TOOL – Ein Blick zurück nach vorn und hinter das Universum

Seit der der 1996 erschienenen „Ænima“ lagen zwischen den release-dates der beiden folgenden Tool-Alben jeweils 5 Jahre: „Lateralus“ erschien 2001 und die „10.000 days“ schließlich 2006. Wird Tool diese Serie aufrechtherhalten? Zumal bereits letztes Jahr Gerüchte aufkamen, dass an neuen Songs gearbeitet werde. Aber vor allem, worum wird es im nächsten Album gehen?

Die 1993 erschienene “Undertow“ ist ein ziemlich rohes, düsteres und hartes Album. Ganz offensichtlich wurden hier persönliche Probleme verarbeitet. Interessanterweise jedoch endet das Album mit „disgustipated“, in dem Reverend Maynard sich mit dem Angel of the Lord unterhält und dieser ihm von der Ursache der Schmerzensschreie der Karotten erzählt: „You see, Reverend Maynard, tomorrow is harvest day and to them it is the holocaust.” Das Album endet also betont absurd.

Absurdität, Ironie und Spott auf die doppelbödige christlich-amerikanisch Kultur, die sich schon in „disgustipated“ ankündigten spielen auf der „Ænima“ wieder eine Rolle. Das Booklet der CD ist zum Beispiel bespickt mit gefakten Tool-Alben, mit lustigen Titeln wie „Bethlehem Abortion Clinic “, „spring boner“ und natürlich die Krönung das „christmas album“. Zu Beginn von „eulogy“ wird Jesus gleich nochmal ans Kreuz genagelt, zu hören als, mit woodblocks erzeugte, hämmernde Klopfgeräusche. Im Song selbst wird dann der Jesus-Glauben ironisch in Frage gestellt: „to ascend you must die“

Doch nun ein kleiner Exkurs: als sich in den 50er und frühen 60er Jahren Rock´n´Roll und Beat-Musik etablierte und die Jugend, da sie mal nicht in einen Weltkrieg ziehen musste, sich als Jugend genießen konnte setzte eine Entwicklung in Richtung individueller Freiheit ein, diese Bewegung kulminiert dann zunächst in der Hippie- und freie-Liebe Bewegung. Das alles hat die Musik gemacht, sie hat für einen Ausbruch jugendlicher Energien und zum Widerstand und Aufstand gegen die Elterngeneration und dem konservativ-christlichen Establishment gesorgt. Aus dieser jugendlichen Rebellion stammt auch die Koketterie mit dem Bösen und Düsteren, mit Satan. Und als waschechte Rocker beziehen sich Tool natürlich auch auf diese düstere Legende.

Mit „Die Eier von Satan“, in dem auf Deutsch ein Haschisch-Keks-Rezept rezitiert wird, entblößen Tool die Koketterie mit Satan als leere Geste, als Witz. Aber auch mit „intermission“ und „Aenema“, in welchem sie ein Thema des comedians Bill Hicks aufgreifen, zeigen Tool dass ausgezeichnete Rockmusik sich Unernst und satirische Gesellschaftskritk leisten kann.Und wie endet das Album? Der letzte Song ist „third eye“. Das dritte Auge ist in vielen, mehr oder weniger esoterischen Glaubensrichtungen ein Element, welches auf eine Welt hinter der Welt, auf eine andere Realität verweist.

Während es auf der „Ænima“ um die Doppelbödigkeit zwischen Ernst und Unernst, also auch um eine Mehrdeutigkeit geht, greifen Tool dies auf dem folgenden Album „Lateralus“ auf und überspitzen dieses Thema. Heraus kommt dabei ein richtig gutes und sehr lebendiges Progressive-Rock-Album, in welchen man vieles hinein interpretiert hat, weil man es letztendlich hinein interpretieren kann.

Da ist viel von Esoterik die Rede, von Zahlenmystik, Spiralen, goldenen Schnitten, der Fibonacci-Folge der Kabbala und Zen. Tatsächlich erzählt das Album, je nach dem in welcher Reihenfolge man die Songs hört eine andere Geschichte, gerade das macht das Album ja auch so lebendig. Es hat warme Stellen, aber auch bedrohliche und kalte, menschliche und diabolische Züge. Eigentlich dreht sich alles ums Menschsein, genauso wie in jeder anderen Pop-Rock-Musik, jedoch eben von einem anderen point-of-view, ein wenig mystischer. Angesichts der Tatsache, dass insbesondere in den Videos immer auch eine Ästhetik des Hässlichen zum Tragen kommt, ist Tools ästhetisches Konzept einfach umfassender, ja eigentlich klassischer.

Die „Lateralus“ ist noch auf der Erde. Der letzte Track „faaip de oiad“ öffnet nun den Weg in den Weltraum. Man hört eine verstörte, angsterfüllte Stimme, die von Aliens redet und dass sie auf der Erde leben, also auch wieder eine Prise Unernst, jedoch bedrohlich dargeboten. Auf der „10.000 days“ sind Tool gewissermaßen im Weltraum und darüber hinaus angekommen. In „rosetta stoned“ wird die Alien-Thematik wieder aufgegriffen. Außerdem scheint der Song ebenso wie „third eye“ und „parabola“ die Erfahrung mit DMT zu beschreiben, dem stärksten Halluzinogen das es gibt, welches unser Körper selbst bilden kann und bei Nahtod-Erfahrungen ausschüttet.

In „wings for marry“ und „10.000 days“ verarbeitet Maynard den Tod seiner Mutter. Im Netz tauchte irgendwann das Gerücht auf, dass man in einem Audio-Editor an „wings for mary“ „Viginti Tres“ anhängen sollte und dieses Konstrukt dann auf der einen Spur und „10.000 days“ auf der anderen laufen lassen sollte, da die beiden ersten Songs zusammen genauso lang sind wie „10.000 days“ und viginti tres das lateinische Zeichen für 23, (2 und 3) ist. Eine dieser diversen Tool-Legenden. Nun, wenn man mal in einer Tool-Phase ist, dann kann das durchaus tripartige Züge annehmen. Jedenfalls hab ich das mal gemacht, und tatsächlich ist das schon ein außergewöhnliches Hörerlebnis. Mit der richtigen Anlage und an Tool glaubend, macht das schon Sinn und hört sich zum Ende hin an als würde sich der Raum dehnen. Dazu kommt das Artwork von Alex Grey, dieser ins Unendliche reichende schwarze Raum, der von diesen sich selbst beobachtenden Statue-artigen Köpfen getragen wird. Dieses Bild ist total Zen, welcher lehrt das der Mensch die Art und Weise des Universums ist sich selbst zu betrachten.

 

Da Tool quasi nun, ausgehend von Persönlichstem auf „Undertow“ über Betrachtungen des Menschen auf der „Lateralus“ nun auf der „10.00 days“ eine universelle Perspektive eingenommen haben, stellt sich die Frage: Was wird da kommen?

4 Kommentare zu “TOOL – Ein Blick zurück nach vorn und hinter das Universum

  1. Ich hab die letzte Tool zu oft gehört und so richtig komme ich noch nicht in Stimmung ;) Irgendwie finde ich mit einigem Abstand die 10,000 Days auch etwas nicht mehr so überirdisch wie die Alben davor und wünsche mir den kühleren Sound von Lateralus zurück.

  2. stimmt, die letzte ist schon ziemlich warm. ABER da is rosetta stoned drauf!

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