Herzerwärmendes für den Herbst: Neue Alben von Deerhunter, Yann Tiersen, Manic Street Preachers und Ben Folds & Nick Hornby

Der Herbst kommt zaghaft… aber er kommt. Kalte, nasse und neblige Tage stehen uns bevor. Was wäre da besser, als sich ins traute Heim zurückzuziehen und eingewickelt in eine kuschlige Wolldecke wohltuender, melancholischer Musik zu lauschen? Deerhunter, Yann Tierssen und Ben Folds in Zusammenarbeit mit Nick Hornby leiten die vermeintlich ungemütliche Jahreszeit stimmungsvoll ein. Mit schrägen, verträumten, melancholischen und emotionalen Klängen. Wir werfen einen kleinen Blick auf die passende Musik, wenn die Blätter fallen und das Wetter rauer wird.

Deerhunter – Halcyon Digest

Vö.: 28.9.

Laufzeit: 45 Minuten

Dass Deerhunter sich in der Musikgeschichte wohl fühlen, haben sie schon auf ihren letzten Alben bewiesen. Die Veröffentlichungen der amerikanischen Indie Rocker waren schon immer bunte Gemischtwarenläden, die durch Epochen, Genres und Referenzen hüpften. Jedoch hat es die Band nie zuvor geschafft, dass daraus entstandene Material derart homogen klingen zu lassen. Halcyon Digest macht wie schon die Vorgänger keinen Hehl aus seinen Referenzen, schafft mit diesen aber einen unglaublich warmen und einnehmenden Sound. Befreit und selbstsicher atmen die melancholisch schrägen Indie Hymnen den Geist von warmherzigem Shoegaze, verlieren sich in charmantem 60’s und 70’s Anti-Pop und machen auch in reduzierter Form eine durch und durch gute Figur.

Der Opener Earthquake schleicht zerbrechlich in den Raum um sukzessive einen kraftvollen, pathetischen Sog zu entwickeln. Immer ein bisschen neben der Spur, immer genau sitzend: So wie das Beach Boys Revival Revival, die Verbeugungen vor The Velvet Underground mit Don’t Cry und Desire Lines, der zarte 50’s Retro Dream Pop in Basement Scene, der dichte Pathos in Helicopter, das verirrte, skurrile He would have laughed … alles fügt sich zusammen, fließt ineinander und hinterlässt zahllose Wohlfühltemperaturen. Dabei legen es Deerhunter keineswegs auf seichte Schönwetterlagen an: Ihre eingängigen Songs kratzen an den richtigen Stellen, besitzen immer den notwendigen Schuss Schrägheit und Experimentierfreude und sind dennoch – oder gerade deswegen – ungemein mitreißend, das Herz erwärmend und die Seele umtanzend. Ein wunderschönes sich selbst und den Hörer entführendes, zeitloses Indie Rock Meisterwerk.

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Yann Tiersen – Dust Lane

Vö.: 12.10.

Laufzeit: 46 Minuten

Yann Tiersen war immer ein Melancholiker unter den Avantgardisten. Nur wenige postmoderne Komponisten schaffen so gekonnt die Gratwanderung zwischen experimenteller Kompositionskunst, Folklore und charmanter Popeingängigkeit. Seine instrumentalen Chansons versprühen  Sinnlichkeit und Emotionalität, aber auch verkopfte Introspektivität und einen experimentierfreudigen Anspruch. Auf Dust Lane steht vor allem das Herz – oder noch genauer, die Seele – im Vordergund. Yann Tiersen hat die Kraft der Stimme neu erneut für sich entdeckt, füllt seine Musik im Titelstück mit himmlischen Chorälen, webt dicht wie Nebelschwaden im Hintergrund weilenden Gesang in Dark Stuff und lässt zerbrechliche Mehrstimmigkeit zart in Till the End erklingen.

Dennoch bleiben seine Kompositionen instrumentelle. Und auch wenn das Einsetzen von Gesang leicht als Popzugeständnis interpretiert werden könnte, so fügt dieser sich doch nahtlos in die komplexen, verwobenen Stücke. Ohnehin gilt die Stimme hier immer nur als ein Instrument unter vielen. Ohne Sonderstatus, ohne explizite Vorrechte. Sie ordnet sich wie alle anderen Instrumente der Schöpfung Tiersens unter. Ob das Ergebnis noch viel mit dem von Yann Tiersen früher gepflegten, folkloristischen Nouvelle Chanson gemein hat, steht wieder auf einem anderen Blatt. Auch wenn bei Chapter 19 das Harmonikum wie in alten Zeiten gestreichelt wird, so dominieren auf Dust Lane doch alles in allem andere Töne: Irgendwo zwischen dem sphärischen Postrock Sigur Ros, verschrobenem Ambient und dichten Shoegaze und Dream Pop Spielereien, klingt Tiersen weniger nach Paris und mehr nach London, Island oder dem Spirit of Eden. Dass er sich dabei mitunter allzu sehr in spirituellem Pathos vergreift, dass er mitunter zu sakral wird, gehört wohl zu den zwangläufigen Nebenwirkungen dieses Experimentierens.

Dust Lane ist aber gerade deswegen ein höchstspannendes und faszinierendes Album geworden, gehört zwar nicht zu Yann Tiersens besten Werken, stellt aber dennoch einen mutigen Schritt in Richtung Experimental Pop dar. Darüber hinaus eignen sich die schmeichlerischen, träumenden, verwoben gewobenen Stücke perfekt um dem Herbst ein Schnippchen zu schlagen und in weit entlegene Gefilde zu fliehen… Wo genau diese liegen, weiß wohl weder der Hörer noch der Komponist selbst. Das wiederum scheint aber ebenfalls zum Konzept der weit über den Dingen schwebenden Dust Lane zu gehören.

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Manic Street Preachers – Postcards from a young man

Vö.: 17.9.

Laufzeit: 45 Minuten

Die Manic Street Preachers alternieren ja schon seit längerem ganz gerne zwischen sehr guten und eher suboptimalen Alben. Postcards from a young man fällt leider eher in letztere Kategorie. Während die stärksten Alben der Waliser Rocker bunt durchmischt sind und geschickt zwischen Pathos und kratzbürstigem Rock oszilieren, dominiert auf der neusten Veröffentlichung der druckvolle, selbstverliebte Powerrock. Große Stadionhymnen, kraftvolle Balladen und gewaltige Symphonien, die die Euphorie des Publikums fest ins Auge gefasst haben. Vielleicht wollen die Manics nach einigen schrägen und widerborstigen Veröffentlichungen doch noch die U2 des neuen Jahrtausends werden. Besonders gut steht ihnen das hymnische Konzept allerdings nicht.

Viel zu oft gehen die eingängigen Rockohrwürmer in ihrem eigenen Pathos unter. Zucker, Zucker und nochmals Zucker. James Dean Bradfield kämpft sich mit euphorischem Gesang durch beliebige Pomprock Hymnen wie das klebrige 80er Rockrevival Hazelton Avenue, ohne dabei jemals die Intensität guter Springsteen Stücke zu erreichen. Weder der Opener noch das an pathetische an Bon Jovi erinnernde Titelstück vermögen es wirklich mitzureißen. Stattdessen lösen sie eher unangenehme Beklemmung und zusammen gekniffene Augen aus. Da freut sich der Hörer über jeden kleinen Strohhalm wie das frisch poppige The Descent oder das treibende Glamrockmonster Don’t be evil (ausgezeichnet mit dem Sonderpreis für unpeinliche Alice Cooper Gedächtnismelodien). Ansonsten war das wohl eher nix – und auch wenn die experimentellen Ausflüge des letzten Jahrzehnts von einigen eher belächelt wurden – wünscht man sich eben genau diese schnell zurück, angesichts des hier stattfindenden, aufgebauschten pompösen Stadionrocks.

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Ben Folds & Nick Hornby – Lonely Avenue

Vö.: 24.9.

Laufzeit: 45 Minuten

Das klingt doch mal vielversprechend: Der britische Pop Autor und Top Five Musikkenner Nick Hornby (High Fidelity, About a boy) schreibt Texte für den amerikanischen Indie Pop  Songwriter, Sänger und Multiinstrumentalisten Ben Folds… Und tatsächlich klingt das Album genau so, wie man erwarten durfte. Irgendwie passen sie ja auch perfekt zusammen: Die coole Pop-Melancholie und Experimentierfreude Ben Folds’ und die – naja – eben coole Pop-Melancholie Nick Hornbys und sein trockener, sarkastischer Humor.

Lonely Avenue besitzt alles davon in Überfülle. Coole Bluesnummern wie Levi Johnston’s Blues, experimentierfreudigen Indie Schluckauf wie der vitale Opener oder das hyperventilierende Post Punk zitierfreudige Pianogeklimper Doc Pomus,  jazzig angehauchte Popstampfer wie Your Dogs und fragile Balladen wie das wunderschöne Practical Amanda. Da darf auch gerne mal der Funk vorbeischauen (Password), mit Pathos ebenso gearbeitet werden (Belinda) wie mit augenzwinkerndem Schmachten (Claire’s Ninth) oder gar dreist schrägem Rocken (Saskia Hamilton). Lonely avenue ist ein schönes, herzliches Popkaleidoskop: Eklektisch, spielfreudig, vielseitig und trotz erhöhtem Coolnessfaktor nie zu narzistisch, um nicht auch einfach mal ganz schlicht berühren zu können.

2 Gedanken zu „Herzerwärmendes für den Herbst: Neue Alben von Deerhunter, Yann Tiersen, Manic Street Preachers und Ben Folds & Nick Hornby“

  1. Das Yann Tiersen Video ist der HAMMER! Genial. Der Kameramann hatte es echt drauf! vielen dank dafür…

  2. Pingback: Yann Tiersen

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