Die 90er Jahre: Die besten Fantasyfilme und Märchen des Jahrzehnts

Man kann es drehen und wenden wie man will… Die 00er Retrospektiven waren der Publikumsmagnet auf Seite360 im vergangenen Jahr. Und da sie nebenbei sowohl beim Stammpublikum als auch neuen Besuchern hervorragend ankamen, haben wir uns gedacht: Joa… es gibt ja noch so einige Filmjahrzehnte, die sich hervorragend kanonisieren lassen. Also räumen wir – wenn wir schon mit den 00ern angefangen haben – das Feld gleich von hinten auf. Los gehts mit den 90ern, und wie schon bei den 00ern beginnen wir mit den besten Fantasyfilmen dieses Jahrzehnts.

Delicatessen [Jean-Pierre Jeunet]

(Frankreich 1991)

Und auch in diesem Jahrzehnt beginnen wir mit Jean-Pierre Jeunet, dem damals allerdings die Amelie-Popularität von heute fehlte. Ohnehin ist Delicatessen ästhetisch weit entfernt von dem Märchenkassenschlager der 00er. Dreckig, bissig, surreal, abstrakt… auch wenn Jeunet hier bereits mit klassischen Märchenelementen, ironisch überspitztem Kitsch und absurder Romantik spielt, so ist Delicatessen doch um einiges roher als seine jüngere Schwester. Nichtsdestotrotz – oder gerade deswegen – ist dieser fiese kleine französische Bastard eine wahre Genreperle. Das groteske Märchen um Kannibalismus, Liebe und Clownerie ist ein Fest für alle morbiden Fantasten und Träumer.

The Frighteners [Peter Jackson]

(Neuseeland, USA 1996)

Ein weiterer Regisseur kurz vor seiner großen Popularität. The Frighteners markiert bereits den Übergang Peter Jacksons vom makaberen Independentkino zum großen Blockbuster. Dabei steht die absurde Geisterkomödie mit Michael J. Fox als zynischem Ghostbuster genau zwischen den Stühlen von Exploitation und Hollywood. Einerseits mit großen, fantastischen Special Effects aufwartend, andererseits nicht knapp an brutalen Gewaltszenen. Einerseits eine klassische Fantasygeschichte inklusive moralischer Botschaft, andererseits ständig die traditionellen Pfade unterwandernd: Mal schick und massentauglich, mal roh und beängstigend, aber zu jedem Zeitpunkt perfekt pointiertes Genrekino.

König der Fischer [Terry Gilliam]

(USA 1991)

Um seine Popularität bei den Genrefans musste sich Terry Gilliam in den 90ern keine Gedanken mehr machen. Aus dem Ex-Monty-Python war eine britische Regieinstanz geworden, der die Fans selbst Missgriffe wie die dröge Münchhausen-Verfilmung verziehen. König der Fischer stellt ein ganz besonderes Highlight Gilliams dar. Zwischen Sozialdrama und Märchen pendelnd, die Realität mit grotesken Träumen immer wieder auf die Probe stellend, verzaubert die fantastische Tragikomödie um einen zynischen Radiomoderator und einen ritterlichen Obdachlosen jeden, der bereit ist, sich auf das bunte, irreale Treiben einzulassen. Mal Drama, mal Groteske, mal Fantasy und schließlich eine opulente Suche nach dem heiligen Gral, ist The Fisher King außergewöhnliche, originelle und bewegende Genreunterhaltung.

Edward mit den Scherenhänden [Tim Burton]

(USA 1990)

Auf dem Weg zur Regielegende befand sich während der 90er Jahre auch Tim Burton. Hier – wie so oft – in guter Gesellschaft von Johnny Depp, der auf dem Weg zur Schauspiellegende war (und von Burton dabei kräftig hofiert wurde). Edward mit den Scherenhänden vereint all das, was die hervorragende Teamarbeit der beiden ausmacht: Das postmoderne Frankensteinmärchen um einen ungewöhnlichen Außenseiter steckt voller Herzenswärme, spielt perfekt mit düsterem Kitsch und hauchzarter Ironie und wirkt mitunter fast wie ein Prototyp des Emo-Schicks der 00er Jahre. Melancholisch, verträumt, spitzbübig… und zugleich fantastisch und bewegend. Ein perfektes Post-Märchen, wie es im Buche steht, und Tim Burton in einer Hochform, die er später leider nur noch selten erreichen sollte.

Die Stadt der verlorenen Kinder [Jean-Pierre Jeunet]

(Frankreich 1995)

Jean-Pierre Jeunet zum Zweiten. Dieses Mal ein wenig opulenter, ein wenig düsterer, und alles in allem ein wenig größer als bei dem Meisterwerk Delicatessen. Das unheimliche Kuriositätenkabinett um die Entführung zahlloser Kinder in einer postapokalyptischen Hafenstadt ist mit Sicherheit nicht so gewitzt und durchdacht wie Delicatessen oder die fabelhafte Welt der Amelie, glänzt dafür aber mit anderen Vorzügen: Berauschende Bilder, prächtige und morbide Kulissen, überbordernd kreative Einfälle, groteske Szenarien und eine ganz eigene, überschwängliche Ästhetik, die sich irgendwo zwischen Gothic Novel, apokalyptischem Horror und kindlich naivem Märchen einordnet.

Der Indianer im Küchenschrank [Frank Oz]

(USA 1995)

Vom Düsteren zum Bezaubernden… Einer der schönsten Kinder- und Märchenfilme der 90er Jahre ist “Der Indianer im Küchenschrank” von niemand geringeren als Yoda- und Miss Piggy Schöpfer Frank Oz. Die Geschichte um einen kleinen Jungen, dessen Spielfiguren auf magische Weise zum Leben erwachen, steckt voller Herzenswärme und ist ein passionierter Lobgesang auf die kindliche Fantasie. Und das Besondere: Trotz ihrer einfachen und kindlichen Sichtweise läuft die Geschichte nie Gefahr naiv oder kitschig zu werden. Ganz im Gegenteil: Dem Indianer im Küchenschrank gelingt etwas, was die meisten Kinderfilme aus den USA vermissen lassen. Er nimmt sich, seine Protagonisten und sein Sujet ernst.

Dragonheart [Rob Cohen]

(USA 1996)

Jaja… da ist Rob Cohens Dragonheart schon ne ganz andere Baustelle. Opulente Fantasyunterhaltung der Marke Hollywood: Groß, bombastisch, pathetisch und nicht zuletzt schweineteuer. Trotz seines nicht zu verleugenden Big Budget Ursprungs und seiner traumfabrikschen Formelhaftigkeit gehört die fantastische Geschichte um die Freundschaft zwischen einem Drachen und einem Drachenjäger zu den besten Fantasyepen der 90er. Das liegt vor allem an seinem dicken Augenzwinkern: Dennis Quaid als sarkastischer und egozentrischer Drachenjäger, ein bestens aufgelegter Sean Connery, der dem im Mittelpunkt stehenden CGI-Drachen Mimik und Stimme leiht, sowie eine intelligente Geschichte, die auf gewitzte Weise das Ende einer phantastischen Ära reflektiert. Klar, hier und da ein wenig vorhersehbar und allzu sehr in seinen eigenen schönen Bildern taumelnd, aber dennoch ist Dragonheart ein gehobenes, höchst kurzweiliges Fantasyspektakel, das man vollkommen ohne Scham einfach nur lieben kann.

Orlando [Sally Potter]

(Großbritannien 1993)

Jetzt aber schnell zurück zur Hochkultur, bevor wir uns am Mainstream die Finger verbrennen. Sally Potters Verfilmung der Virginia Woolf Novelle “Orlando” fängt genau jene verschnörkelte Spielfreude ein, die bereits die literarische Vorlage auszeichnet: Eine Geschichte über Jahrhunderte hinweg, durch die Zeiten, Epochen und die Geschlechtsrollen hüpfend. Orlando der Künstler, Orlando der Adelige, Orlando die Liebende, Orlando die Unsterbliche, Orlando der Mann, Orlando die Frau… das breitgefächerte Transgender-Epos ist eine mimikrische Offenbarung zwischen Fantasterei, Dekadenz, nachdenklicher Introspektion, historischem Schaulaufen und verspieltem Ästhetizismus. Ein wunderschönes Festmahl für alle cineastischen Gourmets und Literaturliebhaber.

Hexen hexen [Nicolas Roeg]

(Großbritannien 1990)

Und noch ein wunderschöner Kinderfilm… Nach einer Vorlage des wunderbaren Roald Dahl (Charlie und die Schokoladenfabrik, Gremlins) entstand mit “The witches” 1990 ein postmodernes Märchen, das auf kongeniale Weise mit klassischen Fantasy- und Hexenklischees spielt und dabei sowohl Kinder als auch Erwachsene vorzüglich unterhält. Mit einer grandios aufspielenden Angelica Huston als bösartige Oberhexe, mit vielen absurden, komischen und fantastischen Ideen aufwartend, spielt Hexen hexen in der ersten Liga zeitgemäßer Märchen.

Matilda [Danny DeVito]

(USA 1996)

Gleich die nächste hervorragende Roald Dahl Verfilmung, die uns die 90er beschert haben. Ohnehin war dies ein ganz ausgezeichnetes Jahrzehnt für fantastische Kinderfilme. Und Matilda macht da keine Ausnahme. Die Geschichte von dem kleinen Mädchen mit ungewöhnlichen, magischen Kräften ist eine wunderschöne Parabel auf die Nöte Heranwachsender, ein mutmachendes, kraftvolles Märchen und schlicht und einfach eine fantastische Geschichte voller Menschlichkeit und Wärme. Auch wenn diese Charakterisierung fast zu abgedroschen scheint, kann man doch nur konstatieren: Der perfekte Film für die ganze Familie, am besten noch zur Weihnachtszeit, und mit Oma und Opa… und Gruppenkuscheln. Ach….schööön…

Casper [Brad Silberling]

(USA 1995)

Ja… Stimmige Fantasyunterhaltung für Kinder und Jugendliche geht auch in Hollywood… Casper ist es tatsächlich gelungen, starke CGI-Effekte mit ordentlicher Schauspielleistung mit einer herzallerliebsten Geschichte zu kreuzen. Mag sein, dass der Nostalgiefaktor hier eine gewichte Rolle spielt. Andererseits, wenn man bedenkt, was bei einer Realverfilmung des freundlichen Gespenstes alles in die Hose hätte gehen können… Neben dem knuddelig animierten Geist glänzen hier nicht nur die CGI-Nebenfiguren sondern auch die ganz realen Darsteller: Christina Ricci als unsicherer Teen, Bill Pullman als besorgter, latent überforderter Vater und nicht zuletzt Cathy Moriarty und Eric Idle als herrlich überzeichnete Oberschurken… Jepp! Casper bietet alles, was von gelungener Familienunterhaltung aus Hollywood erwartet werden darf. Auch in real und CGI mach der freundliche Geist eine durch und durch überzeugende Figur.

Dogma [Kevin Smith]

(USA 1999)

Yeah! Independent-Kultregisseur Kevin Smith macht einen auf opulente Fantasy… und auf Theologie… und auf bissige Religionssatire… auf Märtyrer- und Engelsgeschichte… auf Apokalypse… und schafft es dabei dann auch noch seinen living running gags Jay und Silent Bob eine leinwandfüllende Nebenrolle auf den Leib zu schreiben. Dogma ist ein wilder Fantasy, Comedy, Religiossatirenn Bastard. Groß, majestätisch, albern und infantil… und dabei jederzeit ein Mordsvergnügen. Die Geschichte zweier Engel, die zurück in den Himmel wollen, würde an für sich schon für einen großen Fantasykracher taugen. Aber was Smith dabei noch alles an Nebenhandlungen, skurrilen Figuren und durchgeknallten Ideen auffährt, spottet jeder Beschreibung. Kevin Smith macht Fantasy par excellence… Und noch einmal: Yeah!

Being John Malkovich [Spike Jonze]

(USA 1999)

Noch mehr ungewöhnliche Fantasy… vermutlich sogar eines der ungewöhnlichsten Märchen des Jahrzehnts… Charlie Kaufmans erstes großes Drehbuch, und gleich ein tiefsitzender Schuss gegen alle Fantasy- und Filmkonventionen. Being John Malkovich ist ein durchgeknallter, melancholischer, trübsinniger, grotesker Ego-Trip, der nicht nur individuelle Grenzen sprengt, sondern gleich mit dem gesamten Medium aufräumt. Reisen ins Unterbewusste, Reisen ins Überbewusste, märchenhafte Träume, kafkaeske Settings, pythoneske Figuren und dazwischen John Malkovich, der sich selbst spielt und nicht weiß wie ihm geschieht. Damals durfte schon klar sein, dass im Drehbuchautoren Kaufman ein wahres postmodernes Genie schlummerte… und dieses hatte mit Spike Jonze auch gleich den passendsten Regisseur gefunden. So gut, dass jedes Wort darüber zu viel erscheint.

Twilight of the ice nymphs [Guy Maddin]

(Kanada 1997)

Zum Abschluss  ein Fantasyfilm, der vielleicht nicht das beste Märchen des Jahrzehnts ist, mit Sicherheit aber das Ungewöhnlichste. Selbst Kaufmans schräge Malkovich-Vision wirkt wie ein klassisch stringenter Blockbuster im Vergleich zu Guy Maddins kaleidoskopischem Traum “Twilight of the ice nymphs”. Das surreale, fragmentarisch erzählte Antimärchen beeindruckt und fordert gleichermaßen mit einer ungewöhnlichen Farbkomposition sowie einer sehr gemächlichen alles andere als herkömmlichen Dramaturgie. Guy Maddin entwickelt sich ja derzeit zum neuen Darling des nordamerikanischen Arthaus-Publikums… Hier sind seine spröden, experimentellen Anfänge zu bewundern, zu lieben und zu hassen.


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