Erich Kästners “Fabian” – der “Man in the mirror”

In seinem 1931 erschienen neusachlichen Roman „Fabian“ beschreibt Kästner das Ende der Goldenen Zwanziger Jahre und den Beginn der Weltwirtschaftskrise. Die satirische, leicht überdrehte Erzählweise kündigt den moralischen Verfall der Gesellschaft an. Kästner skizziert am Horizont eine Fratze der Amoral.

„Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.“

Jakob Fabian, Werbetexter für eine Zigarettenfabrik, ist der titelgebende Held des Romans, welcher urpsrünglich “Der Gang vor die Hunde” heißen sollte. Nicht grade ambitioniert, scheint Fabian von einen Tag in den anderen zu leben. Das Geld reicht hin um seine Miete zu zahlen und einschlägige Etablissements zu besuchen. Fabian, von Kästner mit einer bildungsbürgerlichen Moral ausgestattet, nimmt die Stellung eines unbeteiligten Beobachters ein. Dies ermöglicht die kritische Untersuchung des, für Fabian und damit Kästner fragwürdigen, zumindest aber unmoralischen, Verhaltens und Handelns seiner Umwelt. Insbesondere stellt Kästner die ausschweifende Sexualität und die gleichzeitige Unfähigkeit tiefere Beziehungen einzugehen in den Vordergrund. An diesen Phänomenen exemplifiziert er das Versagen der menschlichen Moral.

„Ich warte auf den Sieg der Anständigkeit, dann könnte ich mich zur Verfügung stellen.“

Der Grund dieses Versagens sieht Kästner in den wirtschaftlichen Restriktionen der Wirtschaftskrise. So heißt es an einer Stelle, dass Männer auf Grund der wirtschaftlichen Unsicherheit, nicht bereit seien feste Bindungen einzugehen, da sie sich als Ernährer betrachteten. Die Folge seien: sexuelle Abenteuer und unglücklich-verliebte Frauen. Fabian will als Mann sich und seine Frau ernähren können und freut sich als seine neue Liebe Cornelia ihm die Möglichkeit dazu bietet ehrgeizig zu sein und aus seinem lethargischen Lebensstil auszubrechen. Kästner scheint darauf hinauszuwollen, dass eine Übereinstimmung von idealem Rollenbild und tatsächlicher Ausfüllung dieses Ideals glücklich mache. Letztendlich verbirgt sich dahinter lediglich eine bürgerlich-konservative Haltung Kästners.

Wirtschaftliche Restriktionen führen schließlich auch zu Fabians Arbeitslosigkeit und bilden auch den Hintergrund des Kampfes zwischen den Nationalsozialisten und den Kommunisten. Beide Gruppierungen bieten konträre Erklärungsmodelle für einen Ausweg aus der Krise an. Zu diesem Thema gehören auch die Diskussionen zwischen Fabian und seinem bester Freund Labude. Während Labude den Standpunkt vertritt, dass die Menschen von einer kulturellen Elite erzogen werden müssten, resigniert Fabian:

„Noch in deinem Paradies werden sie sich die Fresse vollhauen!“

“Ich bin der Überzeugung, dass es für die Menschheit, so wie sie ist, nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder man ist mit seinem Los unzufrieden, und dann schlägt man einander tot, um die Lage zu verbessern oder man ist im Gegenteil mit sich und der Welt einverstanden, dann bringt man sich aus Langeweile um.”

Interessant ist, dass in einer dieser Diskussionen auf Schillers Konzept der ästhetischen Erziehung des Menschen verwiesen wird, ein Konzept welches nie aufgegangen ist. Zieht man die Gedankengebäude der Nationalsozialisten und Kommunisten hinzu, welche sich auch jeweils „ihre“ Menschen bilden und erziehen wollten, so prophezeit Kästner hier deren Scheitern. Zunächst jedoch lässt er Fabian im Strom der Unmoral, in dem er nicht schwimmen konnte, untergehen. Der Fluss, in welchem Fabian ertrinkt, ist ein starkes Symbol für die Determiniertheit des Geschehens und verkündet Unheil, welches 2 Jahre später, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, dann schließlich auch eintritt.

Die fulminante Erkenntnis: Kästner läßt Fabian erkennen, dass man lediglich sich selbst verbessern kann. An dieser Stelle könnte man jetzt über Kants kategorischen Imperativ sprechen, vielleicht sogar über das kollektive Unbewusste, zumindest aber über das gemeinsame Menschsein. Jedoch kann man es auch einfach mit Michael Jackson sagen:

„If you wanna make the world a better place, take a look at yourself and make a change.“

 

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