Die 90er Jahre: Die besten Thriller des Jahrzehnts II

Nachdem das Actionkino der 90er Jahre sehr von den USA dominiert war, wird es bei den Thrillern weitaus internationaler und bunter. Und wenn man sich in den 00er Jahren fragen durfte “Ja wo sind denn die guten Thriller?” so gibt es in den 90ern die volle Dröhnung Spannendes und Mitreißendes aus der Crime-Welt. Das hier ist Teil 2, weitere werden folgen.

Pusher [Nicolas Winding Refn]

(Dänemark 1996)

Nicolas Winding Refn gehört zu einer neuen Generation naturalistischer, kompromissloser und brutaler dänischer Regisseure. Den Hang zur extremen, wie stilisierten Brutalität stellt er bereits mit seinem Frühwerk “Pusher” eindrucksvoll unter Beweis. Der knallharte Drogen- und Gangsterthriller ist in seinen gewalttätigen Eruptionen schmerzhaft realistisch, steigt tief hinab in das porträtierte Milieu und zeichnet dort mit grobkörnigen, subjektiven Kameraeinstellungen die Bilder gescheiterter, kämpfender, aggressiver Existenzen. Ein Film der unter die Haut geht, durch Mark und Knochen fährt, der Gewalt wie in einem Rausch erzählt und sich nicht davor scheut, den Zuschauer direkt mit dieser zu konfrontierten. Ein roher Trip in den filmischen und gesellschaftlichen Untergrund, ein authentisches, brutal offenes Porträt und nicht zuletzt ein sau spannender, mitreißender Thriller.

Der Tod und das Mädchen [Roman Polanski]

(Großbritannien, USA 1994)

Aus einer einfachen nächtlichen Begegnung erwächst ein schrecklicher Verdacht und schließlich eine brutale Gefangenhaltung. Roman Polanskis Psychothriller “Der Tod und das Mädchen” (nach dem gleichnamigen Theaterstück Ariel Dorffmanns) benutzt politische und sozialkritische Topoi, um daraus ein packendes Drama, Psychoduell und Kammerspiel zu konstruieren. Das auf engstem Raum stattfindende Selbstjustizverhör einer Frau, die glaubt einen ehemaligen Peiniger identifiziert zu haben, wird zur beklemmenden Verhandlung universeller Themen wie Schuld, Sühne, Reue und Rache. Gerahmt von ästhetizistischen, harmonischen Bildern entwickelt sich im Laufe des “Verhörs” eine kaum auszuhaltende Spannung gepaart mit einer brutalen psychologischen Sezierung der Protagonisten und ihren Sozialisationen. Ein packendes, unter die Haut gehendes Kammerspiel zwischen Thriller und akribischem Sozialdrama.

The Game [David Fincher]

(USA 1997)

Das perfide Spiel mit den Ängsten des Protagonisten und denen der Zuschauer “The Game” pendelt ebenfalls geschickt zwischen den Genres: Mystery, Thriller, Psychodrama… Die Geschichte um einen Millionär, der sich auf ein immer perverser werdendes Spiel einlässt, steckt voller Fallhöhen und irrwitzig spannender Momente. Was wie eine fast schon peinlich alberne Schnitzeljagd beginnt, wird im Laufe seiner Handlung sukzessive dramatischer, aufregender und vor allem sadistischer. Natürlich ist es eine wahre Freude Michael Douglas hier in seiner selbstverschuldeten Hilflosigkeit zuzuschauen, aber auch das spannende “Was wird hier eigentlich gespielt”-Vexierspiel Finchers gepaart mit den wunderbar beängstigenden, paranoiden Bildern von Kameramann Harris Savides macht aus “The Game” einen herausragenden, komplexen und klaustrophobischen Thriller, an dem auch Hitchcock seine helle Freude gehabt hätte.

Nikita [Luc Besson]

(Frankreich 1990)

Der französische Thriller Nikita, in dessen Mittelpunkt die gleichnamige, unfreiwillige Auftragskillerin steht, ist eine k0ngeniale Melange aus Thrillerdrama und eiskalter, perfider Killerballade. Luc Besson gelingt es hier auf ausgesprochen raffinierte Weise Hochglanz- und Gossenästhetik geschickt unter einen Hut zu bringen, ebenso wie er mit den verschiedensten Motiven von Zwang und Freiheit über Motive der Gewalt bis hin zu Hintergründigem und Offenbaren spielt. Ein Großteil des Lobes gebührt jedoch vor allem seiner herausragenden Darstellerin Anne Parillaud, die der Rolle der Nikita sowohl Stärke und Aufmüpfigkeit als auch Traurigkeit und Zerbrechlichkeit mit auf den Weg gibt und den schwierigen Charakter dadurch ambivalent, komplex und nachvollziehbar verkörpert. Das entsprechende US-Remake (Codename: Nina) gehört übrigens zu der Sorte “Ordentliche Umsetzung mit neuen Facetten” und ist ebenfalls sehenswert, trotzdem es nicht an das Original heranreicht.

Bound – Gefesselt [Andy Wachowski, Larry Wachowski]

(USA 1996)

Dass die Wachowski-Brüder weitaus mehr drauf haben als bombastische Matrix-Science-Fiction beweist ihr 96er Erotikthriller “Bound – Gefesselt”, der ihnen die Tore zu Hollywood und zur legendären Virtual Reality Trilogie öffnen sollte. Der spannende, kompromisslose Erotikthriller beginnt als klassische Gangsterballade, um sich schließlich zur postmodernen Parabel über Gewalt und Gegengewalt zu mausern. Ungemein clever konstruiert spielt er mit seinen Genres und Stilmitteln und schafft dadurch eine raue und brutale Atmosphäre, die vollkommen von den beiden – in seinem Mittelpunkt stehenden – Protagonistinnen dominiert wird. Ein im wahrsten Sinne des Wortes fesselnder Sex & Crime & Emotion Bastard, ein intelligenter und schmutziger Rohdiamant und das kompromissloseste Big Budget Bewerbungsvideo, das man sich vorstellen kann.

Fräulein Smillas Gespür für Schnee [Bille August]

(Dänemark 1997)

Weitaus weniger brutal und direkt, dafür umso sensibler und poetischer ist das spannende Kriminalfilmdrama “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” nach einem Roman von Peter Hoeg. Die Ermittlungsarbeiten einer Wissenschaftlerin zum Tod eines kleinen Inuitjungen im kalten und eisigen Winter Kopenhagens ist eine intelligent erzählte und spannende Ermittlergeschichte, die sich an klassischen Krimis orientiert, um den Traditionalismus genau an den richtigen Stellen sachte aufzubrechen. So ist es nicht nur die faszinierende, rationalistische und komplexe Protagonistin sondern ebenso die frostige und zugleich ästhetizistische Atmosphäre sowie die spannende, mehrfache Kapriolen schlagende Geschichte die anzuspannen und zu begeistern weiß.

Following [Christopher Nolan]

(Großbritannien 1998)

Bevor Chris Nolan mit Memento für den amerikanischen Mainstreammarkt entdeckt wurde, drehte er mit Following einen kleinen, raffinierten Low Budget Neo Noir Thriller, der sich von den Folgewerken des überaus begabten Regisseurs keineswegs zu verstecken braucht. Ähnlich wie Memento ist Following verschachtelt erzählt, raffiniert konstruiert und mit interessanten Plottwists aufwartend. Dabei versprüht die Geschichte um einen exzentrischen Studenten des gesellschaftlichen Lebens einen ganz eigenen gehobenen Charme, der dank der ausgezeichneten Schwarz-Weiß-Bilder des öfteren an Noir-Klassiker der 30er und 40er Jahre denken lässt. Zu dem trockenen, lakonischen Erzählstil und dem damit verbundenen makaberen Humor gesellt sich eine nicht zu unterschätzende tragikomische bis komplett tragische Komponente, die den intelligenten Thriller zu einem gekonnten Hybriden zwischen Crime, Comedy und Tragedy werden lässt.

Tesis – Faszination des Grauens [Alejandro Amenábar]

(Spanien 1995)

Was in Amerika mit 8mm (1999) laut kreischend zum Thema gemacht wurde, hat der spanische Regisseur  Alejandro Amenábar ein halbes Jahrzehnt zuvor weitaus intelligenter und packender umgesetzt: Snuff-Filme, die Faszination an und das Erschrecken über gefilmte reale Gewalt stehen im Mittelpunkt des spannenden Thrillerdramas Tesis. Dabei ist die Geschichte der Kommunikationswissenschaftlerin Angela nicht nur ein raffinierter Who-did-it-Thriller sondern ebenfalls ein ungemein eindringlicher Einblick in die Welt des Faszinosums der Gewalt: Über diese Ebene etabliert Tesis eine bissige und pointierte Gesellschafts- und Medienkritik, wodurch er die Geschichte um einen perversen Mörder und “Filmemacher” spätestens in den letzten Einstellung auf eine universelle Ebene bringt: Düster, verstörend, gewitzt und spannend.

Sonatine [Takeshi Kitano]

(Japan 1993)

Sonatine sticht gleich auf mehrfache Weise aus dem 90er Thrillerjahrzehnt heraus. Der düstere und zugleich ironisch gebrochene Yakuza-Thriller von Takeshi Kitano ist eine Tour de Force in die Abgründe des organisierten Verbrechens: Hauptsächlich auf improvisierten Dialogen basierend, nicht nur die Zuschauer sondern auch die Akteure über den Verlauf des Geschehens im Unklaren lassend, spielt der Film mit den Möglichkeiten des Genres und reizt diese gekonnt aus. Die Geschichte um einen lebensmüden Kriminellen ist ein pechschwarzer Abgesang auf das Genre, begnügt sich in vielen Szenen mit einer fast schon erschreckenden Leere, in der keiner der Beteiligten etwas zu tun gedenkt und ergänzt diese weißen Flecken mit brutalen, unerwarteten Gewalteruptionen. Ein ebenso bissiger, sarkastischer wie trauriger und nachdenklicher Thriller und einer der ungewöhnlichsten Filme des Genres überhaupt.

Insomnia – Todesschlaf [Erik Skjoldbjærg]

(Norwegen 1997)

Dass gut und böse sich oft nahe stehen, nur einen Katzensprung voneinander entfernt sind ist ein beliebter Topos intelligenter, gehobener Thriller. Der eiskalte norwegische Todesschalf – der mit Insomnia von Chris Nolan 2000 ein US-Remake erhielt – nutzt genau diesen schmalen Grat zwischen Recht und Unrecht, um eine packende Geschichte von Schuld und Sühne zu erzählen. Die laufenden Ermittlungen in einem Mordfall werden durch einen schrecklichen Vorfall unterbrochen, dessen Konsequenzen anschließend das “Spiel” zwischen Mörder und ermittelndem Polizisten dominieren. Insomnia ist ein emotional intensiver und zugleich eiskalter Killerfilm, dessen dunkle, deprimierende Grundstimmung gepaart mit der spannungsgeladenen Jagd für viele tiefgreifende Thrillmomente sorgt.

Jagd auf roter Oktober [John McTiernan]

(USA 1990)

John McTiernan ist als Stirb Langsam Regisseur kein Unbekannter in unseren 90er Filmretrospektiven. Mit der Verfilmung des Romans von Tom Clancy “Jagd auf roter Oktober” bewegt er sich allerdings abseits von seinen übrigen Actioneers wie Predator oder “Last Action hero” in spannenden Polithhrillerregionen. Die Geschichte um ein suspektes russisches U-Boot vor amerikanischen Toren ist – wie so ziemlich jeder Clancy-Stoff – natürlich erst einmal eine eindimensionale Cold War Hommage erster Güte. Trotz des mitunter lästigen Blockgedankens und Amerikanismus’ ist er zugleich aber auch ein äußerst effektiver, mitreißender und spannender Kriegs- und Spionagethriller, der geschickt zwischen aufgeheizter Action und gediegener Agentenatmosphäre pendelt.

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