Die 90er Jahre: Die besten elektronischen Alben des Jahrzents I

Die 90er waren gerade für den elektronischen Bereich ein Quantensprung nach vorne. Sicherlich hatten Techno und House ihren Ursprung unter anderem in der Detroit Szene der 80er Jahre, aber dank  Events wie der Loveparade entwickelten sich harte und schnelle Beats erst zu Beginn der 90er zu einem Massenphänomen, das sogar Rockbands infizierte. Ende der 90er gehörte es schließlich zum guten Ton, wenn man angesagt und hip erscheinen wollte, mit Electro zu arbeiten.  Selbst U2, in den 80ern eher für Vokuhila-Frisuren und erdigen Rock-Sound bekannt, flirteten schon zu Beginn der 90er heftig mit Hooks aus den Techno-Clubs und schockten ihre Fans mit dem Dance-orientierten Album “POP” und einer Bühnenshow, die man eher auf der mittlerweile etwas vergessenen Großveranstaltung Mayday erwartet hätte als im klassischen Rockstadion.

Trotz allem gingen Electro-Beats und Rock anfang des Jahrzents noch getrennte Wege. “Gib Techno keine Chance”-Shirts strafften sich über beleibte Bier-Bäuche der truen Metalfans und auch heute wird noch in konservativ geprägten Provinznestern, in denen Bandana-Träger die Vorherrschaft in der hiesigen Dorf-Disco haben, alles aus dem elektronischen Musikbereich unter ” so umks umsk umsk “-Musik kategorisiert. Anfang der 90er sah es jedenfalls nicht nach einer großen Liebesheirat zwischen den verschiedenen Genres aus. Ein großer Verdienst dieses Jahrzents ist daher das Einreißen und Verwischen sämtlicher Genre-Grenzen; und fern einer Katastrophe wie Tschernobyl in den 80er oder 9/11 in den 00er Jahre war das Lebensgefühl der Jugend optismistisch und im zunehmenden Verlauf auch liberal gegenüber Neuem. Bands wie Massive Attack und Portishead entwickelten bald einen eigenen Sound, der langsame Hip Hop Beats mit düsteren Soundscapes verband und bald “Future Sound of Bristol” genannt wurde; überhaupt war Thema Future ein großes Ding und wohl der Gegentrend zu dem düsteren “No Future” der nihislistschen Punk-Generation der 80er Jahre und dem Zynismus der Generation X.

So sah man auf MTV ständig reichlich blöde Techno Clips, die alles rauskitzelten, was ein Pentium Prozesor mit sagenhaften 90 Mhz an Effekten hergeben konnte. Da flogen gemorphte Projekte durch eine bunte Drogen-Zukunfts-Landschaft, die wohl den Geist von Virtual Reality – noch so ein Modewort dieser Zeit – atmen sollten. Auch wenn solche Sachen heute eher großes Fremdschämen hervor rufen, hat wohl kaum ein anderes Genre so einen großen Einfluss auf die musikalische Entwicklung der 90er gehabt: Die Vermischung mit Hip Hop ergab Trip Hop, und der Crossover mit Rock erschuf unter Anderem das Industrial-Meisterwerk The Downward Spiral von den Nine Inch Nails. Eigentlich zu der Zeit unvorstellbar, dass 2001 eine Neo-Wave-Band wie die Strokes den Rock-Konservatismus der 00er begründen sollten.

Björk – Post

(One Little Indian, 1995)

Björk oder mit ihrem bürgerlichen Namen Björk Guðmundsdóttir, war schon in den 80ern keine unbekannte Person  in der internationalen Musikszene: Immerhin Sängerin der Sugacubes, Islands bisher dato einzig nennenswerte Indie-Band. Doch schon auf ihrem ersten Soloalbum “Debut” zeigte sich die kleine Frau äußerst experimentierfreudig, wenn auch noch teilweise zu kratzbürstig und ungestüm. Post  hingegen ist der Reifeprozess  schlechthin und gehört definitv in die Top 5 der besten 90er-Alben. Hypnotischen Ambient-Sound, 60er Big Band Jahre Sound, Industrial und Pop mischte Björk wie selbstverständlich durcheinander und war nicht mehr rehäugige Beobachterin, sondern selbstbewusste Schrittmacher der 90er Jahre Avantgarde-Musik.

Aphex Twin – Selected Ambient Works II

(Warp, 1994)

Ambient Hier, Ambient dort. Sorry, aber dieser Begriff wird hier noch mehrfach auftauchen. Er ist natürlich keine 90er Erfindung, aber hatte dort seine größten Erfolge. Richard D. James, den ein Magazin mal den “Mozart des Techno” nannte, veröffentlichte 1994 den zweiten Teil seiner Ambient Works und zeigt neben seiner exzentrischen Seite auch ruhige traumhafte Momente, wie das zeitlose schöne “On”. Wer hier trotzdem zu irgendwelchen Chillout-Samplern griff oder Trance-Pop hörte trägt auch heute noch stolz sein Tribal-Arschgeweih durch die Gegend.


Prodigy – Music For The Jilted Generation

(XL Recordings,1994)

1994 kommt es zu der ersten Annäherung der beiden verfeindeten Lager Techno und Rock. The Prodigy verliesen die Acid House Clubszene und erweiterten ihren Sound um Jazz, Gitarren, Hip Hop und Breakbeats. Während der musikalische Kopf Liam Howlett mehr oder weniger den Sound im Studio-Alleingang entwickelte präsentierte sich The Prodigy live als Band, unter anderem mit dem leicht psychotisch wirkenden Keith Flint, und stellte allein damit schon einen Kontrast zu dem Auftreten anderer Electronic Acts dar, die meist nur aus einem oder zwei Djs bestanden und autistisch an Knöpfen drehten. Fast 20 Jahre später klingt zugebenermaßen nicht alles so hip und großartig wie damals, aber dieses Album war zu dem Zeitpunkt seiner Zeit weit vorraus und riss zahllose Grenzen ein.

Moby –  Everything Is Wrong

(Mute Records,1995)

Moby kennt man mitterweile als glatzköpfigen Konsens-Gutmenschen, der sich erst mit dem gelungenen 2009 Album Wait For Me von seinem 00er Kommerz-Trip erhohlt hat. Eigentlich kaum zu glauben, dass der New Yorker mal eher als Exzentriker und visionärer DJ von sich reden machte. Everything trifft es wirklich, auf dem Album gibt es das volle Paket aus Techno, House und dem in den 90er schwer angesagten Ambient. Wer das Glück hatte die limiterte Auflage zu erwischen, konnte sich noch über eine Bonus Disc names “Underwater” freuen. Wer mal wissen möchte wie 1995 geklungen hat darf hier zugreifen.

Daft Punk – Homework

(Virgin,1997)

Wir befinden uns nun im Jahr 1998, wo House seine erste Krise erlebte und ein wenig gleichförmig und altbacken wurde. Besser hätte der Moment für Daft Punk nicht sein können: Mit Homework explodiert endgültig die French House Bewegung, die  schon Alex Gopher vorweg genommen hatte, und bringt die Dance-Jünger rund um den Club wieder zurück auf die Tanzflächen. Und nicht nur die, auch Rocker können sich für den Sound, der eine Mischung aus harten Discosound und Filter-House ist, begeistern. Da  Daft Punk stets maskiert zu Photo-Shootings und Live-Auftritten kamen, darf man immer noch spekulieren ob ihre legitimen Nachfolger Justice nicht doch mit ihnen identisch sind.

Leftfield – Rythm & Stealth

(Higher Ground, 1999)

Leftfield, die schon mit Leftism einen Meilenstein vorlegen konnten, beenden die 90er mit einem unterkühlten und düsteren Album, passend zu der apokalyptischen Weltuntergangsstimmung die Ende der 90er um sich greift. Hier ist nur wenig von dem Optimismus der Raver zu spüren. Stattdessen orientiert man sich wieder am härteren Detroit Techno und huldigt auf Africa Shox Electro Pionieren wie Africa Bambaata. Zwei Alben, zwei Geniestreiche,ein großartiges Jahrzent für Leftfield, die ihren Ruf nicht ruinierten und sich nach Rythm & Stealth auflösten.

Fatboy Slim – You`ve Come a Long Way Baby

(Skint, 1998)

Ähem, ob Norman Cook und sein fetter Big Beat-Pop wirklich soooo großartig waren? Who cares! Die Chemical Brothers waren sicherlich der (wesentliche innovativere) Pate für dieses bunte Crossover-Album, das einfach deren Mischung aus 80er Hip Hop und Electro aufnimmt und daraus wohl das größte Hitalbum der 90er Electronica überhaupt zusammen schustert. Diese Hitdichte erreichte nicht einmal Moby, dessen Play später zwar noch einmal den kommerziellen Erfolg toppte aber nicht wirklich besser war. Rockafeller Skunk ist ist einer nervigsten Songs aller Zeiten geworden, aber Right Here, Right Now kann man doch nicht ernsthaft scheiße finden?

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