Die große Nu-Metal-Retrospektive I: Die Vorreiter

Beginnen wir mit einem Outing. Ein Mitarbeiter (der hier nicht namentlich genannt werden möchte, die Red.) hat vor Kurzem gestanden, dass er im Moment ein kleines persönliches Nu Metal Revival feiert. Richtig: Nu Metal, oder New Metal, oder eben auch Nu-Metal (ziemlich SEO-unfreundliche Kategorie)… das ziemlich kurzlebige Genre, das irgendwann Mitte der 90er entstanden und innerhalb von 10 Jahren wieder fast vollständig untergegangen ist. Weder hat dieses Genre einen bestimmten Herkunftsort wie z.B Grunge in Seattle noch wurden hier sonderliche große Innovationen für nachkommende Generationen geboren. Falls überhaupt findet man diese nur auf dem selbstbetitelten Album der Band Korn, die zusammen mit Ross Robinson 1994 einen Sound entwickelte, der damals noch gefährlich und nicht selten als “krank” betrachtet wurde. Trotz der marginalen musikhistorischen Bedeutung und des Mangels an Innovationen prägte der Nu Metal die Mainstream-Rockmusik der ausgehenden 90er Jahre. Bands wie Limp Bizkit oder Linkin Park wurden zur festen Institution im Musikfernsehen, Nacheiferer fanden sie zu hauf und nicht wenige Musikhörer wurden durch den Sound des Nu Metal sozialisiert, um von diesem aus ihren Weg zu anderen alternativen Rock- und Metalgrößen zu finden.

In unserer kleinen Nu-Metal-Retrospektive wollen wir uns dem Genre genauer widmen. Wir betrachten seine Ursprünge ebenso wie seine Hochphase, kümmern uns um die weltberühmten Acts und Hitproduzenten, aber auch um den Underground, um Vergessenes und Vergessenswertes, um Erinnertes und Erinnerungswürdiges. Los legen wir mit einem Blick auf die Wurzeln des Nu Metal. Diese liegen insbesondere im gegen Ende der 80er Jahre entstandenen Crossover, die Suche gestandener Rock-, Metal-, und Hip Hop Acts nach genrefremden Einflüssen, ebenso im Groove und Neo Thrash Metal der beginnenden 90er, sowie bei experimentierfeudigen Hardcore- und Punkbands. Der daraus entstandene 90er Jahre Crossover sollte einen gewaltigen Einfluss auf den später populären Nu Metal haben… Roots, bloody roots… Direkt nach dem Klick.

Die Raprock-Vorreiter und frühe Crosoverexperimente

Mit Crossover findet sich auch das eigentliche musikalische Vorbild für die gesamte Nu Metal Generation. Zwar gab es schon in den 80er Jahren Bands, die Hip Hop mit Metal fusionierten jedoch blieb  es  überwiegend bei einzelnen Kollaborationen und die Protagonisten, wie die Beastie Boys, wandten sich schnell neuen und interessanteren Gebieten zu. So gab es unter anderem eine Walk This Way Version von Run DMC (ursprünglich von Aerosmith), in der klassische Rapvocals auf kräftige Hard Rock Gitarrenriffs stießen.

Als Vorreiter des klassischen 90er Jahre Crossover gelten gemeinhin immer noch die Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers und Faith No More. Gerade Letztere fusionierten Metal, Funk, Pop und Hip Hop zu einem ganz eigenen Soundkosmos. Spätestens als Musikavantgardist Mike Patton zu der Band stieß, begeisterte sie sowohl Presse als auch Publikum. Mit Werken wie “Angel Dust” und “King for a day, fool for a lifetime” erschuf sie Alben, die klassischen Rock perfekt mit postmodernen musikalischen Spielarten verbanden.

So fand dieser auch kommerziell erfolgreiche Mix aus Hardcore, Punk, Metal, Funk und Hip Hop schnell begeisterte Nachahmer und wer etwas auf sich hielt musste Anfang der 90er mindestens ein Bodycount Album besitzen. Gerade das Metalprojekt von Rapper Ice-T genoss sowohl in Rock als auch Hip Hop Kreisen  hohes Ansehen, weil es die Gangsta Attitüde von Bands wie NWA mit wütendem Hardcore verband. Ebenso stilprägend waren Cypress Hill, die sowohl auf klassischen Hip Hop als auch auf die Ergänzung durch psychedelischen Rock und Metalsound setzten.

Die Neo Thrash- und Groove Metal Vorreiter

Neben der Beeinflussung durch den Hip Hop gab es aber auch Vorbilder im “traditionellen” Thrash-Metal Bereich. Hier entwickelte sich bereits in den 80ern, inspiriert durch Industrial, Hardcore und World-Music eine ganz eigene Metalbewegung, die sich dem Groove von Spielarten verschrieb, die dem Metal eigentlich fern waren. So experimentierte die südamerikanische Metalband Sepultura mit diversen Ethnoklängen, verband diese mit klassischem Thrash und Death Metal und schuf so einen “Survival of the fittest”-Sound, der im Gegensatz zu vielen Hip Hop Rock Kollaborationen auch beim traditionellen Metalpublikum Anklang fand. Ohnehin kamen die meisten dieser Bands aus klassischen Metalbereichen, um von dort aus ihren Sound sukzessive zu erweitern.

So zum Beispiel Machine Head, gegründet vom ehemaligen Vio-Lence Gitarristen Robert Flynn, da dieser im klassischen Thrash-Metal keine Zukunft sah. Auf ihrem Debüt-Alben kombinierten sie deftige Slayer-Riffs mit einem elektroiden Industrialtouch und verschiedenen anderen härteren Rockspielarten und wurden dadurch zu Ikonen des Neo Thrash Metal (und nebenbei zu erfolgreichsten Band beim Label Roadrunner). Auch Pantera und Fear Factory ließen in ihren Thrash Sound weitere Inspirationen einfließen. So experimentierten die Teaxner Pantera mit Blues, Southern Rock und gar Country, während Fear Factory noch stärker auf elektonische, synthetische und industrielle Sounds setzten.

Die Hardcore- und Punkvorreiter

Zu der Metal und Hip Hop Inspiration gesellen sich Vorreiter aus der klassischen Punk und NY Hardcore Ecke. Auch hier gab es in den ausgehenden 80er und beginnenden 90er Jahren eine starke Bewegung zum Experiment oder zumindest zum Versuch, genrefremde Einflüsse in klassischen Punkrock einfließen zu lassen. So fusionierte die 1982 gegründete Hardcore Band Suicidal Tendencies ihren Hardcore Sound mit Thrash Metal und diversen Crossover-Elementen. Am signifikantesten geschah dies bei ihrem 1990er Output Lights…Camera…Revolution!, einem ebenso wütenden wie progressiven Bastard aus Punk, Hardcore, Thrash Metal und Funk. Dies lag nicht zuletzt an den Einflüssen des neuen Bassisten Robert Trujillo, dessen prägnantes Spiel die 00er Outputs von Metallica prägen sollte.

Auch die in den ausgehenden 80ern gegründete Hardcoreband Biohazard begann schon früh mit Rapcore und Heavy Metal Elementen zu spielen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der soziale Urpsrung des Hardcore. Viele Mitglieder von Bands wie Biohazard wuchsen meist in den gleichen sozial schwachen Vierteln wie die Schwarzen auf und auch optisch verbanden sich beide Welten miteinander.  Gerade der modische Stil zwischen Hip Hop und Punk sollte in der Form fast 1:1 von vielen Nu Metal Bands übernommen werden. Ebenfalls genreübergreifend, jedoch mit nur geringer Rap-Attitüde war die Wirkung der stark vom Hardcore und Punk beeinflussten Band Helmet, die neben Funk und Jazz auch noch Inspiration bei Noise, Indie Rock und Psychedelic fand, um damit einen ganz eigenen Alternative Rock Sound zu generieren.

Der frühe 90er Jahre Crossover

In der Zeit, in der Hardcore, Metal und Hip Hop Acts begannen, immer stärker ihren Sound zu erweitern, wurden auch die ersten originären Crossoverbands gegründet, die das entsprechende Genre zu einer verkaufsfördernden Marke werden ließen.  Dog Eat Dog, die mit dem Wu-Tang Clan ebenso auftraten wie mit Biohazard gehörten zu den ersten amerikanischen Bands, denen es erfolgreich gelang, Crossover in Mainstreammusik zu transferieren. Neben den Einflüssen aus Rap, Rock, Punk und Jazz floss vor allem eine gehörige Popnote in ihr Material ein, wodurch gerade Songs wie ISMS und No Fronts zu echten MTV-Hits wurden.

Selbiges gilt für die 1989 gegründete Rapcore Band Clawfinger, deren funky Metal Hard Rock gekonnt zwischen Pop und Agitprop pendelte. An dieser Stelle darf natürlich eine Agitprop-Band nicht unerwähnt bleiben: Rage against the Machine. Auf ihrem selbstbetitelten 1992er Debütalbum kombinierten sie Metal, Rock und Funk zu einem ganz eigenen, politisch hoch brisanten Funk, Rap, Metal Bastard, der sowohl von der Popkultur als auch der Avantgarde und Subkultur begeistert aufgenommen wurde. Songs wie Killing in the Name of waren perfekte Hybride aus bissigem politischen Statement, hartem Metal und clubtauglicher Black Music. Auch hier kollaborierten Attitüde, Pop, Protestkultur und experimentierfreudige Musik, um den Weg sowohl für die Street Credibility als auch MTV zu ebnen.

Als letztes sollten hier auch die deutschen Nu-Metal-Vorreiter nicht unerwähnt bleiben. Zu den prominentesten dürften mit Sicherheit H-Blockx zählen. Inspiriert vom frühen Crossover der 90er Jahre, verbanden sie Clawfinger-Härte mit Dog Eat Dog Coolnessfaktor und spielten sich mit Smashhits wie Risin High in die Ohren und Herzen der deutschen MTV-Hörer. Ebenfalls sehr populär waren die Braunschweiger Such a Surge, die wie die großen US-Vorbilder Rage against the machine, Biohazard und Ice-T auch auf die politische Botschaft setzten. Ihr deutschsprachiger, harter Rapcore-Agitprop-Fusion war ebenso tanzbar wie politisch, agitatorisch aber auch hedbang-kompatibel. Weniger bekannt hingegen dürfte die Hardcore-Band Megalomaniax sein, die sich vor allem von Postpunk und NY-Hardcore inspieren ließ und mit der Fanta4-Collabro Megavier 1995 immerhin kurzzeitig im Licht der Öffentlichkeit stehen sollte.

Spuren des Genres:

Jede Genreklassifizierung hat ihre Kniffe und Tücken, insbesondere die des Crossovers, Neo Thrash Metals und schließlich die des daraus entstandenen Nu Metal. Obwohl die Musik von Korn, Limp Bizkit und Linkin Park keinen Katzensprung von den hier vorgestellten Bands entfernt ist, hat sich eine vage Trennlinie zwischen Crossover der frühen 90er und Nu Metal der späteren 90er Jahre etabliert. Dass diese ein musikindustrielles, musiktheoretisches Konstrukt ist, steht dabei außer Frage. Dennoch lassen sich (mal mehr, mal weniger) klare Differenzierungsmerkmale herausdestilieren. So sehr die Vorreiter des Nu Metal durch die Genre sprangen, beruhte ihre Musik dennoch auf der Attitüde des Handgemachten. Sowohl im Metal, Rock als auch Hip Hop der frühen 90er galt ein Diktat – oder zumindest eine Präferenz – des Authentischen, Echten. Elektronikelemente waren gemeinhin in Mainstream-Rockmusikkreisen nicht akzeptiert, galten als synthetisch oder gar billig. Hier waren deutliche subkulturelle Abgrenzungsmechanismen aktiv, vornehmlich, um das Revier des Rock vor der an Popularität wachsenden Elektronik- und Ravekultur abzugrenzen.

Wichtige Impulse für eine Öffnung der Mainstream-Rockwelt hin zu elektronischen Spielereien setzten schließlich Bands wie Nine Inch Nails, die Industrial, elektronischen Noise und die Fusionierung von Rock und Electro einem breiten Publikum zugänglich machten. Kein Wunder also, dass der von Trent Reznor produzierte Marilyn Manson mit seinem Industrial Rock Pop Bastard sich genau an der Schnittmenge zwischen hittauglichem Industrial Rock und Nu Metal Attitüde befindet. Ebenso – oft unterschlagen, aber nicht zu leugnen – lieferte der Spätneunziger Grunge à la Smashing Pumpkins nochmal wichtige Inspirationsquellen: Die Öffnung des Rock hin zum Bombastischen, großen Cinemascope-Alternativerock sollte großen Einfluss auf den spezifischen Pathos vieler Nu Metal Acts haben. Ja, selbst beim Stoner und Neo Progressive Rock findet man schließlich Elemente, die den Nu Metalern dankbare Vorlagen liefern sollten. Kein Wunder, dass die spätere Popularität von Bands wie Tool oder gar Kyuss teilweise auch in einer Wiederentdeckung durch die Nu Metal Generation begründet liegt. Und bevor wie vom Hundertsten ins Tausendste kommen, belassen wir es hiermit erstmal bei den Vorreitern. In der nächsten Folge dieser Serie gibt es dafür dann reinen, ungeschönten Nu Metal. Bis dahin… Keep Rollin’!

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