Google Art Project: Museumsrundgänge im Street View Stil

Natürlich war es nur eine Frage der Zeit… Und die scheint jetzt gekommen zu sein. Google erweitert seine “Street View Franchise” um virtuelle Museumsrundgänge. Über ein Dutzend Museen befinden sich derzeit im Februar 2011 releasten Google Art Project, und so wie man den Suchmaschinenriesen kennt, werden mit Sicherheit bald weitere folgen. So gibt es derzeit unter anderem die National Gallery London, das Museum of Modern Art (New York) und die Alte Nationalgalerie in Berlin virtuell zu bestaunen, zu durchreisen und zu erleben. Virtuelle Museumsrundgänge sind an und für sich nicht neu, aber wenn sich Google daran hängt, ist klar, dass das alles größer, breiter und panoramischer wird. Jetzt haben sie es getan. Und das Ergebnis kann sich tatsächlich mehr als sehen lassen…

Dass das Google Art Project kritische, traditionelle Kulturapologeten genau so wie Web2.0 affine Kulturbegeisterte auf den Plan ruft, die sich dann genüsslich über Sinn, Unsinn und Gefahren streiten, ist abzusehen. Unendliche Möglichkeiten der Technik, die Loslösung des Erlebbaren vom realen Ort versus ethische Bedenken bezüglich Ausschlachtung, Entwertung, Entemotionalisierung und weiß der Teufel was nicht noch alles. Basic Thinking hat schonmal vorgesorgt und in einem Artikel gleich Pro und Kontra verarbeitet, so wie es sich für eine saubere Erörterung gehört. Auf die technischen Aspekte brauchen wir dann auch erstmal nicht weiter einzugehen: Google beherrscht seine Engine und lässt damit wie schon bei Street View seine Muskeln spielen. Eine schnelle Internetverbindung und ein ordentlicher Computer vorausgesetzt kann sich der Besucher außerordentlich flüssig durch die virtuellen Museen bewegen. Jedem, der schonmal Google Street View benutzt hat, wird auch die Navigation durch das Art Project leicht und schnell von der Hand gehen.

Eine technische Besonderheit sei hier jedoch erwähnt. Laut dem Google Team wurden die Gemälde des Projekts mit der so genannten “Gigapixel-Technologie” aufgenommen, was schlichtweg bedeutet, dass die virtuellen Bilder eine Auflösung von etwa 7 Milliarden Pixeln besitzen. Was technisch schon beeindruckend klingt, offenbart seine wahre Stärke vor allem bei näherer Benutzung. Und ‘näher’ ist hier durchaus wörtlich zu nehmen.

Muss das überhaupt noch näher erläutert werden? Das hier zu sehende Auge stammt von Botticellis “Geburt der Venus” in maximaler Zoomstufe. Näher kommt man an das Bild auch im Originalzustand nicht heran. Die mächtige Engine erlaubt in Verbindung mit der Gigapixeltechnik ein stufenloses Zoomen in alle auf diese Weise aufgenommenen Gemälde. Und das ist dann tatsächlich nicht nur beeindruckend, sondern gestattet auch wirklich einen ganz neuen Blick auf klassische Werke der bildenden Kunst: Die kleinsten Feinheiten ebenso, wie kleine Ungereimtheiten, unsaubere Stellen und nicht zuletzt den Einfluss der Zeit auf das jeweilige Kunstwerk.

Damit wäre auch schon fast die Sinnfrage geklärt: Ohne Zweifel, ein virtueller Rundgang ersetzt nicht den realen Museumsbesuch. Die Atmosphäre der großen – kalten bis architektonisch erhabenen – Hallen, der Geruch nach Holz und Stein, der manche Museen in ein fast schon sakrales Licht taucht, das Geräusch eines jeden einzelnen Schrittes, das durch die Leere der Räume hallt, die Blicke der anderen Besucher auf die Bilder, das Heranpirschen an unbekannte Kunstwerke und geschätzte Meisterwerke, der Dialog mit Begleitern, das Gefühl des Erhabenen, jahrhundert alte Meisterwerke vor sich zu sehen… Aber eine solche Leistung sollte man vom Google Art Projekt auch nicht erwarten. Viel mehr bietet es eine Möglichkeit, Kunst in der virtuellen Form neu zu erleben und neu zu begreifen, inklusive eines ungestörten Einlassens auf beeindruckende Detailtreue und der Erfahrung des Netzes als keineswegs rechtsfreien Raums. Denn was bei Google-Streetview die Anonymisierung von Personen und Häusern ist (Ersteres findet auch bei den Museumsgästen im Art Project statt), ist hier die Unkenntlichmachung urheberrechtlich geschützter Werke, insbesondere natürlich im MomA in New York.

Hier vermischen sich dann auch Netz- und Hochkultur,  indem die Unkenntlichmachung selbst zum prominenten Exponat wird. Direkt ausgehängt zwischen Picasso und Dali und so in keinem Museum der Welt zu finden. Es dürfte wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit sein, bis ein Künstler oder eine Galerie auf die Idee kommen, eben genau jenes Konzept im Real Life anzuwenden, falls es nicht sogar bereits geschehen ist. Die Verpixelung der Kunst zur Problematisierung des Urheberrechtsbegriffes beim Google Art Project, mit Sicherheit nicht im Gigapixelverfahren und auf einer wunderschönen Metametaebene… oder so ähnlich. Bis dahin jedenfalls darf die Anonymisierung erst einmal nur im virtuellen Museum bestaunt und kritisch beäugt werden.

Düstere Prophezeiungen über die Banalisierung der Kulturgüter ersparen wir uns an dieser Stelle dann auch ganz bewusst. Virtuelle Gemälde sind so alt wie der Computer selbst, digitale technische Reproduzierungen von Gemälden sind ebenso alt wie das “Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit” und auf eine metaphysische Stilisierung der künstlerischen Aura darf in der Postpostmoderne auch gerne verzichtet werden. Obskure Reproduktionen von Gemälden sind auf jeden Fall auf den meisten Postkarten und Schlüsselanhängern, die es in den entsprechenden Museen zu kaufen gibt, weitaus widerlicher als die detailgetreuen Gigapixel-Fotos des Google Art Projects; und so mancher Museumsführer bildet seine Gebäude weitaus banaler ab, als dies in der 180° Panorama-Ansicht geschieht. Klar Google ist irgendwie böse und so, aber in diesem Fall sollte der technische Fortschritt nicht nur nicht aufgehalten sondern vor allem auch begrüßt werden. Kulturelle Orte für jedermann jeden mit Internetzugang: Verbreitung und Erhaltung wichtiger Kulturgüter für lau und zudem ein wunderbarer Zeitvertreib mit sicherlich höherem Anspruch als Second Life oder Farmville. Achtung; Werbespruchtauglicher Article-Closer: Ich statte den virtuellen Google-Museen ab sofort gerne den ein oder anderen Besuch ab.

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