, wie mich dieses Album jedes Mal wieder in seinen Bann zieht. A Story in white… und eben weitaus mehr als das:

Eine Geschichte in weiß, ein Titel der nach Unschuld klingt. Diese wird auf Aereogrammes Debüt jedoch rigoros vernichtet: Eine Defloration gängiger Musikschemata und ein Spiel mit der Gewalt, der Liebe, der musikalischen Leidenschaft und der Unberechenbarkeit…verstörend…anders….groß!

Es ist immer ein leidiges Thema, das mit der Schubladenfindung. Dies betrifft mitnichten nur das Musikfeuilleton, sondern zeigt sich auch jedem begeisterten Musikanhänger im alltäglichen Leben. Irgendwie ist es dann ja doch da, das Bedürfnis zu kategorisieren, zu katalogisieren, jeder Band einen Genre-Stempel aufzudrücken. Und so manche Band macht es einem erheblich schwer, auch nur irgendwie einen adäquaten Oberbegriff für die Musikrichtung zu finden, die sie spielt. Willkommen in der Welt von Aereogramme, die Experten auf dem Gebiet sind, sich nicht in eine Kategorie pressen zu lassen. Irgendwas mit „Post-„ mutet man, ein „Post-„ dürfte schon passen… und dann denkt man an die ganzen Postcores und Postrocks und Postmetals und Postboten und merkt schon,… so kann das ganze nicht funktionieren.

Also  versucht man es mit dem Song-Material. Einzuordnende Stilmittel? Aber sicher doch. Dominant ist der Wechsel zwischen hart und melancholisch, zwischen gut und böse. Dominant ist das Spiel mit Noise-Elementen, ohne dass diese jemals nach klassischem Noise klingen. Dominant ist die Sprengung des Lärms durch ruhige Passagen, die sich minimalistischer Gitarrenarbeit hingeben, und dominant ist das plötzlich hervorzuckende hymnische Alternativerock-Element, das Feierliche, Pathetische, dass dann doch plötzlich wieder von beinharten, eiskalten (Post?)-Metal-Riffs zerschnitten wird.

Ein Song, der gleich all diese markanten Merkmale miteinander verbindet ist „Post-tour, Pre-judgement“. Ruhige, Strophen, ein festlicher Refrain, der sich mehr und mehr Richtung Muse-Pathos aufbauscht, und dann plötzlich das totale Absacken in Tonlosigkeit.  Fast schon zurückhaltend flüstert Sänger Craig B. sein Statement: „Fuck the devil / Fuck myself“… und die zarten Instrumentalklänge umschleichen die Stille, die so prägnant im Vordergrund steht. Resignation? Von wegen: Der Zuhörer wird unerwartet und äußerst brutal aus seinen Träumen gerissen, als Craig wie ein wildes Tier losschreit, das sich selbst befreien will, als zähnefletschende Gitarrenriffs in das Geschehen schmettern, und die Drums ein wahrhaftes Hölleninferno entfachen. Willkommen in der musikalischen Unberechenbarkeit.

Diese Wechsel zwischen melancholischen post-rockigen Balladen und nervenzerfetzenden Metalbögen ziehen sich durch das gesamte Album. Ruhig, schwelgend, fast schon wie in einem Glockenspiel, schmeichelt sich „Egypt“ in das Ohr des Hörers und lässt durchaus Erinnerungen an Sigur Ros wach werden, während Songs wie „Zionist timing“ sich mit bösartigen Kettensägengitarren über das hilflose Fleisch hermachen: „I am allright“? Von wegen, der nächste Metalausbruch wartet hinter jeder Ecke, lauert, um sich über uns herzumachen. So wird auch dieser eingängige, sogar schon locker fetzende Song urplötzlich durch den Reißwolf gedreht und zurück bleibt ein  umso heftiger schlagendes Herz. Düstere ruhige Passagen, werden plötzlich zu markerschütternden Schreien, zu Gitarrenfeuern und wildem Gekeife. Den umgekehrten Weg geht „Shouting for Joey“, das mit fast schon klassischen tiefergestimmten Neo-metal-Basswänden und wildem Doom-Geschreie beginnt, um dann doch noch den Frieden in einem ruhigen, fragilen Instrumental-Abschluss zu finden.

Und dazwischen stehen auch immer wieder Hymnen, die dieses Wechselbad der Gefühle vollkommen für sich vereinnahmen: Das verstörende mit Störfrequenzen arbeitende „Question is complete“, das wunderschöne „meaningful existence“, dessen Melodie auf eine Art unglaublich zart ist, und auf eine andere tausende eiskalter Schauer über den Rücken jagt, die zurückgezogene Akustikballade „Descending“, die plötzlich von fast schon außerirdischen Tönen überflutet wird, das unglaublich spannende, sich in himmlische Sphären steigernde „Hatred“ und der darbende,  erschöpft wirkende Abschluss des Albums, der das Wort „Resignation“ mit einem dicken  Fragezeichen versehen im Kopf des Hörers zurücklässt.

Resignation… und immer noch keine passende Schublade gefunden… Aereogrammes Musik spricht einfach für sich, ist befreit von Genre-Einordnungen, ohne nach beliebigem Progressive oder Crossover zu klingen. Aereogramme sind Aereogramme sind Aereogramme (das bitte dreimal laut sagen, ohne sich dabei die Zunge zu verknoten): Ein atemberaubendes Klangerlebnis, eine grandiose Mischung aus Noise-Störfrequenzen, ruhigen Balladen, Metal-Eruptionen und sphärischen Hymnen, der ständig der Zauber der Unberechenbarkeit innewohnt. Post-Schubladenrock vielleicht…irgendwie will man dann ja doch ne Kategorie finden.

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