…And you will know them – “Trail of Dead” Retrospektive zur Einstimmung auf das neue Album “Tao of the Dead”

Nein! Man vergisst sie nicht so schnell, wenn man sie mal live gesehen oder gehört hat. Insofern ist der größenwahnsinnige Name “…And you will know us by the trail of Dead” durchaus Programm bei den Texanern. Auch wenn man angesichts seiner Länge dann doch gerne auf die etwas geschmeidigere Umschreibung “Trail of Dead” zurückgreift. Die Alternativerockband lebt seit den späten 90ern ihre ganz eigene Version von progressivem, wilden und lauten Rock N Roll, irgendwo zwischen Noise, Punk, epischem Postrock und auf späteren Alben sogar launigem, mehrspurigem und pathetischen Indie-Pop. Auch auf  dem neuen Album Tao of the Dead (Vö.: 7.2.2011) huldigen sie Vergangenem und feiern aktuelle Trends, rocken sie, ballern sie, zerstören sie und verschmelzen gestern und heute zu hymnischer Zwietracht. Aber wie kamen die musikalischen Exzentriker dahin, wo sie jetzt stehen? Zeit für eine kleine nostalgische Alben-Schau…

…And you will know us by the Trail of Dead

(Trance Syndicate, 1998)

Ganz schön roh und ungestüm ist es, das selbstbetitelte Album, mit dem Trail of Dead 1998 ihren Einstand in der alternativen Musikszene zelbrierten. Staubig, trocken und vor allem ausgesprochen wütend und laut. Auch wenn die epischen Qualitäten späterer Alben – nicht nur durch die ausufernde Länge der Songs – bereits auf dem Einstand zu erahnen waren, so lebt AYWKUBTOD (Dämlichste Namensbkürzung ever) vor allem von seinen Aggressionen irgendwo zwischen avantgardistischem, melodischem Postcore und ungeschliffenem Alternative Rock der Marke Pixies. Die kaputte, unsaubere Produktion des gesamten Sounds tut ihr übriges dazu, um hier ein authentisches, furchenbehaftetes Monster zu gebähren. Irgendwie mitreißend, herausfordernd und bedrohlich unvollkommen, aber bei weitem noch nicht auf dem hymnischen ekstatischen Stand der Nachfolger. Sollte aber jeder Trail of Dead Liebhaber zumindest einmal im Leben gehört haben.

Madonna

(Merge Records, 1999)

Wow! Was für ein Quantensprung. Wahrscheinlich ist das 1999er Werk Madonna nach wie vor das beste Album von “…And you will know us by the Trail of Dead”. Die perfekte Kombination aus roher, erbarmungsloser Aggression, fantastischem Songwriting und einer epischen, alles in sich aufsaugenden Gesamtatmosphäre. Die Produktion ist zwar bei weitem noch nicht sauber wie beim Nachfolger (der deshalb auch von vielen Trail of Dead Hörern präferiert wird), aber gerade das macht den besonderen Charme dieses gigantomanischen Rock N Roll Trips aus. Madonna ist perfekter, ungestümer und zugleich epischer, songverliebter Alternative Rock. Ein Biest von einem Album, ein schwarzes Loch, dass in all seiner tödlichen Aggression Momente der Harmonie, Sehnsucht und Introspektion findet. Hinter den harten, rauhen Noise-Oberflächen verbergen sich grandiose, eingängige und mitreißende Songs, die auch gerne mal mit dem Pop flirten. Dennoch ein schwer zu greifendes Album, das aber, wenn es mal gegriffen wurde, umso mehr seine Schönheit offenbart. Ein Meisterwerk der alternativen, harten Rockmusik.

Source Tags & Codes

(Interscope Records 2002)

Es lässt sich vorzüglich darüber streiten, welches Trail of Dead Album besser ist. Madonna oder der 2002er Paukenschlag “Source Tags & Codes”? Weit auseinander liegen sie jedenfalls nicht. Sowohl stilistisch als auch qualitativ und atmosphärisch. Auch ST&C verbindet kongenial Episches, Lautes, Aggressives und Wunderschönes zu einem berauschenden musikalischen Sog zwischen Noise, Alternative Rock, poppigen Momenten und düsterem, elegischen Postrock. Die Produktion ist sauberer als beim Vorgänger, das Epische im Vergleich zum Punk stärker ausgeprägt, die Harmonien sind spürbarer und die Hooklines eingängiger… Zahm ist aber auch “Source Tags & Codes” beileibe nicht. Auch hier gibt es mitreißenden, erbarmungslosen – mehr denn je mehrspurig geschichteten und übervollen – Noiserock in einem schillernden Gewandt. Definitiv sakraler, fürstlicher als der Vorgänger und damit fast schon so etwas wie ein Rock N Roll Gottesdienst. Aber ebenso wie Madonna auch ein Meilenstein seines Genres und Pflicht für jeden Rockenthusiasten.

Worlds Apart

(Interscope Records 2005)

Okay… Hier wird es schon etwas schwieriger den Enthusiasmus beizubehalten. Dabei ist Worlds Apart durchaus ein Werk, das als  formvollendete Quintessenz von Trail of Deads Œuvre herhalten könnte. Zumindest macht es bei den ersten Hördurchgängen diesen Eindruck: Elegischer, verspielter, poppiger. ToD scheinen in der auseinanderdriftenden Welt ihr eigenes Zentrum gefunden zu haben, zwischen Noise, Alternative und neuerding sehr viel Indie Pop legen sie Spur über Spur und generieren dabei einen kraftvollen, überladenen, übervollen Soundkosmos. Das hört sich erstmal verdammt gut an, macht verdammt viel Laune und ebenso verdammt glücklich. Aber, “Worlds Apart” ist ein Shrinker. Wo die beiden Vorgänger als Grower mit jedem Hördurchgang wachsen, fällt “Worlds Apart” nach anfänglicher Euphorie gehörig ab. Vielleicht ein wenig zu selbstverliebt, zu sehr festlich, zu wenig bissig, einfach zu wenig Rock N Roll und zu viel universelle Weltkunde. Gerade im eingängigen, sich Schicht auf Schicht stapelnden Indie Pop Korsett verliert es so schnell seinen Reiz, wirkt fast schon langweilig und emotionslos. Immer noch ein sehr gelungenes, mindestens gutes Album, aber bei weitem nicht mit der Haltbarkeit der Vorgänger gesegnet und leider – wenn erst mal komplett entdeckt – sehr viel Reiz einbüßend. Man weiß, die Jungs können das besser. Trotzdem macht auch dieses Album alles in allem ordentlich Spaß, wenn auch auf weitaus niedrigerem Niveau.

So divided

(Interscope Records, 2006)

Ist der Ruf erst ruiniert…? Nachdem “Worlds Apart” von der Presse und auch einigen Hörern ob seiner musikalischen Bravheit kritisiert wurde, machten ToD genau dort weiter… und schufen damit ein erstaunlich gelungenes Album, das gerade weil es aus einer introspektiven Deckung heraus geboren wurde – und sich noch deutlicher vom 90er Output distanzierte – als eigenständiges, fast schon losgelöstes Indie Rock Werk hervorragend funktioniert. “So Divided” ist die Fortführung von Trail of Dead mit ruhigeren Mitteln, mit Melancholie, mit Hang zur Nachdenklichkeit und dabei fast schon offensiv unelegisch… Wo bei Worlds Apart tausend Spuren dominierten gilt hier ein “Reduce to the Max”-Prinzip, das seine Einflüsse ordentlich auseinanderhält und maximal reiht, gerade dadurch aber wieder einen gewissen Zugang zu einer gewissen Ursprünglichkeit findet. Minus der Aggression der 90er Alben, aber eben auch minus des überbordenden Eklektizismus des direkten Vorgängers. Ein interessantes, wahrscheinlich viel zu unterschätztes Schwellenwerk einer Band auf dem Weg zur Selbstfindung, nachdem sie ihren Rock-Spirit und ihre Rock-Roots ein wenig aus den Augen verloren hatte.

The Century of Self

(Richter Scale Records, 2009)

Die Roots wurden wieder gefunden… und mit den Erfahrungen der vergangenen Alben in einen Kontext gesetzt. Im Gegensatz zu “Worlds Apart” und “So Divided” versprüht das laute, roh abgemischte – auf neuem, eigenen Label veröffentlichte – “The Century of Self” wieder jene Vitalität, für die man die Band auf ihren ersten drei Alben einfach nur lieben konnte. Und doch ist sowohl das Introspektive als auch das Majestätische zu einem großen Teil geblieben. Das wohl hässlichste Coverartwork der ToD-Geschichte verbirgt hinter seinem scheußlichen Antlitz eine alles andere als perfekte, dafür umso authentischer und organischer wirkende Melange aus beißendem Zorn, atavistischem Rock und elegischer, sakraler Atmosphäre. Das zersplittert Trail of Dead mitunter in den Händen, zerfällt in alle Bestandteile, findet dann doch aber oft genug zu einem homogenen lauten Rock N Roll Statement zurück. Bei weitem nicht so fokussiert wie “Source Tags & Codes”, bei weitem nicht so lebendig wie Madonna oder so hymnisch wie “Worlds Apart”, aber dafür auf sympathisch hilflose Weise zwischen den Stühlen von Harmonie und Wahnsinn stehend. Die Antithes zu dem 2000er Output, der versuchte Würgegriff um die ungestüme Vergangenheit, die Suche nach dieser in den zertrümmerten Thesen und damit wiederum die Antithese zu sich selbst. Ein konfuser, aber gerade dadurch ungemein spannender Rocktrip und ein logischer, wenn auch mitunter scheiternder Befreiungsschlag aus der Indiepoppigen und hymnischen Biederkeit.

And the fucking Rest…

So viel gibt es hier nicht zu ergänzen… 2001 haben “…And you will know us by the Trail of Dead” es sich angewöhnt zu den kommenden Alben-Releases einen kleinen Vorboten zu veröffentlichen. Die daraus entstandenen EPs dienen vor allem zur Vervollständigung der Sammlung, befinden sich doch auf ihnen größtenteils die selben Songs, die auch auf den folgenden Alben zu hören sind, ergänzt durch zusätzliche Tracks. Der Vollständigkeit halber seien sie hier erwähnt. “Relative Ways” von 2001, als 15minütiger Vorbote des Meisterwerks “Source Tags & Codes”. Neben drei auch auf dem Album veröffentlichten Songs , gibt es hier noch den Bonustrack “The Blade Runner”, der nicht auf der LP zu hören ist. Der Vorbote zu “Worlds Apart” war die knapp 20minütige EP “The Secret of Elena’s Tomb”, auf der neben den Albentracks noch vier zusätzliche Stücke Platz fanden und die als Bonus für “Worlds Apart”-Liebhaber durchaus zu empfehlen ist. Auch weil neben den Songs noch zwei Musikvideos zu “Another Morning Stoner” und “Relative Ways” sowie Liveaufnahmen zu “All St. day” ihren Platz bei den multimedialen Features fanden. Und dann gibt es noch den Vorläufer für “The Century of Self”, die EP “Festival Thyme”, die neben den beiden Albensongs noch die Stücke “Festival Thyme” und “The Betrayal of Roger Casement & the Irish Brigade” enthält.

Ansonsten haben sich Trail of Dead diesbezüglich erstaunlich zurückgehalten: Keine Remixe, kein Live-Doppelalbum, kein Best-Of… Immerhin gibt es auf archive.org von der Band freigegebene Live-Mitschnitte, die schon einen ganz guten Eindruck des Konzerterlebnisses versprechen. Aber auch hier kann nur die Empfehlung gelten: Trail of Dead muss man selbst live gesehen haben. Auch wenn sie im Laufe der letzten Jahre etwas ruhiger geworden sind, nicht mehr alles in Schutt und Asche legen wie früher, so sind ihre Konzerte doch immer noch atemberaubende Rock N Roll Erlebnisse zwischen elegischem Sog und lautstarkem Noise-Rock.

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