Retrospektive zur Einstimmung auf das neue Radiohead Album “The King of Limbs”

Sie haben uns mal wieder eiskalt erwischt: Vollkommen unerwartet, dafür aber umso mehr erhofft, versetzte diese Woche die Ankündigung eines neuen Radioheadalbums die gesamte Musiklandschaft in Hysterie. Insbesondere weil “King of the Limbs” bereits in sieben Tagen (mittlerweile nur noch vier) veröffentlicht werden soll, wie schon “In Rainbows” zuerst nur als digitales Album zum Download, später dann – ebenfalls wie “In Rainbows” – als schicke Special Edition mit besonderem Artwork und expansiven Boni. Um die Wartezeit auf das neue Glück ein wenig zu verkürzen, hier eine kleine Retrospektive auf die bisherige Radiohead-Discographie.

On A Friday/Shinding – Demos

(1988/1990)

Wer es nicht glaubt oder tatsächlich wissen möchte. Radiohead waren auch einst nur eine durchschnittliche Studenten-Band, die mehr schlecht als recht Pixies, The Cure und The Smiths nachahmte und Songs wie Happy schrieb. Best Band ever ?…Eventuell von Oxford.

Drill EP

(1992)

Die Drill EP ist ein recht konservativer Einstieg in das später äußerst bunte und abstrakte Radiohead-Universum. Die charismatische Stimme von Thom Yorke wirkt hier noch unsicher und längst nicht so ausgearbeitet, wie eigentlich der gesamte Sound der Drill EP, der nachfolgende Großtaten nur erahnen lässt. Trotzdem sind Songs wie Stupid Car schöne rehäuige Lieder, mit der damals schon typischen Melancholie.

Pablo Honey

(1993)

“Huh, Huh, Huh, Music that don`t suck. Englands rowdiest Band with their Special Debut Album, feautring the self- loathing anthem  Creep….” Ganz ehrlich, hätte man nach diesem Marketing Fail noch Lust auf ein Album von einer Band, die auf dem Pressefoto zudem aussieht wie nach nach schlecht verlaufenen Day Off in Hollywood? Nun ja, es waren die frühen 90er. Die self-loathing anthem Creep, die zwar mittlerweile ein wenig todgedudelt ist und gerne mal in Hollywood und auch deutschen Filmen zitiert wird, aber massiven Airplay auf MTV bekam, hat bestimmt keiner vergessen, der es damals zum ersten Mal sah. Die anfangs noch behähige und balladeske Nummer wird plötzlich von Johnny Greenwood Gitarre abgewürgt und steigert sich in die später so typische wütende Verzweiflung. Der Einfluss von Grunge ist auf Pablo Honey allerdings unüberhorbar und dieses ordentliche, aber nicht außergewöhnliche Album atmet noch tief den Zeitgeist der Generation X.

The Bends

(1995)

Während die ersten Gehversuche von Radiohead eigentlich auch von bekennenden Fans ignoriert werden, ist und bleibt das zweite Album The Bends  ein Streitfall.  “Brit Pop” schimpfen die Prä-Ok Computer Fans, während die andern sich wieder nach den großen Melodien von Fake Plastic Tree zurücksehnen und das Gefühl haben, dass ihre einistige Lieblingsband irgendwann von Außerirdischen entführt wurde. Dabei ist The Bends der erste rundum überzeugende Auftritt einer Gruppe, deren Sound einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht hat, komplexer wirkt und trotzdem noch den jugendlichen Esprit austrahlt, der ihnen später abhanden kommt (*oder auch nicht, je nachdem wie man zur Radiohead-Entwicklung steht). Wer zudem meint, daß Radiohead erst ab Ok Computer anfingen mit trippigen Sounds zu arbeiten, darf gerne mal Bullet Proof…I Wish I Was anhören. Durch die Produktion von John Leckie und vor allem Nigel Godrich, der auch später alle Alben der Bands produzierte, entfaltet die Stimme von Thom  Yorke erstmals all ihre Facetten von zerbrechlich hoher Tonlage in High & Dry, über das hasserfüllte Just hin zur finalen Resignation von Street Spririt. Ein großes Album, mit großartigen Songs und wer konsequent den Einstieg mit dem Nachfolger beginnt verpasst einfach zu viel.

OK Computer

(1997)

Streifall Nummer 2. Da wir hier auch in der Redaktion auf keinen gemeinsamen Nenner kommen, zwei Meinungen zu dem dritten Album von Radiohead:

Nein, Nein und nochmals Nein. OK Computer ist nicht das epochale Überalbum, zu dem es gerade in den letzten Jahren immer mehr hochstilsiert wurde. Angefangen bei der  ersten “Wie ich mal Prog sein wollte”-Single Paranoid Android, die sich linkisch in verschiedene Parts unterteilt und schon auch schon den Hang zur Überambition erkennen lässt, die auch das Album auch heute für mich immer noch relativ schwerverdaulich konsumieren lässt. Hinter tausend Streicher und Effekt-Kram und Produzentenspielerien verbirgt sich ein nicht zu Ende gedachtes The Bends 2.0, daß schon altklug einen Schnitt andeuten möchte, der aber erst mit dem wirklich Überalbum Kid A erreicht wurde. Ein schönes und majestätisches Album ist es trotzdem geworden, vor allem hervorzuheben ist das an Traurigkeit kaum noch zu ertragende Exit Music (For A Film). (Rinko Heidrich)

Um eins gleich klar zu stellen: Ok Computer ist nicht mein Lieblingsalbum der Radioköpfe, rangiert aber mindestens unter den Top3, vor “The Bends” und vor “Hail to the Thief” allemal. Und bevor hier weiter auf “Paranoid Android” eingedroschen wird: Dieser grandiose Dreiakter ist die wohl beste Psychedelic-Rockoper seit (dem strukturell sehr ähnlichen) “A Day in the Life” von den Beatles. Aber auch darüber hinaus markiert das Album ein eindrucksvolles Schwellenwerk zwischen den Rockursprüngen und der späteren experimentellen Ausrichtung der Band; versehen mit zahlreichen Zitaten und Reminiszenzen: Von progressive über Kraut und Psychedelic bis hin zu Brit Pop und experimentellem Noise. Allein schon wegen des fließenden Vierergespanns im Zentrum des Albums ein wegweisendes, faszinierendes und mitreißendes Erlebnis. Wahrscheinlich das heterogenste, unentschlossenste Album der Band, aber gerade deswegen die perfekte Antizipation späterer Experimentierfreude. Nach wie vor ein unentbehrlicher 90er Jahre Klassiker. (Florian Bayer)

Kid A

(2000)

Der Meilenstein, der das neue Jahrtausend mehr als gebührend einleitete… Kid A ist ein postmoderner Klassiker, der sowohl Fans als auch Kritiker gößtenteils sprachlos zurückließ. Ein Monolith von einem Album, über das so viel geschrieben, so viel gesagt werden könnte und dem man doch nur sprachlos begeistert gegenüber stehen kann. Daher seien auch an dieser Stelle nicht viele Worte an diesem experimentellen, progressiven Popmonument verloren. Es muss einfach selbst erlebt werden. Und wer noch mehr wissen will, den verweisen wir an dieser Stelle einfach auf unsere ausführliche Rezension des Albums anlässlich dessen zehnten Geburtstags. Nach wie vor ein unvergleichbares Mammutwerk, das gar nicht genug geehrt werden kann.

Amnesiac

(2001)

Bei Erscheinen wurde Amnesiac gerne mal als einfaches “Kid B” abgetan, und das hat schon seine Berechtigung. Im Gegensatz zu den Vorgängern fand hier zum ersten Mal keine große (R)Evolution im Radiohead’schen Sound statt. Amnesiac besteht aus Songs der Kid A Sessions, und das hört man dem Album auch zu jedem Augenblick an. Dennoch – oder gerade deswegen – ist auch Kid B Amnesiac ein faszinierender musikalischer Trip geworden. Vielleicht ein bisschen so etwas wie der gutherzige, warme Zwillingsbruder von Kid A, darüber hinaus aber vor allem eine Sammlung erstklassiger Songs. Nicht ganz so im Fluss wie der Vorgänger, dafür aber mit Liedern, die auch als Einzelstücke, sogar als Singles, zu überzeugen wissen. Mit “I might be wrong” tief im Postrock verwurzelt, mit “packed like Sardines” im heftigen Flirt mit Electro-Pop und mit “Living in a Glasshouse” einen faszinierenden Post-Jazz-Pop Monolithen kreierend. Pflicht für alle, die Kid A bereits zu schätzen wussten.

I might be wrong: Live Recordings

(2001)

Eine Perle in der Radiohead’schen Discographie stellt ebenfalls das Live-Album “I might be wrong” dar, auf dem Songs von Kid A und Amnesiac in neuem Glanz erstrahlen dürfen. Und das ist hier im Vergleich zu zahlreichen Live-Veröffentlichungen anderer Bands tatsächlich wörtlich zu nehmen. Denn Radiohead interpretieren einige Songs tatsächlich neu, kehren aus dem Electromonster “Idioteque” die Rockseite heraus, zerschmettern mit dem wüsten “National Anthem” die Hörerschaft noch mehr als auf der Albenversion und verwandeln das groteske “Like spinnig plates” in eine herzzereißende Pianoballade. Eine wesentliche Ergänzung zum Radiohead-Gesamtwerk und weitaus mehr als nur ein weiteres Live-Album.

Hail To The Thief

(2003)

Back to the Roots? Vielleicht, vielleicht ein bisschen. Vielleicht auch die Versöhnung vom Indie-Rock der Anfangstage mit dem beinahen Britpop-Flirt mit dem avantgardistischen Elektronikexperimenten der Kid A Phase. Aber was ist schon ein ‘Vielleicht’, wenn Hail to the thief ganz sicher ein grandioses, eigenständiges und wieder mal mehr als originelles Album ist. Düstere, apokalyptische Soundscapes treffen auf treibenden Rock N Roll  (2+2=5), treffen auf avantgardistische Experimentalstücke (We suck young blood) treffen auf melancholische Gitarrenhymnen (Go to sleep) und lakonische Zynismen (A Wolf at the Door). Hail to the thief ist wieder einmal ein großes, zeitloses Statement, politisch aktuell und zugleich universell, abstrakt und bissig konkret und einfach nur wunderschön.

In Rainbows

(2007)

Der letzte große Streich von Radiohead, der im Vergleich zu den experimentierfreudigen Vorgängern fast so etwas wie eine Versöhnung mit dem Elektropop darstellt. Nicht selten hört man aus dem damals kostenlos zum Download angebotenen Material die Einflüsse von Thom Yorkes Soloalbum heraus. Und diese bestehen vor allem aus düsteren, melancholischen Elektronica, kombiniert mit diversen Postrockeinflüssen und einer nicht zu leugnenden Popatmosphäre. Und gerade befreit von allen experimentellen Ambitionen können Radiohead hier vollkommen unbekümmert ihr Talent für herausragende Songs unter Beweis stellen. In Rainbows ist ein ruhiges, melancholisches und geradezu hypnotisches Werk, ohne die Schwere von Kid A, aber dennoch ungemein dicht und mitreißend. Ein faszinierender Electrotrip und just another Radiohead Masterpiece. Etwas untergegangen und ebenfalls mehr als hörenswert ist übrigens die zweite Disc, die der regulär veröffentlichten Special edition beilag. Weitaus mehr als nur eine B-Side und eine großartige Ergänzung zu dem eigentlichen Album.

Und sonst…?

Hervorzuheben wäre noch die ebenso wunderschöne wie verstörende DVD Meeting People is easy, die Radiohead nach dem Erfolg von “OK Computer” begleitet und sich dokumentarisch und ästhetisch überhöht mit dem plötzlichen Hype um die Band auseinandersetzt. Dabei ist der Film von Grant Gee immer dicht an seinen Protagonisten, erzählt natürlich und authentisch um kurz darauf in abstrakte Bildsprache abzutauchen. Die beeindruckenden Musikvideos der Band findet der geneigte Zuschauer auf der DVD 7 Television Commercials, die wie der Titel verspricht sieben Musikvideos von “The Bends” und “OK Computer” enthält. Als Audiovisuelles Material gibt es dann eben noch die “Hail to the Thief” begleitende Kurzfilmsammlung The Most Gigantic Lying Mouth of All Time. Live in Praha ist ein von der Band abgesegnetes von Fans zusammengeschnittenes Konzertvideo, das es im Internet für lau gibt. Daneben gibt es noch einen ganzen Haufen EPs zur Vervollständigung der Sammlung, die wohl vor allem für hartgesottene Fans zu empfehlen – und mitunter schweineteuer – sind. Interessant ist hier vor allem die Com Lag EP (2004), die diverse B-Side-Songs und Remixes von Hail to the Thief einträchtig vereint enthält. Von den von EMI nach Ende der Zusammenarbeit veröffentlichten Best Ofs der Band sollte man allerdings Abstand nehmen, ebenso von der Special Box, einfach aus dem Grund, dass EMI mit diesen noch den ein oder anderen Euro machen wollte und beide lieblosen Zusammenstellungen ohne Zustimmung der Band veröffentlicht hat.

3 Gedanken zu „Retrospektive zur Einstimmung auf das neue Radiohead Album “The King of Limbs”“

  1. Danke für Lob und vielen Dank für die Verlinkung! :) Sooo groß sind wir auch nicht, aber so langsam zahlt sich doch die Mühe und der Ehrgeiz aus.

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