Hörenswertes: Februar 2011 (II)

Nachschub von großen Bekannten: Bright Eyes veröffentlichen mit “The People’s Key” ein Album, in dem sie tatsächlich als Band (!) funktionieren, Mogwai feiern erneut überzeugende Postrockexegesen und PJ Harvey überrascht mit einem vielschichtigen und komplexen Folkwerk.

Bright Eyes – The People’s Key

(Universal 11.2.2011)

Conor Oberst also mal wieder… War ja auch langsam Zeit, dass der Barde uns mit einem neuen Werk beglückt. Und wie immer bei seinen neusten Veröffentlichungen stellt sich auch hier die Frage: Ist der Jungspund endlich “erwachsen geworden”? Oder läuft er noch weiter naiv pubertär seinen eigenen Emotionen nach. Im Gegensatz zu den Vorgängern kann ihm dieses Mal tatsächlich Erfolg bei der Emanzipation von sich selbst bescheinigt werden. Das liegt in erster Linie daran, dass er seinen Mitstreitern ordentlich Platz zum Atmen gibt. Noch nie zuvor klang Bright Eyes so sehr nach Band wie auf “The People’s Key”. Klar die klassischen Trademarks sind nach wie vor vorhanden: Dunkler bis naiv kitschiger Weltschmerz, gehüllt in feinsinnige kleine Folkballaden, die Geschichten von Gott und der Welt erzählen.

Anstatt eine One-Man-Show zu sein, werden diese jedoch stärker als zuvor von einem großen musikalischen Backgrund eingerahmt, inklusive Düsterpathos und Anti-Folk-Unterminierung. So erinnern die elektronischen Sperrfeuer an das spannendste – und vielleicht am meisten unterschätzte – Bright Eyes Album “Digital Ash in digital Urn”, während die gitarrenlastigeren Stücke vom Folkrock bis zum gediegenen Indiepop wandern. Die Wut und der leicht pubertärer Habitus sind nach wie vor vorhanden, aber “The Peoples Key” funktioniert auch fernab von larmoyanter Songwriterpoesie und Tagebuchlyrik. Kann man sich auch als Bright-Eyes-Nichtmöger anhören.

Mogwai – Hardcore will not die, but you will

(Rough Trade, 11.2.2011)

Gehören Mogwai zu den wenigen Bands, die nicht akzeptieren wollen, dass Postrock von seinen eigenen Epigonen überholt wurde? Immerhin veröffentlichen sie mit erschreckender Regelmäßigkeit ein instrumentelles Postrock-Album nach dem anderen, ohne von den Erschütterungen, die das Genre in den letzten Jahren durchlebte, tangiert zu werden. Vielleicht blieben sie davon verschont, weil sie noch nie so ganz in die Welt der >10minütigen Hymnen hineinpassten, trotz epischer Arrangements in erster Linie Songs schrieben, anstatt sich in ausufernden Kompositionen zu verlieren.

Auch “Hardcore will never die, but you will” steckt voller Songs, bewahrt sich zwar die ausgedehnten, monotonen und schleichenden Elemente des Postrock, flirtet aber ansonsten heftig mit anderen Genres. Dabei steht im Gegensatz zu der Rock- und Metalausrichtung vergangener Alben dieses Mal stärker das Spiel mit dem Digitalen im Vordergrund, auch wenn es weiterhin deftige Rockeinschübe gibt. Zu diesen gesellen sich jedoch heftige Flirts mit elektronischem Indiepop, inklusive verwaschener hintergründiger Stimmen… Das kann dann mitunter sogar fast tanzbar sein. Zentral ist aber das sich langsam Aufbauende, Elegische, der Kampf mit den eigenen Brüchen, mit der eigenen Monotonie und das Verschmelzen von Pathos, Härte und Irritation. Das ist zwar immer noch sauberer, gediegener Postrock, allerdings oft genug ausschweifend, explodierend genug, um das Genre am Leben zu halten. Nicht ganz so kompromisslos wie 65daysofstatics Postpostrockinterpretation, nicht ganz so das Genre zerreißend wie A silver Mt. Zion, aber ein vitales, zur Tradition stehendes Statement: Postrock will not die, so we won’t!

PJ Harvey – Let England shake

(Universal, 11.2.2011)

Ach PJ… Könntest du dich mal mit dir selbst auf einen einheitlichen Stil einigen, müsstest du nicht jedes Mal aufs Neue Kritiker wie Fans von dir überzeugen. Weißt du, einerseits ist das ja schön, sind deine Alben dadurch immer so etwas wie eine Wundertüte, bei der man nie genau weiß, welches Genre am Ende raushüpft, andererseits kann kann ich mir so nie sicher sein, ob deine aktuelle Phase gerade meine richtigen Empfindungen trifft. Zwischen Schulterzucken und heller Begeisterung. So ist es jedes Mal. Und jedes Mal, wenn ich ein neues Album von dir höre, frage ich mich: Und was kommt nun?

Aber ich will nicht ungerecht sein. Trotz ständiger Wechsel, trotz musikalischer Dissoziation mag ich deine Alben. Und Let England shake gefällt mir ganz besonders. Ja, tatsächlich. Ist gar nicht die Art von Alben, die ich von dir mag. Weißt du, ich stehe auf die düstere und gebrochene Harvey, auf die elektropoppigen Sperrfeuer, die wilden und zugleich tanzbaren Rhythmen. Dein neues Album hat beides nicht. Stattdessen versuchst du dich jetzt also in ein wenig Ethnofolk, in optimistischem – mitunter etwas zu esoterischem – Indiesongwriter whatever. Auch wenn du dich mit der Geschichte Englands beschäftigst, auch wenn du das Ganze in einer Kirche aufgenommen hast, scheinst du dafür doch um die Welt und durch die musikalischen/religiösen Spielarten gefahren zu sein.

Macht nichts. Denn das Ergebnis ist wirklich himmlisch: Voll getragenem Folkpathos, mit viel Kraft und Herzenswärme; sich langsam heranpirschend und eine große, emotionale Komplexität offenbarend… musikalisch – trotz der harten Texte – nie mit düsterer Subversion kämpfend, sondern mit feiner Klinge. Ja, das ist einfach wunderschön, intelligent, bescheiden aber nie geizig… und vor allem atemberaubend, immer in jenen Momenten, in denen die zurückhaltend etablierte Schönheit von deiner markanten, nach wie vor unter die Haut gehenden Stimme zersetzt wird. Vielleicht deine Form von Anti-Worldmusic, von zerschnittenem Ethnofolk zwischen Gospel, Pop, Songwriter, Afrikaan… und was sonst noch alles. Aber du hast es mal wieder geschafft und mein Herz im Sturm erobert; zumindest bis du deinem nächsten Album.

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