Hörenswertes: Januar 2011

Das Jahr fängt sowohl musikalisch als auch metereologisch schonmal recht ordentlich an. Mit Anna Calvi, Tu Fawning, Qube und Fujiya And Miyagi folgen vier musikalische Pralinen für die – Gott sei Dank – gar nicht mehr so kalten Januartage: Edler Songwriterpop, verschnörkelter Indie, eskapistischer Folk und deftiger Neo Progressive Metal. Da dürfte für jeden was dabei sein…

Anna Calvi – Anna Calvi

(GoodToGo, 14.1.2011)

Eine elegante, goldene Kette, die den Namen der Interpretin in die Luftschreibt, rote Lippen und ein hitzig, schwarzer Hintergrund… Wenn ein Cover im Januar den entsprechenden musikalischen Inhalt perfekt auf den Punkt bringt, dann das von Anna Calvis Debütalbum. Düstere Romantik liegt in der Luft, so wie sie oft und gerne auch von Nick Cave zelebriert wird. Die Gitarren ziehen sich sanft nach vorne, bäumen sich majestätisch auf und verlieren sich wieder in Minimalismus, um der kraftvollen Stimme der 28jährigen Sängerin Platz zu machen.

Und Anna Calvi nutzt diesen Platz, um eine ganz und gar wundervolle Stimmkraft zu entfalten. Zwischen düsterem Nick Cave Raunen, Patti Smith’schen Aufbegehren, Nico’scher Selbststilisierung und verträumter Beth Gibbons Romantik. “The Devil” habt sie dann im gleichnamigen Stück an und scheint selbst nicht genau zu wissen, wohin sie ihre Stimme dieses Mal trägt, während sie von einem heißem, energiegeladenen Alternative Rock/Folkpop-Bastard Instrumental im Hintergrund begleitet wird. Anna Calvi spielt mit den Emotionen, mit mysteriöser Introspektion und schreiender, nackter Expressivität. Den opernhaften Pathos eines Ennio Morricone beherrscht das schillernde Album ebenso wie den subtilen (und auch weniger subtilen) Popcharme einer Amy MacDonald, kalte 80er Ambientklänge ebenso wie Anleihen von schrägem psychedelischen Gitarrenrock. Und doch – trotz allen Eklektizismus – bleibt Anna Calvi zu jedem Zeitpunkt eingängig, anschmiegsam und auch in den pathetischen, nur selten kitschigen, Höhen mitreißend und faszinierend.

So ergibt sich ein fantastisches Spiel zwischen Folk, Alternative Rock, Musical und gediegenem Pop… sehr wohl radio- wenn nicht gar Hitparadentauglich und zugleich gehoben unangepasst, gleich einem Dutzend Vorbildern huldigend. Die bessere Amy MacDonald ohne Frage… und weitaus mehr. Eines der spannendsten Pop-Debüts der letzten Jahre.

Tu Fawning – Hearts on Hold

(Universal, 14.1.2011)

Majestätisch und unangepasst gebiert sich der taumelnde, um sich selbst kreisende Rausch auf Tu Fawnings Debütalbum “Hearts on hold”. Dieser ist in seinen langsamen wie in seinen schnellen Momenten einnehmend, hitzig und spannend, so dass die wenige zum Atmen bleibende Luft jederzeit zu sieden scheint. Verziehrt mit hypnotischen Percussions und allerlei schrägem Hintergründigen, gediegenem Vordergründigen – und nur wenig Platz dazwischen – spielen Tu Fawning kraftvolle und zugleich verspielte Anti-Pop-Songs, die sich irgendwo zwischen Lyncheskem Surrealismus, Siouxsie and the Banshees, CocoRosie und PJ Harvey anordnen.

Der gediegene, spielfreudige Indie-Folk auf “Hearts on Hold” kommt mal kalt, unnahbar und hypnotisch daher, mal kindlich, schelmisch (“Sad Story”), so dass es eine wahre Freude ist in dem abwechslungsreichen und zugleich homogenen Sog des Albums verloren zu gehen. Mitunter fast schon doomig präsentieren sich die mal schweren mal leichten Folkstücke, deren Selbstzerfleischung mit alternativem Gospel, Percussion-Impressionen und elegischen Soundfragmenten auch einem Raymond Raposa (Castanets) helle Freude bereiten dürfte. Anti-Folk, Freak-Folk, Weird-Folk, wie er schöner nicht sein könnte: Gewaltig und verspielt, selbstverliebt und selbstverletzend, mitnehmend, abstoßend, und bei aller Schizoie nicht mehr so schnell loslassend.

Qube – Incubate

(Nuclear Blast, 21.1.2011)

Eine ganz andere Baustelle wiederum ist da der pathetische – mitunter allzu sehr ins esoterische abgleitende – Neo Progressive Metal der polnischen Formation Qube. Natürlich muss man bei dieser Genrezuordnung erst einmal an die klassischen Referenzen Tool, Meshuggah, Porcupine Tree und deren Epigonen denken. Und tatsächlich bewegen sich Qube erst einmal genau in diesen Regionen: Hymnische Metalsongs zwischen ruhigen wabernden Passagen und aggressiven Gitarrenangriffen, Riff- und Bassgewitter, verschnörkelte Metalbahnen… Klar, abgehakt! Aber Qube gelingt es doch, sich aus dem Einheitsbrei herauszuspielen.

Das liegt zum einem am offensiven Flirt mit klassischem Thrashmetal der Marke Slayer und Metallica. Wo andere Neo Progressive Formationen gerne ins Kalte, Sterile und Mechanische abrutschen, packen Qube eine ordentliche Ladung Dreck auf ihren Sound, brüllen sich mal vollkommen ungehemmt die Seele aus dem Leib und schielen dabei sogar das ein oder andere Mal nach Seattle rüber. So kann man sich bei einigen Songs durchaus an “Alice in Chains” oder ganz frühe Soundgarden erinnert fühlen, insbesondere wenn der Narzissmus des Prog einfach mal links liegen gelassen wird, um sattdessen befreit nach vorne zu rocken. Einen Originalitätspreis verdienen Qube damit noch nicht gleich, aber zumindest macht Incubate so um einiges mehr Spaß als viele Neo Prog Veröffentlichungen, die man in den letzten Jahren ertragen musste. Incubate funktioniert als düsterer, grungiger Metal ebenso wie als komplexes Progressive Metal Album, verzichtet dankenswerterweise fast komplett auf Instrumentalgewichse und kümmert sich stattdessen aufopferungsvoll um seine Songs. Ein faszinierendes, starkes Zweitwerk zwischen Pathos, Aggression und Schmutz: Ein Album, das neugierig macht auf weitere Veröffentlichungen Qubes.

Fujiya And Miyagi – Ventriloquizzing

(Rough Trade, 14.1.2011)

Entspannten, lakonischen, experimentellen, elektronischen und mitunter verdammt tanzbaren Indiepop präsentieren uns Fujiya And Miyagi auf Ventriloquizzing. Da wird mächtig geloopt, im Hintergrund geklimpert und gestapelt, während vordergründig die Gitarren schrammeln und David Bests trockene Stimme, dem Hörer ums Ohr herumschleicht. Das Ergebnis ist ein eklektisches, heterogenes Album, das von in sich selbst ebenfalls zerfahrenen Songs dominiert wird. Und dennoch geht die dissoziative Mischung erstaunlich gut auf.

In ihren poppigen Momenten – wie “Cat goz your tongue” – erinnern Fujiya And Miyagi nicht selten an europäischen Indie Pop zwischen dEUS und Clinic, während sie in experimentelleren und verspielteren Phasen tief in die 70er hinabtauchen, von wo sie Reminiszenzen an Psychedelic und Krautrock hervorholen. Mit diesen flüstern und triggern sie dann seltsam verstörende Soundgewänder in die Synapsen ihres Publikums und haben ganz offensichtlich die hellste Freude daran ihre eigene Tanzbarkeit immer wieder erneut auf die Probe zu stellen. Ventriloquizzing ist ein ungewöhnliches – ständig zwischen Purismus und hektischer Überfrachtung pendelndes – Werk, dass es nicht einfach macht gemocht zu werden, dabei aber ausgesprochen viele, faszinierende Songperlen bietet. Ein flirrender, abstrakter, unaufgeräumter Song- und Soundhybrid, der sich in sich selbst verirrt, Faden aufnimmt und wieder losläst und mit größtem Vergnügen seine Zuhörer dem eigenen chaotischen Geist aussetzt. Elektronik zwischen Pop und Experiment, wagemutig, gelöst, dreist und höchst vergnüglich.

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