Die 00er Jahre: Die besten TV-Serien des Jahrzehnts I

Bevor wir unsere 00er Retrospektiven endgültig ad acta legen, werfen wir noch einen kurzen Blick auf die TV-Landschaft. Hier ist tatsächlich viel passiert im letzten Jahrzehnt, selbst wenn es nur die letzten Atemzüge eines sterbenden Mediums waren. Es gab spannende und große Serien, insbesondere aus den USA. Serien die im Budgetbereich locker mit aktuellen Kinoproduktionen mithalten können, aber auch kleine, feine unabhängige Produktionen: Komisches, Tragisches, Spannendes, Phantastisches und Mysteriöses… und wieder einmal unmöglich in einen Artikel passend. Daher hier erst einmal Teil 1 unserer 00er TV-Serienretrospektive.

LOST [J.J. Abrams, Damon Lindelof, Carlton Cuse]

(USA 2004 – 2010)

{6 Staffeln, 121 Folgen à 40 Minuten}

LOST wurde geliebt, verhöhnt, vergöttert und ignoriert… Die Mischung aus Robinsonade, Horror, Fantasy, Science Fiction, Mystery und Soap war jedenfalls eines der großen Serienereignisse des Jahrzehnts. Mitverantwortlich für die Flut an Big Budget Serienproduktionen entwickelte sie während ihrer 6jährigen Laufzeit zahlreiche krude Ideen, wirre Plottwists und warf vor allem viele Fragen auf, die für viele Zuschauer in der letzten Staffel nicht befriedigend beantwortet wurden (Einen Interpretationsversuch mit massiven Spoilern gibt es hier). Trotzdem wusste die mitunter konfuse Serie immer zu unterhalten, zu thrillen und mitzureißen. Ein großes Nerdereignis, vor allem in den Fankreisen beinahe Star Trek Dimensionen annehmend und zudem tatsächlich eine kinoreife fantastische Serie.

Carnivàle [David Knauf]

(USA 2003 – 2005)

{2 Staffeln, 24 Folgen à 45 Minuten}

Wo LOST durch dramatische Episoden und ein großes Budget eine Hollywood-Leinwandatmosphäre auf den heimischen Bildschirm bringt, bewegt sich die Mystery-Serie Carnivàle eher in den surrealen Arthouse-Dimensionen eines David Lynch oder gar Alejandro Jodorowsky. Kein Wunder, dass die anspruchsvolle, abstrakte und vage Serie bereits nach zwei Staffeln wieder gecancelt wurde. Aber diese beiden Staffeln haben es in sich: Zwischen Fantasy, ruhigem Drama und Sittengemälde sowie komplexer, verschachtelter USA-Ikonographie und Universalmythologie. Eine phantastische Serie, und wieder einmal ein mutiges Format, das leider weder vom Gros der Zuschauer noch von den TV-Sendern richtig akzeptiert wurde

Stromberg [Ralf Husmann]

(Deutschland, seit 2004)

{4 Staffeln, 36 Folgen à 25 Minuten}

Nach großem Budget sieht Stromberg zu keinem Zeitpunkt aus… ist ohnehin nur ein Rip Off der britischen Bürositcom “The Office”. Aber: Ja, verdammt! Dieses deutsche Remake ist besser als das Original. Das liegt nicht nur an der anbetungswürdigen Schauspielleistung aller Beteiligten sondern ebenso an dem akribischen, detailverliebten Blick auf Macken und Abarten der Protagonisten, an dem tiefschwarzen Humor, an der ungemein tragischen Komponente, an dem originellen Zusammenwirken von Realismus und karikierender Übertreibung… Stromberg ist realistisches Gesellschaftsporträt, schmerzhafte Tragödie und bissige Satire zugleich und funktioniert erstaunlicherweise in jeder dieser Spielarten. Das beste, was das deutsche Fernsehen im letzten Jahrzehnt zu bieten hatte.

The Office [Ricky Gervais, Stephen Merchant]

(Großbritannien 2001 – 2003)

{2 Staffeln, 14 Folgen à 30 Minuten}

Wir wollen nicht ungerecht sein… natürlich ist das britische Original “The Office” auch grandios. Trotz Inspiration des Plagiatismus, dem sich die Stromberg-Macher schuldig gemacht haben, gibt es feine Unterschiede zwischen dem UK-Original und dem deutschen Ableger. Wo Stromberg ätzend, “Typisch deutsch” unsensibel und bieder ist, lebt das britische Büro vor allem von der kongenialen Kontrastierung von englischer Korrektheit bis zur Verklemmung und peinlichen, taktlosen Momenten. Ricky Gervais ist als Schauspieler ohnehin jedes Zweifels erhaben. Aber auch sonst begeistert die Mockumentary mit zielsicher sitzenden Gags, zahllosen Ideen und einem raffinierten, satirischen Blick auf Macken und Eigenheiten des englischen Büroalltags.

Extras [Ricky Gervais]

(Großbritannien 2005 – 2007)

{2 Staffeln, 13 Episoden à 30 Minuten}

Und noch einmal kongeniales vom Comedy-Genie Ricky Gervais. Auch in Extras schlüpft der Entwickler in die Hauptrolle. Hier spielt er den erfolglosen Schauspieler Andy, der verzweifelt versucht an gute Rollen heranzukommen. Dazu begibt er sich auf diverse Filmsets, immer begleitet von seiner charmanten, tollpatschigen und nymphomanischen Gehilfin Maggie. Extras ist jedoch alles andere als eine One-man oder two-people-Show. Auf bissige Weise parodiert die Serie die Eitelkeiten des Film-Business, stolpert von einem Fettnäpfchen ins Nächste und ist dabei angenehm politisch unkorrekt, bissig und gnadenlos zu seinen “Opfern”. Eine brüllend komische, derbe und zugleich charmante Satire auf das britische Filmgeschäft und Skurrilitäten der Branche.

Deadwood [David Milch]

(USA 2004 – 2006)

{3 Staffeln, 36 Episoden à 50 Minuten}

Spätwestern als Frühwestern. Im Mittelpunkt Deadwood steht die gleichnamige Siedlung, in der sich Goldsucher, Revolverhelden, Verbrecher und Glücksritter zusammenfinden. Ganz im Stile New Hollywood’scher Spätwestern inszeniert Deadwood den Wilden Westen als erbarmungslose, raue und harte Zeit, spart nicht mit derber Sprache und düsteren Topics. Die Serie ist eine dreckige Abrechnung mit Westernmythen, in der Pocken und Alkoholismus eine ebenso große Rolle spielt wie Anarchie und das Recht des Stärkeren. Zugleich ist Deadwood einzigartig dicht, atmosphärisch, mitreißend und spannend. Eine perfekte Melange aus akribischer historischer Authentizität und düsterer Wild West Geschichte.

Scrubs – Die Anfänger [Bill Lawrence]

(USA 2001 – 2010)

{9 Staffeln, 182 Episoden à 20 Minuten}

Ein harter Schnitt: Vom düsteren, realistischen Western zur überdrehten, unrealistischen Krankenhaussitcom. Im Laufe seiner (viel zu langen) Spielzeit hat Scrubs sukzessive an Qualität eingebüßt. Aber die ersten Staffeln gehören mit zum Besten, was im letzten Jahrzehnt an amerikanischer Comedy zu sehen war. Wunderschöne tragikomische Geschichten, die immer ihre zutiefst menschlichen Momente besitzen, groteske saukomische Traumsequenzen, deren Absurdität gar pythoneske Züge annehmen kann, herrlich albern infantile Slapstickeinlagen und grandios gezeichnete Charaktere wie den sensiblen J.D. (Zach Braff), die hysterische Elliot oder den zynischen Dr. Cox. Ein Fest für Comedyfreunde.

Die Sopranos [David Chase]

(USA 1999 – 2007)

{6 Staffeln, 86 Episoden à 55 Minuten}

Zur Mafia hat sich Hollywood ja eigentlich schon viel zu oft geäußert. Umso erstaunlicher, dass die Familienserie das Mafiaepos Sopranos dem Thema neue Facetten abgewinnen kann. Die Geschichte der italo-amerikanischen Verbrecherfamilie ist zu gleichen Teilen realistisch wie an den richtigen Stellen stilisiert, schwankt zwischen spannenden Kriminalplots, dramatischen Ereignissen von großer Bedeutung und herrlich skurrilen, tragikomischen und vor allem selbstironischen Momenten. Die Kombination aus Psychoanalyse, Thriller, Drama, Sittengemälde und Komödie ist einzigartig in der amerikanischen TV-Landschaft. Eine herausragende zurecht vielfache ausgezeichnete Serie, die beweist, was Fernsehen auch in unserer Zeit noch alles kann.

Californication [Tom Kapinos]

(USA 2007 – heute)

{3 Staffeln, 36 Episoden à 25 Minuten}

Ganz ähnlich wie die Sopranos nähert sich auch Californication seinem Sujet. Hier geht es nicht um die Mafia sondern das postmoderne Sodom und Gomorrha Hollywood: Den Mythos, die Klischees, die damit verbundenen Träume… Californication nimmt sie sich vor und zerreißt sie allesamt in der Luft. Die Schnipsel flirren auch schon kurz dazeit herum, als Dekosntruktionen des American Way of Life, als satirische Spitzen auf die Filmindustrie, als derbe Flüche, schwarzer Humor, bösartige Bissigkeiten. Californication ist verdorben durch und durch; und suhlt sich augenzwinkernd, dem Publikum jovial auf die Schultern klopfend in seiner eigenen Verderbtheit. Ein furioses satirisches Höllenfeuer: Amoralisch, hedonistisch, manisch, bitter und dabei höllisch verführerisch.

Berlin, Berlin [David Safier, Holger Ellermann u.a.]

(Deutschland 2001 – 2004)

{4 Staffeln, 86 Episoden à 25 Minuten}

Die von der ARD produzierte Hauptstadtserie Berlin, Berlin ist eine manische, lebenslustige Sitcom voller kleiner Details und Absonderlichkeiten. Rund um die Geschichte des Landeis Lolle entwickeln sich tragikomische, spritzige, vitale Ereignisse um Liebe, Spaß am Leben und die Suche nach dem Glück. Angereichert werden die vitalen, mitunter urkomischen Episoden durch kurze, raffiniert in die Handlung eingebettete Comicclips. Berlin, Berlin ist eine äußerst gelungene Melange aus Soap, Sitcom und Verbeugung vor der vielseitigen deutschen Hauptstadt, eine Serie die vollkommen zurecht beim Publikum und bei den Kritikern erhöhten Kultstatus genießt und tatsächlich eine der wenigen gelungenen Ausnahmen in der in den 00er ansonsten vor sich hindarbenden deutschen TV-Landschaft.

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