Die besten Kriegsfilme der 90er – Warum Saving Private Ryan da nicht rein gehört

Was wir auf der Leinwand sehen, könnte der bis dato  heftigste Antikriegsfilm aller Zeiten, zumindest aber der extremste Kriegsfilm der 90er sein. Ein blutiges – phasenweise kaum zu ertragendes – Gemetzel ohne Vergleichsmöglichkeit: Der Sturm auf den Strand in der Normandie, ohne Musik, ohne unnötige Effekte, stattdessen mit verwackelter Handkamera, aus der Sicht einfacher Soldaten und direkt im Geschehen, nah, unter die Haut fahrend und gewalttätig. Das Licht im Kinosaal ist gerade ausgegangen, da geht es auch schon los. Die amerikanischen Soldaten sitzen in ihren Landebooten, blass, übermüdet verängstigt, die ersten von ihnen übergeben sich bereits und dann wird die Klappe geöffnet, die erste Reihe von Kämpfern wird von Maschinengewehrsalven niedergemäht und die restlichen stürzen in die Fluten des Meeres. Ein Feuerhagel, unbeschreiblicher Lärm, plötzliche Stille in dem Chaos, da einer der Soldaten fast komplett taub ist durch dieses Maschinengewehrgewitter; und dann sehen wir den Krieg in all seinen Schrecken:

Ein verzweifelter (wie alle in dieser Szene) namenloser Soldat versucht seine Organe zurück in den Körper zu pressen, ein anderer hält irritiert seinen rechten Arm nach oben, der ihm soeben abgeschossen wurde, ein weiterer bekommt eine Kugel direkt in den Helm, zieht diesen aus, um seinen „Lebensretter“ überrascht zu mustern und wird in der nächsten Sekunde von einem ganzen Kugelhagel getötet. Sanitäter haben es gerade so geschafft einen Schwerverletzten wieder zu stabilisieren, als diesen eine tödliche Kugel direkt in den Kopf trifft, Blut und Schweiß, das Chaos und die Angst sind zu spüren, erbarmungsloser war der Krieg auf der Leinwand nie, näher war der Zuschauer nie am Geschehen. Es ist tatsächlich ein Meisterwerk des Antikriegsfilms, was uns „Saving Private Ryan“ innerhalb von 30 Minuten optisch und akustisch zumutet: Brutal, ungeschönt und wegweisend für die Darstellung von Schlachtengewalt und Kriegsschrecken. Leider dauert Steven Spielbergs Blick auf den zweiten Weltkrieg keine 30 sondern 160 Minuten und nach dieser ebenso erschreckenden wie fantastischen Anfangssequenz bekommt der Film eine Geschichte, die den ersten Teil zur reinen Farce verkommen lässt.

Denn diese Geschichte ist klassisches Hollywood-Pathos-Kriegskino, wie es kitschiger, heroischer und unangenehmer nicht sein könnte. Der Soldat James Francis Ryan (Matt Damon) befindet sich mitten im europäischen Kriegsszenario. Da seine drei Brüder alle in Schlachten des Weltkrieges gefallen sind, beschließt die Regierung den letzten Ryan sicher nach Hause zu bringen. Captain Miller (Tom Hanks), der gerade erst die Invasion der Normandie lebend überstanden hat, wird persönlich beauftragt mit seinen Männern James Ryan sicher zurück in die USA zu bringen. Doch dieser ist mit einer wichtigen Aufgabe betraut worden und will auch seine Pflicht erfüllen, selbst wenn es sein Leben kostet.

Klingt pathetisch? Ist es auch. So akribisch Spielberg versucht, die Geschehnisse des Krieges sichtbar zu machen, so sehr versagt er doch darin, wenn es darum geht, den eigentlichen Irrsinn des selben darzustellen. Die Geschichte um einen heldenhaften jungen Soldaten, Pflichterfüllung, und militaristische Kampfbereitschaft ist vollgeladen mit Hollywood-Klischees, mehr noch, eben gerade diese Affizierung des heldenhaften Kampfes bis in den Tod erinnert frappierend an die Propaganda des Nationalsozialismus und dessen Postulat bis in den Tod zu kämpfen, an den kleinsten Nebenkriegsschauplätzen, unabhängig davon wie aussichtslos die Situation sei. Eben so unangenehm wie diese merkwürdige Kriegsmoralisierung sind die überzeichneten Charaktere: Matt Damon als tapferer junger Krieger, der weiß für welche Freiheit er kämpft, Tom Hanks als die tapfere und zugleich besorgte Vaterfigur, die unentwegt der jungen Generation wichtige Lebensweisheiten mit auf den Weg gibt, und auch jenseits der beiden Protagonisten – in der 8köpfigen Rettungstruppe – finden sich klischeehaft überzeichnete Figuren.

Da hilft es Spielberg auch nicht mehr, dass er diese Rollen dazu nutzt, Konflikte entstehen zu lassen, die den Sinn der Rettungsmission anzweifeln: Die kritischen Töne werden eher hilflos und wenig überzeugend angeschnitten, ohne ausreichend reflektiert zu werden; und am Ende werden sie doch vom Kampfesgeist und Einsatzwillen der tapferen Soldaten unterminiert. Spielberg nutzt sie trotzdem einstweil, um dem Zuschauer ein Anti-Kriegsszenario vorzugaukeln: Umso ärgerlicher, dass diese interessanten Denkansätze gegen Ende hin, sukzessive von plattem Pathos und nerviger Heroisierung düpiert werden. So bleibt den Skeptikern keine Chance, da jede Fragwürdigkeit des gesamten Geschehens durch den Pathosdampfhammer vernichtet wird. Eine unangenehme Moralkeule und in letzter Konsequenz eben so tödlich wie die Maschinengewehrsalven zu Beginn des Films.

Zu Gute halten kann man dem „Soldat James Ryan“ immerhin, dass er seine stilistische Radikalität, trotz des misslungenen Plots, den gesamten Film über aufrecht hält. Auch wenn die Kriegsszenen im Angesicht der Hintergrundgeschichte nicht mehr so verstörend wirken wie zu Beginn, bleibt Gewalt Gewalt. Immer wieder gibt es hektische, markerschütternde und in ihrer Grausamkeit verstörende Szenen, die tatsächlich wegweisend und bis dato unerreicht sind, wenn es um die Darstellung von Kriegsgewalt geht. Das macht „Saving Private Ryan“ zwar nicht zum überzeugenden Anti-Kriegs-Statement wie z.B. Platoon, Die Brücke oder Full Metal Jacket, aber es rettet ihm immerhin gerade so noch den Hals. Allein wegen seiner expliziten und realistischen Darstellung der Geschehnisse ist Spielbergs Kriegs-Epos sehenswert, die Story rund um die beeindruckenden Szenen kann allerdings wie schon „Der längste Tag“ entweder nur  verständnisloses Stirnrunzeln oder gar verärgertes Kopfschütteln hervorrufen.


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