Wim Wenders und der Ring des Nibelungen

by Florian Bayer on 13. Januar 2011

in Event,Film,Glosse,Musik

Ob es beim Gemunkel bleibt…? Im Moment stehen die Chancen ganz gut, dass aus der Gerüchteküche Realität wird. Zumindest laut der dpa, die Katharina Wagner zitiert, die wiederum bestätigt, dass es Verhandlungen zwischen den Bayreuther Wagnerianern und Wim Wenders um eine kommende Inszenierung des berühmten “Ring des Nibelungen” gibt. Ausgerechnet im Jahr 2013 – zum 200. Geburtstag Richard Wagners – könnte der Regisseur von Filmen wie “Himmel über Berlin” und “Paris, Texas” die Ring-Inszenierung beim immer sowohl amüsanten als auch erschreckenden Bayreuther Treiben übernehmen.

Die Idee scheint erstmals verlockend und nachvollziehbar: Immerhin gab es bereits vor einigen Jahren Verhandlungen mit Lars von Trier (Antichrist), der sich dann allerdings doch gegen das große Opernprojekt entschied. Eine pathetische, wütende, provokante und laute Inszenierung des Dogma95-Regisseur hätte mit Sicherheit perfekt in den Bayreuther Zirkus gepasst, und für einige empörte Buhrufe, Standing Ovations und heftige Debatten gesorgt. Die letzten Theaterregisseure und großen Dramatiker, die sich am Ring oder anderen Wagnerianischen Neuinterpretationen versucht hatten, waren außerdem sowohl vor dem Bayreuther Publikum als auch der Feuilletonlandschaft gescheitert. Da scheint die Besetzung durch einen Regisseur, der sich eher in filmischen Regionen beheimatet fühlt, mehr als naheliegend. Auch im Hinblick auf die bombastische, eklektische und – erstaunlicherweise – wohlwollend aufgenommene Inszenierung des Parsifals durch Christoph Schlingensief aus dem Jahre 2007. Auch diese hatte sich mehr bei filmischen Stilmitteln denn theatralischen bedient und dennoch (oder gerade deswegen) sowohl Publikum als auch Presse begeistert.

Bleibt die Frage, ob von Wim Wenders ein ähnlicher Erfolg erwartet werden darf. Dessen Inszenierungsstil scheint nämlich erst einmal so überhaupt gar nicht zum wagnerianischen Klangkosmos zu passen: Wo Wagner seine Musik affektiv, pathetisch und gewaltig inszeniert, sind die Filme Wim Wenders meist eher lakonisch, trocken, wenn nicht gar gemütlich bis zur Langatmigkeit. Die spröde Inszenierung von gewaltigen – oder zumindest potentiell gewaltigen – Stoffen zelebriert Wenders ebenso lang, wie seine Filmographie reicht: Handkes “Angst des Tormanns beim Elfmeter” entzog er sämtliche sprachliche Radikalität um ein trockenes und sperriges “Neuer Deutscher Film”-Drama zu inszenieren. Der pathetische Grundstoff von “Himmel über Berlin” wurde bei ihm zu einem feinsinnigen, leisen Drama. Und sein Opus Magnum “Bis ans Ende der Welt” lebt auch eher von den leisen Momenten, von der gediegenen Ruhe und dem spröden Humor.

Im schlimmsten Fall könnte Wenders den Ring somit als biedere, unprovokante Reduce-To-The-Max-Version inszenieren, die weder empörte Buhrufe noch stürmische Standing Ovations hervorruft, sondern lediglich einen warmen bis mitleidigen Applaus erntet. Kaum auszumalen, immerhin gehören die Kontroversen, Skandale und lautstarken Aversionen gepaart mit unverständlichen Euphorien zum Ring wie Richard Wagner zu Nietzsches “Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik”. Andererseits bietet sich hier auch eine einmalige Chance: Immerhin war Musik schon immer eine tragende Säule in Wim Wenders filmischem Schaffen… aber eben weniger die E- als vielmehr elegante U-Musik. Zu schade, dass Wenders wohl kaum mit dem Platz des musikalischen Leiters bedacht wird (der auch immer eine dankbarere Rolle als der Regisseur hat und meistens ordentlich Beifallsbekundungen erhält)… Eine Wagnerianisch-klassische Inszenierung mit Musik von Nick Cave, Patti Smith und U2 wäre jedenfalls eine erfrischende Bereicherung für den Bayreuthschen Festspielbetrieb auch wenn – oder gerade weil – man sich die entsprechend negativen Reaktionen allein schon bei dem Gedanken daran ganz gut vorstellen kann.

Vielleicht gelingt es Wenders auch tatsächlich, ohne Übernahme der musikalischen Leitung – ein Stück echten Pop in die pompöse Oper einzuschmuggeln. Und damit ist keinesfalls der pseudopoppige Hauch von anderen Regisseuren sondern ein echter popkultureller Einschlag gemeint. Immerhin inszeniert Wenders trotz aller Sprödigkeit schon seit jeher mit einem charmanten, ironischen Einschlag, der keine Berührungsängste vor anschmiegsamen Pop-Schemata hat. Am besten ist ihm dies wohl beim sträflich unterschätzten “Million Dollar Hotel” (Die besten Tragikomödien der 00er Jahre) gelungen. Ohnehin pendelt Wenders immer ein wenig zwischen Popular-Flirt, biederer “Neuer Deutscher Film”-Epigonie und verkopftem, subtilen Arthaus-Kino. Die Richtung, die er für Bayreuth präferiert, wäre entscheidend für einen Erfolg, grandiosen Misserfolg oder eben im schlimmsten Fall sang- und klanglosen Untergang des Filmschaffenden.

Bis dahin bleiben Spekulationen müßig; vor allem da die Teilnahme Wenders noch keineswegs ein gelutschter Drops ist. Das wäre nämlich dann der zweite wichtige Punkt: Will Wenders das überhaupt? Sollte er das überhaupt? Viele Regisseure vor ihm mussten bereits erkennen, dass mit dem Wagner-Klüngel in Bayreuth nicht gut Kirschen Essen ist. Einmischungen, Streitigkeiten, Diffamierungen… Manch einer biss sich an dem Bayreuthschen Kulturzirkus bereits die Zähne aus. Und wofür das Alles? Für eine Inszenierung, die dann doch – mal gerechtfertigt, mal ungerechtfertigt – von den konservativen Festspielteilnehmern und dem Feuilleton in der Luft zerrissen wurde. Schlingensief machte Bayreuth sogar – mal direkt, mal indirekt – für seine Krebserkrankung verantwortlich. Ein sicheres Pflaster bildet der grüne Hügel jedenfalls nicht und so mancher Künstler hat dort schon Kränkungen und Traumata erlitten, von denen er sich nicht wieder erholt hat. Das war ohnehin sowohl für Feuilleton als auch Zuschauer meist die spannendere Frage: “Was geschieht hinter den Kulissen? Wer schlägt, erniedrigt, tötet wen als nächsten?”. Denn Bayreuth ist, bei allem e-kulturellen Brimborium vor allem ein Parkett der Eitelkeiten und des kulturelitären Snobismus. Das erkannte bereits Nietzsche, der entsprechend enttäuscht und wütend auf den narzistischen Zirkus reagierte. Dessen Spätwerke zu Wagner, Bayreuth und dem Ring sollte sich der bodenständige Wenders nochmal zu Gemüte führen, bevor er sich dazu entscheidet tatsächlich den Tanz auf der kulturellen Weltesche zu wagen.

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