10 Jahre Kid A – Happy Birthday kleines Radiohead-Wunderwerk

Am 2. Oktober 2000 erschien ein Album, das die alternative Musikwelt gehörig durchwirbelte. Radiohead – Aushängeschild für gitarrenlastigen, britischen Independentrock, der zwischen Pixies, Blur und The Smiths oszillierte, veröffentlichten mit Kid A ihr persönliches Opus Magnum, die Verabschiedung vom Rock, die vollständige Umarmung des experimentellen Electropop und schufen damit ein Werk, das die postmoderne Popszene bis zum heutigen Tag entscheidend prägen sollte. Grund genug, sich heute zum Jubiläum dieses gepresste Wunderwerk genauer anzuschauen.

Der Hintergrund:

“When we finished the OK Computer tour, I had a sort of big… block. I basically thought that was it. I thought that I wouldn’t be able to do whatever it is that I do again. We were still sort of working, but I had no faith in it.”, gestand Thom Yorke kurz vor Veröffentlichung von Kid A dem Observer in einem Interview. Einige Jahre zuvor waren Radiohead durch die Veröffentlichung von The Bends und OK Computer im Zuge des Britpop-Hypes endgültig zu Indie Pop Größen aufgestiegen. Neben Oasis, Pulp und Blur standen sie für frische, junge, experimentierfreudige und zugleich massentaugliche Musik von der Insel, deren einziges Ziel es schließlich zu sein schien, DEN legitimen Beatles-Nachfolger zu küren. Aber der neugewonnene Ruhm hatte auch seine Schattenseiten. Radiohead waren in eine Ecke gedrängt, irgendwo zwischen ambitioniertem Pop und klassischem Gitarrenrock, vom Publikum und den Kritikern gleichermaßen geliebt wie vereinnahmt.

Im Kontext dessen schien die Arbeit an und die Ankündigung von Kid A wie ein kreativer Befreiungsschlag. Vom Studio mit aller Zeit der Welt ausgestattet, ohne Veröffentlichungsdeadline, konnten sich Radiohead seit 1999 im Studio frei austoben. Dass die Musik in eine andere Richtung gehen sollte als die gefeierten Vorgänger, war klar… einzig die Richtung stand noch nicht fest. Während Gitarris Ed O’Brien das Material auf dreiminütige Songs reduzieren wollte, um somit eine Popquintessenz zu schaffen, litt Thom Yorke ebenso wie der Bassist Johnny Greenwood unter einer sukzessive gewachsenen Rock-Übersättigung. Yorke, der früher schon als DJ mit elektronischer Musik in Kontakt gekommen war, sah vor allem den Rhythmus als neue musikalische Waffe für den nächsten Radiohead-Output an. Zudem litt der Kopf der Band unter einer langwierigen Schreibblockade, die so entstandenen Songs waren eher Fragmente als vollständige Stücke, die Texte mitunter reduziert auf einfache Sprachvariationen, die die Stimme selbst mehr als Instrument denn als narratives Werkzeug begriffen. Die perfekte Vorraussetzungen also für schweißtreibende, herausfordernde Studioarbeit.

Die Aufnahmen:

Während dieser Aufnahmessions, die primär im Studio in Oxford stattfinden sollten, experimentierte die Band dementsprechend mit verschiedenen Instrumenten und Stilen. Johnny Greenwood beschäftigte sich ausgiebig mit Musiktheorie, um schließlich ein Streicherarrangement für “How to disappear completly” zu komponieren, Thom Yorke steuerte zu einigen Songs den Bass bei, aber insbesondere elektronische und synthetische Sounds fanden mehr denn je Einzug in die Radiohead’schen Grundsounds. Dazu gehörte das Spiel mit Synthesizern ebenso wie Loop- und Sampleexperimente. Am Ende dieser Prozedur standen mehr als 30 Songs, genug Stoff für ein vollbepacktes Doppelalbum, wovon schließlich 10 Stücke mit einer Gesamtspielzeit von 50 Minuten ihren Weg auf  Kid A fanden (weitere Songs gelangten auf den direkten Nachfolger Amnesiac und wurden für diverse B-Sides verwendet).

Die Veröffentlichung:

Ebenso ungewöhnlich wie die Aufnahmen gestaltete sich auch die Präsentation und Veröffentlichung des Albums. Anstatt konventioneller Musikvideos gab es auf MTV nur kurze Klang-/ Bildcollagen zu sehen. Diese so genannten Blips wurden als 30sekündige Commercials geschaltet, die mehr Fragen offen ließen als zu beantworten. Ebenso abstrakt war das Coverartwork von Thom Yorke gestaltet, das als Inspiration für die kurzen, animierten Musikcommercials diente.

Das Album:

Bedrohlich und zugleich fragil stolpern fremdartige Pianoklänge gleich zu Beginn durch die Boxen. Everything in it’s right place? Wohl kaum. Bereits der noch relativ gewöhnliche Eröffnungstrack antizipert, was in den nächsten 50 Minuten geschehen wird. Kid A ist der Abschied vom Rock – mehr noch, es ist die Apokalypse des Rock, der Tod des Rock und zugleich seine Wiederauferstehung in postrockigen, postelektronischen, postpoppigen Gefilden. Wenn Gitarren erklingen dürfen, dann nur, um im nächsten Moment von noisigen Electronica zerstört zu werden. Radiohead schöpfen tief in der avantgardistischen Musikkiste, bedienen sich bei 70er Krautrock ebenso wie bei verschiedenen 80er RIO-Projekten, mixen klassische Kompositionen mit verzerrten Klangfragmenten, mit durchtrainiertem Pop, mit düster monotonen Soundlandschaften. Kid A ist anders – außerirdisch könnte man fast sagen.

So wird im Titelstück tatsächlich Thom Yorkes Stimme durch einen anorganischen, synthetischen Fleischwolf gedreht. Was dabei herauskommt und sich in rhythmisches Rauschen und kafkaeske Pianodissonanzen einbettet, hat kaum noch etwas Menschliches an sich. Unheimlich, kalt, bedrohlich und vor allem immer wieder fremd. Aber es gibt sie noch, die reine Schönheit… So zum Beispiel subtil versteckt in eben jenem Stück, wenn das Disharmonische plötzlich einer stillen, fast kindlichen Neugier weicht. Oder weitaus weniger subtil, wenn in How to disappear completly die Streicher sanft von Walgesängen begleitet irgendwo tief hinabtauchen (wo auch immer dieses irgendwo sich befindet), während Thom Yorke sich selbst zu vergewissern scheint: “I’m not here, this isn’t happening.” Als Kontraststück peitscht dann wiederum das aufgeheizte, hysterische Idioteque nach vorne, angetrieben von dumpfen Clubbeats, während Thom Yorke manisch fluchend seine Hörer davon zu überzeugen versucht: “This is really happening, happening, happening…”


Was geschieht hier wirklich, was ist nur Traum? Das Album selbst will keine Antwort geben, ist stattdessen lieber mal aggressiv konkret – so wie im Rhythmusmonster The national anthem, dessen sarkastische Beißfreudigkeit urplötzlich von einem majestätischen Freejazz-Hupkonzert zerfetzt wird – mal vollkommen abstrakt verloren, so wie im davonschwebenden In Limbo, welches ein für allemal klarstellen will  “You’re living in a fantasy world” und damit beim faszinierten Hörer auch großen Erfolg hat.

Das Album lebt jedoch nicht einzig von diesen grandiosen Songs, von diesen Kontrasten, von diesem Wechselbad der Gefühle, sondern von der unfassbaren, kaum zu glaubenden Homogenität, die es in dieses tonale Chaos bringt. Alles befindet sich im Fluss, die Songs gleiten ineinander über, Harmonien vereinen sich mit Disharmonien. Kid A hat einen ganz eigenen, einzigartigen, eigenartigen Sog… Es wirkt wie ein schwarzes Loch, in einer weit abgelegenen Galaxie: Unnahbar majestätisch und dennoch einnehmend, gefangen nehmend, nicht mehr loslassend. Das Experiment ist hier niemals Selbstzweck, das Zitat niemals reines Spiel: Kid A ist ein musikalischer Kraftakt, der Emotionen, Intellekt, schlicht Gehör zu packen vermag, ein Rausch, ein Fest des Ungewöhnlichen. Mal kalt und klar, mal rau und dreckig, mal verzweifelt, mal zynisch, verbittert, hedonistisch, fröhlich – pure, kalte und heiße Leidenschaft.

Der Mythos:

Diese musikalische Steilvorlage wurde von der Musikpresse dankbar aufgenommen. Selten gab es unter Kritikern eine solche Einigkeit. Nachzulesen hier oder hier, am besten auf den Punkt gebracht wahrscheinlich hier. Von Pitchfork und dem Rolling Stone zum besten Album der vergangenen Dekade gewählt, ist das Album mittlerweile tatsächlich zum musikalischen Mythos geworden. So zum Beispiel durch das, nach Aussagen von Thom Yorke gestreute Gerücht, es gäbe ein Kid17-Easteregg: Das Album zweimal parallel laufen lassen mit einer Zeitverschiebung von 17 Sekunden und es offenbarten sich versteckte Soundtüfteleien. Ebenso legendär die raren Fehlpressungen des Albums, auf denen die ersten 40 Sekunden eine Live-Aufnahme von Pearl Jam zu vernehmen ist, und die mittlerweile zu horrenden Preisen unter Sammlern verkauft werden.

Letzten Endes bleibt einfach nur Happy Birthday zu sagen, zu einem Album, das gehypt wurde, mystifiziert, heilig gesprochen, das aber tatsächlich einen postmodernen Meilenstein der Popgeschichte darstellt. Also dann: Danke Kid A, danke Radiohead… Stoßen wir auf ein Album an, das mit Sicherheit auch noch weitere zehn, wenn nicht gar hundert Jahre der Musikwelt seinen Stempel aufdrücken wird.

Ein Gedanke zu „10 Jahre Kid A – Happy Birthday kleines Radiohead-Wunderwerk“

  1. Wunderbarer Artikel über die Entstehung und den Einfluss dieses genialen Albums. Sehr interessant die Kid 17 Version!
    Beste Grüße aus dem Frankenland

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