Schlingensief-Retrospektive IV: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!

Wenn ein postmoderner Performancekünstler, Satiriker, Provokateur und Extremregisseur wie Christoph Schlingensief ein ganz persönliches Buch veröffentlicht, ist in erster Linie Obacht angebracht. Kann der Mann das überhaupt? Ohne Stilisierung, ohne Abstrahierung, ohne mit sich selbst zu spielen einfach nur sein Inneres nach außen kehren? Immerhin stand Schlingensief schon immer im Ruf, alle Mittel der Inszenierung zu nutzen, alles abzubilden bloß nicht die Realität in Reinform. Unabhängig, ob man dem Künstler nun positiv, negativ oder neutral gegenübersteht, sind doch ernste Zweifel an dessen Fähigkeit zur bloßen Abbildung angebracht… Und dann auch noch bei einem sensiblen Thema wie Krebs… dem eigenen Krebs, mit dem sich Schlingensief im Jahre 2008 durch “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!” in Tagebuchform auseinandergesetzt hat.

Christoph Schlingensief schreibt hier also als Betroffener. Und das ist auch jeder Zeile anzumerken. Es ist immer so eine Sache, vom persönlichsten Werk eines Künstlers zu sprechen, aber wenn diese feuilletonistische Floskel irgendwo eindeutig passt, dann zu diesen Aufzeichnungen, in denen Schlingensief von seinem Tumor, den Folgen der Operation und der Angst vor der beginnenden Chemotherapie berichtet. Dabei ist “Bericht” schonmal die vollkommen falsche Bezeichnung für diese – man kann es nicht anders sagen – nackten Monologe und Zwiegespräche, die das Entfant Terrible der deutschen Postmoderne mit sich selbst, Gott und der Welt führt. “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” ist ein inkosistenzes Hardern mit sich selbst, ein wankelmütiger Wechselbalg, mal optimistisch, mal pessimistisch, mal ruhig und sachlich, mal bar jeder Vernunft.

Dabei sind die vielfältigen Gedankengänge Schlingensiefs anhand der Tagebuchskizzen noch relativ konventionell strukturiert. In der äußeren Form und auch in der oberflächigen Erzählung ist das Werk ein klassisches, klares Tagebuch, das sich an Tagesabläufen und alltäglichen Impressionen entlanghangelt. Schlingensief reflektiert die Tage, antizipiert das Kommende und verarbeitet seine Eindrücke in Form von knappen, emotionalen Bekundungen, die weder Raum für sprachliche Eleganz noch für postmoderne Abstraktion benötigen:

Gestern ging ja gar nix mehr. Da war ich schon nicht mehr da, da war ich auf der Flucht. Ist wahrscheinlich blöd, aber ich fühle mich von diesem Ding in meinem Körper gerade extrem beleidigt und bedroht.

Hinter dieser stringenten Oberfläche lässt Schlingensief jedoch sein Inneres nach vorne preschen und macht sich dabei nackt: Jenseits jeglicher Koketterie, poststrukturalistischen Spielerei und narzistischer Egomanie. Stattdessen wird das Tagebuch zu einem einzigen inneren Konflikt, einem Zwiegespräch, das Schlingensief mit sich selbst, Gott und der ganzen Welt führt. Gerade in seinen ausschweifenden Gedankengängen und inneren Monologen liest sich deutlich die Herkunft des Textes aus Diktiergerätaufzeichnungen heraus: Es gibt keine Konsistenz, keine klare Struktur in Schlingensiefs wilden, hektischen Gedankensprüngen. Mal in sich gekehrt, meditativ, dann wieder expressiv, laut, unbarmherzig. Schlingensief verflucht Gott, schwört dem Glauben ab, verliert sich in nihilistischer Trauer, nur um kurz darauf spirituelle Gedanken zu äußern, die von ihm so nicht zu erwarten waren. Dabei jedoch ohne sakralen Pathos – und wenn, dann immer durch die eigene Reflexion und Selbstironisierung gebrochen. Viel mehr hört liest man hier einen Getriebenen, Suchenden, sich immer wieder Findenden und kurz darauf selbst Abstoßenden.

Die inneren Zwiegespräch des Krebspatienten Schlingensies offenbart existenzielle, existenzialistische Wunden, sowohl physische als auch psychische, und der Träger dieser Narben lässt uns ungefiltert an seinem Schmerz teilhaben: Warum ich? Wie geht es weiter? Gibt es etwas, was mir Kraft verleihen, mich halten kann? Jede Flucht in die Spiritualität wird zu ihrer eigenen Infragestellung, und auch wenn Schlingensief dabei öfter mit seinem Hang zum Esoterischen kokettiert, findet er doch auch jedes Mal zu pragmatischen Überlegungen und generellen Zweifeln zurück. Das ist weder in sich geschlossen, noch dialektisch versiert, und gerade dadurch so ungemein authentisch und empathisch, dass es zum Mitleiden – im wahrsten Sinne des Wortes, weder moralisch noch ästhetisch sondern einfach nur echt – herausfordert:

Dieses Gefühl so radikal meiner Freiheit beraubt zu sein, habe ich noch nie gespürt. Ich habe immer die Freiheit gehabt, die Welt zu zitieren, über die Welt zu weinen, sie lächerlich zu machen oder auch einfach nur langweilig zu finden. Und ich habe diese Freiheiten ja auch genutzt bis zum Abwinken. Jetzt geht das eben nicht mehr, und das macht Angst.

Trotz der intellektuellen Gefechte Schlingensiefs zwischen Pathologie und Metaphysik, obwohl auch des öfteren Beuyss zitiert werden darf, wird “So schön wie hier…” nie zum akademischen Schaulaufen, nie zum bildungsbürgerlichen Narzismus. Dafür ist die Angst einfach zu echt, ist der Zorn zu unaffektiert, die Freude zu euphorisch, fast schon irreal antirationalistisch. Was hier zu lesen ist, ist ein authentisches Selbstporträt eines Mannes, der sich weder vor seiner Krankheit noch vor seinen Zweifeln noch vor seinen sich überschlagenden Gedankengängen versteckt. Ein beeindruckender, intimer innerer Monolog, der nicht nur als Spätwerk überzeugt, sondern ebenso erneut deutlich macht, warum Schlingensief sowohl als Künstler als auch als Mensch mehr als fehlen wird.

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