Musikjahr 2010: Mashup- und Bastardpop Nachschlag

“Mix me Baby, mash me Baby, recreate me Baby!” Das Musikjahr 2010 kann nicht zu den Akten gelegt werden, so lange wir nicht ordentlich den Popkleptomanen und Rekonstruktivisten/Dekonstruktivisten gehuldigt haben. Mashup findet immer noch irgendwie an der Peripherie des ganzen Popbetriebs statt und selbst die ‘Stars’ der Szene werden von der breiten Öffentlichkeit eher marginal rezipiert. Umso wichtiger ist es, hier mal eine Lanze für die Masher und Mixer zu brechen. Girl Talk hat 2010 mal wieder gewütet, The Kleptones sogar gleich zweimal…. Summa Summarum drei ausgezeichnete Bastardpop-Alben aus dem vergangenen Jahr. Hier wollen wir sie noch einmal abfeiern…

Girl Talk – All Day

(Illegal Art, November 2010)

Gregg Michael Gillis alias Girl Talk ist derzeit der unbestrittene Star der ganzen Mashup-Szene. Ist ja auch kein Wunder: Im Gegensatz zu vielen anderen Mashup-Werken findet sich auf seinen Alben einfach alles: Hip Hop, Pop, Indie, Metal… 60er, 70er,80er,90er,00er… im Klangkosmos von Girl Talk gibt es weder Zeit- noch Genregrenzen. Das gilt mehr denn je für sein – hier völlig kostenlos zum Download bereitstehenden – Album “All Day”. Wahnwitzige 372 Samples finden sich darauf, die in 12 Songs und 72 Minuten über den Hörer hereinbrechen: Southern Rock, Radiohead,  Ramones, alles einträchtig vereint auf diesem irrwitzigen Bastard-Pop-Mammutwerk…

Ordentlich bunt fließen die Hooklines zahlloser Pop- und Rockklassiker, werden mit deftigen Beats garniert und durch einen schrägen Hip Hop Kosmos gejagt. So weit, so bekannt, könnte man sagen… Und doch gibt es einige sachte – und dennoch Girl Talk gut zu Gesicht stehende – Veränderungen im Vergleich zu den Vorgängern zu registrieren.

So hat Gillis an seinem Sound gefeilt. Hip Hop – die Geburtsstätte der postmodernen Samplingkultur – spielt in den einzelnen Stücken eine weitaus geringere Rolle, als dies noch bei “Night Ripper” oder “Feed the animals” der Fall war. Die Raps und Beats sind nach wie vor fundamental, werden aber mehr denn je durch Electro, Rock und Metal aufgebrochen. Was zu einem weitaus heterogeneren Eindruck führen könnte, hat erstaunlicherweise genau den gegenteiligen Effekt. Trotz der Zitierwut, die ungefiltert auf den Hörer niederprasselt, ist “All Day” das homogenste und damit auch am leichtesten zu konsumierende Album Girl Talks geworden. Verstehen wir uns nicht falsch: Nach wie vor ist die wilde Dekonstruktion zahlloser Songs nicht jedermanns Sache. Viele Hörer dürften sich von dem übervollen Mix überfordert oder genervt fühlen. Nach wie vor besteht die größte Freude des Albums im Rätseln und Suchen, im Puzzlen und Entdecken… aber weitaus stärker als früher stehen hier die entstandenen, sauber geschlossenen Songs im Mittelpunkt.

Und diese machen einfach so gottverdammt viel Spaß. Es ist ja kein Geheimnis, dass Musikhörer glücklich sind, wenn sie hören, was sie kennen. Umso mehr ist “All Day” ein großes Vergnügen für den musikalischen Historiker und Pop-Geek: War das gerade Black Sabbath? Heh, geil, wie kommt er nur darauf, plötzlich diese Arcade Fire Hookline aus dem Hut zu zaubern? War das gerade ein Massive Attack Sample? Don’t fear the Reaper?! Geil! Und so weiter… und so weiter… und plötzlich ertappt man sich beim Mitsingen, Mitwippen und bloßen Genießen der entstandenen Songs – unabhängig von ihren Herkunftsschnippeln. Ein großes, erhabenes und einfach geniales Bastard Pop Vergnügen und darüber hinaus – weitaus mehr als die Freude am Entdecken und Wiederentdecken.

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The Kleptones – Uptime / Downtime

(Eigenvertrieb, Januar 2010)

Mit pathetischen Jim Steinmann Vocals wird das Doppelalbum Uptime / Downtime von den Kleptones eröffnet. “Rock ‘N Roll!” als ausgehender Schlachtruf, mit fettem Ausrufezeichen! Und gefrei nach diesem Motto rockt, masht und kracht Uptime dann auch los. Beastie Boys und Prodigy geben sich die Klinke in die Hand für einen wüsten und lauten Industrial/Metal/Crossover-Bastard. Mashup als Schlag in die Fresse, nicht als Puzzle – wie bei Girl Talk – sondern als offensives Noise Metal Electro Schlachtfest. Uptime lebt von seiner Aggression, von seinem harten, heftigen Nachvornetreiben, das von nur wenigen stillen – auch nicht wirklich stillen – Momenten unterbrochen wird. Wo bei Gillis der Flirt mit dem Pop dominiert, erfreuen sich die Kleptones an deftiger Lautstärke, harten, in die Knochen gehenden Tönen und vielen deftigen, metal- und industriallastigen Sounds. Pop ist in diesem Bastard-Werk jedenfalls weitaus weniger zu finden, und wenn, dann ist er ordentlich durch den Fleischwolf gedreht.

Durch das omnipräsente hintergründige Brodeln und offensive Ausbrechen von elektronischen und e-gitarrenlastigen Störfeuern wird Uptime zum infamen Anti-Pop-Bastard, zum gorelastigen, düsteren und brutalen Mashup-Killer. Eric Kleptone peitscht seine Mashups von Nirvana, Metallica, Diana Ross mit einer schier unbädnigen Wut nach vorne und generiert dadurch höchst vergnügliche, gleichsam konfrontationsfreudige, straight Forward gehende Bastardnoise-Klänge.

Seine andere Seite offenbart er im wunderbar eklektischen, ruhigen – aber alles andere als entspannten – Downtime, das die zweite Hälfte dieses fantastischen Doppelalbums bildet. Seine Soundmixturen finden hier zu einem ungemein homogenen, weitaus eingängigeren Klangteppich, der zwischen Lounge, Postpop und experimentellem Ambientesound pendelt. Hier dürfen dann auch gleich Minimalgrößen wie Philip Glass  mit Prog Ambientesound von Peter Gabriel und David Sylvian händchenhaltend durch eine 70er und 80er-lastige Singer/Songwriterlandschaft spazieren. Das Ergebnis ist ein faszinierend organischer Hybrid aus Synthetischem, Natürlichem und Abseitigem. Wie der Name verspricht, geht es tief hinab in betörende postmusikalische Welten zwischen Talk Talk und John Lennon. Hierbei erreicht Downtime tatsächlich Höhepunkte der Homogenität, schmiegen sich doch die sterilen und atmosphärischen 80’s Sounds perfekt an die ebenso minimalistischen Folk und Progressiveklänge. Sampling, das als Sampling kaum mehr wahrzunehmen ist und damit der perfekte “gutartige” Zwillingsbruder des dreckigen, harten Uptimes.

In ihrer zwieträchtigen Eintracht ergeben Uptime und Downtime ein monumentales Opus Magnum herausragender Mashup-Kunst: Außergewöhnlich, perfekt arrangiert und in all ihrer verstörenden Härte, Kälte und Experimentierfreudigkeit ungemein charmant und mitreißend. Den kongenialen Doppelschlag gibt es in Kleptones Eigenvertrieb zum kostenlosen Download.


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The Kleptones – Shits & Giggles

(Eigenvertrieb, August 2010)

Kleptones zweiter Streich: Auf “Shits & Giggles” versammelt sich all das, was auf den vorherigen Sample-Kunststücken keinen Platz gefunden hat. Wie der Name schon ein wenig vermuten lässt ist “Shit & Giggles” weitaus heterogener und eklektischer als das Opus Magnum Double “Uptime / Downtime”. Was hier geliefert wird ist klassischerer Mashup-Pop mit starkem Spaß Momentum und viel bunt durchwürfeltem DJ-Charme. So kann es auch nicht verwundern, dass “Shits & Giggles” im Gegensatz zum Januar-Meisterwerk ein wenig abfällt, nichtsdestotrotz aber hervorragenden und unterhaltsamen Bastardpop bietet.

Das liegt vor allem daran, dass Kleptone auch hier weniger die fette Hip Hop Keule hervorholt und stattdessen viel lieber vollkommen ungeniert in der 80er Pop- und Rocklandschaft wüted: Billy Idol, Police, Elton John, um nur mal drei zu nennen, gesamplet mit den Red Hot Chili Peppers, Trentemöller oder Radiohead. Vergangenheit trifft Gegenwart trifft Zukunft, auch hier wieder und mitunter noch offensiver als bei vergleichbaren Veröffentlichungen. Das macht vor allem dank des unverhohlenen AOR-Einschlags höllische Freude. An und für sich sattsam bekannte, fast schon biedere Poprock-Klassiker werden dermaßen kongenial durch den Mixreibach gejagt, dass sie jegliche Angestaubtheit hinter sich lassen. Ganz im Gegenteil, trotz nostalgischer Note, präsentiert sich “Shits & Giggles” sau frisch und gerade durch den Generalangriff auf Adult Rock Stereotype musikalisch hochsubversiv und dekonstruktivistisch. Und kostenlos noch dazu…

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