Euroweb vs. Nerdcore und die Macht der Blogosphäre

Ich muss zugeben, dass mir die Firma Euroweb bis gestern Mittag kein Begriff war. Ich wusste zwar sehr wohl davon, dass sich im Internet so manche Firmen tummeln, vor denen in Blogs und auch traditionellen Medien gewarnt wird und ich wusste sehr wohl auch, dass manche dieser Firmen äußerst pikiert auf negative Publicity reagieren und dabei ganz gerne auch mal zu Abmahnungen, Videolöschungen und ähnlichem greifen, die Firma Euroweb ist mir in diesem Zusammenhang aber eher peripher aufgefallen, so dass mich weder ihr Name noch ihr geschäftliches Treiben beschäftigt haben. Das hat sich geändert. Denn mir war sehr wohl das großartige, herrlich heterogene Blog Nerdcore ein Begriff.

Was ist passiert? Vor allem Netzpolitik hat (mit derzeit 11 Updates eines Artikels) sehr viel Licht ins Dunkel gebracht: Falls Nerdcore einem Leser unseres Blogs bis dato kein Begriff war – wovon eher nicht auszugehen ist – bei diesem handelt es sich um ein Blog, das sucht und findet… und zwar querbeet: Vor allem Star Wars, Comics und Zombies aber letzten Endes alles, was den Blogger Rene Walter interessiert und begeistert. So hat sich Nerdcore nicht nur ganz nach oben in der deutschen Kulturbloglandschaft gemausert, sondern ist zudem zu einer wahren Goldgrube an interessanten und spannenden Links und zu einer Anlaufstelle in eine riesige subkulturelle Bloglandschaft geworden. Jeder Link in der Nerdcore-Blogroll ist Gold wert, jedes [via] verweist auf andere spannende Blogs und Seiten. Für viele Blogger und Blogleser gehört Nerdcore zum Leben wie das tägliche Brot.

Nun hatte Rene Walter – wie schon so manche Blogger vor ihm – Ärger mit der Rechtsabteilung von Euroweb. Euroweb fühlte sich in einem seiner Artikel verunglimpft, beleidigt und reagierte mit einer entsprechenden Abmahnung.  Der weitere Verlauf stellt sich dann ungefähr so dar: Rene sieht die Abmahnung und Unterlassungsaufforderung als ungerechtfertigt an, Euroweb sieht das erwartungsgemäß anders, Euroweb verklagt Nerdcore auf eine entsprechende Unterlassung und Summe, Euroweb erhält vor Gericht Recht, Rene soll an Euroweb das Geld bezahlen, tut dies nicht, es kommt zum Vollstreckungsbescheid und schließlich zur Pfändung, die gestern vollstreckt wurde. Seitdem befindet sich die Domain nerdcore.de in den Händen von Euroweb, während die Inhalte Startseite von Nerdcore auf crackajack.de zu erreichen ist.

So weit, so scheiße… Gäbe es nicht da das Netz mit seiner ganz eigenen Dynamik. Und diese wird von unzähligen Bloggern, Twitterern, Bloglesern und Netzjunkies ausgenutzt. Die Blogrebellen, die Rene auch noch zu einem Kurzinterview heranbekamen, rufen erst einmal genüsslich zum Shitstorm auf. Zahllose Blogs berichten über die Hintergründe der Geschehnisse und geben ihre Meinung dazu kund: Zum Beispiel hier, hier, oder hier oder hier.  Aber das ist natürlich längst noch nicht alles…

Die Firma Euroweb, die mich gewöhnlich eher sekundär interessieren würde, wird plötzlich zum interessanten Fall. Und natürlich beginnt man – glücklich darüber auf ein potentielles Feindbild gestoßen zu sein – zu recherchieren, was sich denn über Euroweb so alles finden lässt. Und tatsächlich entdeckt man dadurch sukzessive Informationsschnipsel, die man gar nicht kommentieren möchte, aus Angst ruckzuck ebenfalls auf der Abschussliste der Euroweb-Rechtsabteilung zu stehen… Vorenthalten möchte man sie seinen Lesern natürlich trotzdem nicht: So gibt es einen interessanten TV-Beitrag, der – Oh Wunder, oh Wunder! – auf fast keiner populären Videoplattform mehr zu finden ist. Anscheinend schmeckt es gewissen Herren gar nicht, wenn Videos über die Geschäftspraktiken von Euroweb einer breiten Masse publik werden. Immerhin hat hier der MDR berichtet… der wohl etwas schwieriger abzumahnen schien, als diverse unliebsame Blogger oder ehemalige Kunden. Neben diesem wird man als interessierter Suchender auch auf konsumer.info in Kombination mit dem Suchbegriff Euroweb schnell fündig. So kann man sich relativ schnell zum Thema Euroweb durch die Netzwelt wühlen und auf so manchen erschreckenden Artikel stoßen:

und so weiter und so weiter…

Wie gesagt: Ich muss es noch einmal betonen. Die Firma Euroweb war mir vor dieser ganzen Geschichte kein Begriff… durch diese Sache fühle ich mich jedoch mehr und mehr motiviert, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und zwar vollkommen unabhängig davon, wie man Rene Walters Verhalten bewertet: Denn auch wenn es durchaus möglich ist, dem Blogger seine Verpeiltheit, Abgehobenheit oder Ignoranz gegenüber der Mahnung und dem Prozess vorzuwerfen, so ist diese ganze Geschichte dennoch ein Unding: Immerhin wurden von Euroweb mehrfach Blogs abgemahnt, zahllose Kunden äußerten sich unzufrieden und klagten gegen die Firma; Euroweb verlor einige male vor Gericht und die Akten diverser Verbraucherschutzwebsites füllen sich mit Klagen über Euroweb und ihr Geschäftsgebahren… Eine der größten Weblogs zu pfänden – und damit einem Blogger seine Ausdrucks-, Arbeits- und in diesem Fall auch Lebensgrundlage zu entziehen ist einfach mehr als nur der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt.

Und genau hier kommt die Macht der Blogosphäre ins Spiel: Mag man dies jetzt Shitstorm oder sonst wie nennen… Das (ohnehin nicht so rosige) Image von Euroweb dürfte durch diese Aktion noch einmal erheblich leiden: Blogs berichten nicht nur über die Geschichte, sondern über das Gesamttreiben von Euroweb. Eine klassische Blog-Backlinkdynamik entsteht, was sich SEO und PR-technisch für Euroweb zu einer regelrechten Katastrophe entwickeln könnte. Immerhin sind mehr als genug der beteiligten und berichtenden Blogs äußerst zäh und besucherstark. Wie vor einigen Jahren könnte Google bei einer Euroweb-Recherche als erstes ein paar kritische Blogartikel raushauen, anstatt, oder zumindest direkt unter der offiziellen Euroweb-Domain. Und spätestens ab diesem Punkt greift der Shitstorm der Blogosphäre auch auf das restliche Internet und auch die “Offline-Welt” über (“Traditionsmedien” wie die FAZ oder SZ berichten ohnehin schon davon). Denn googlen kann jeder, der von Euroweb umworben wird… und finden wird er dann eben auch eher Dinge, die ihn vor einem Vertrag zurückschrecken lassen.

Die ganze Geschichte könnte sich also durchaus als mittelschwere bis schwere PR-Katastrophe für Euroweb erweisen. Da scheinen auch die Beschwichtigungsversuche mittels Domainversteigerung zu einem gemeinnützigen Zweck nichts zu bringen, insbesondere wenn die potentiellen Spendenempfänger nichts von dem Geld sehen wollen. Gut möglich also, dass sich Euroweb durch seltsame PR-Maßnahmen selbst ins Bein geschossen und durch die Maßnahmen für eine bessere PR gegen eine schlechte PR alles nur noch schlimmer gemacht… Der Shitstorm ist noch nicht vorüber… und die Geschichte wird zumindest im Internet nicht so schnell  aus der Welt sein… Und für ein Unternehmen, dass primär im Netz aktiv ist und arbeitet könnte sich sowas schnell zum Armageddon entwickeln.

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