Die 00er Jahre: Die extremsten, polarisierendsten und kontroversesten Filme des Jahrzehnts

Extrem ist natürlich ein ziemlich dehnbarer Begriff… und mit den besten Horrorfilmen und auch den besten surrealen Filmen haben wir diese Sparte bereits ganz gut bedient. Aber es gab noch Krasseres als das bisher Vorgestellte: Hartes, Gewalttätiges, an der Schmerzgrenze Balancierendes. Filme die sadistisch waren, oder auch masochistisch; Filme die ihren Zuschauern einiges abverlangten und nicht zuletzt auch immer wieder für abgebrochene Kinobesuche oder Empörungen bei diversen Festivals gut waren. Dabei sind es nicht zwangsläufig gute Filme, mitunter sind sie einfach nur hart, schwer verdaulich oder tatsächlich polarisierend und kontrovers bis zur Ärgernis. Dennoch haben alle die vorgestellten Filme ihre Existenzberechtigung. Sie haben dem Medium seine Grenzen aufgezeigt, indem sie diese überschritten haben, indem sie mit diesen gespielt haben, indem sie bewusst den Weg des größten Widerstandes gingen. Die härtesten, die kontroversesten, die am meisten diskutierten… die extremsten Filme der Dekade. Wie immer nach dem Klick.

Twentynine Palms [Bruno Dumont]

(USA 2003)

Ein Paar fährt durch die Wüste Kaliforniens… Die beiden sprechen kaum miteinander, aber sie haben Sex: Hemmungslosen, zügellosen, schmerzhaften Sex. Sie steigen in einem Hotel ab, sie ficken. Sie fahren weiter. Sie streiten sich, bekriegen sich bis auf die Knochen. Sie steigen in einem Motel ab. Sie ficken. Sie fahren weiter. Sie kämpfen, sie ficken… Dieser endlos scheinende Road Movie arbeitet mit der extremen Kontrastierung langer, statischer Landschaftsaufnahmen, realistischer und intensiver Sexszenen, Gewalt und Leidenschaft, bis er schließlich abrupt und unerwartet in einem brutalen Finale kulminiert. Ein krasser Schocker der Sprachlosigkeit, der verzweifelten Starre in ständiger Bewegung und der Expression innerer Qualen. Ebenso quälend abstrakt wie brutal direkt.

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Irreversible [Gaspar Noe]

(Frankreich 2002)

Nur brutal, nur direkt ist Gaspar Noes rückwärtserzählte Revenge Thriller Tragödie Irreversible. Vom Endpunkt an (der in hysterischen, quälend aufgepeitschen Kameraumdrehungen inszeniert ist) wird die Geschichte eines Gewaltaktes in 5minütigen Episoden rekonstruiert. Im Zentrum steht dabei eine schmerzhaft naturalistische Vergewaltigungssequenz, am noch schmerzhafteren Ende steht die Anfangsharmonie mit der Destruktion im Nacken. Irreversible ist ein schweißtreibender, brutal sezierender Blick auf Gewalt, Gewaltspiralen und die Unabwendbarkeit grauenhafter Schicksalsschläge. Ein kompormisslos deterministischer Film, der nicht davor zurückschreckt die Gewalttätigkeit seines Sujets bis ins kleinste Detail sadomasochistisch auszubreiten.

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Slaughtered Vomit Dolls [Lucifer Valentine]

(Kanada 2006)

Um dem Brutalen und direkten gleich die Krone aufzusetzen… Luciver Valentines experimentelle Gorehorrortragödie Slaughteres Vomit Dolls ist wirklich übel abgefuckter Scheiß: Eine junge bulimiekranke, traumatisierte Prostituierte in ihrem Hotelzimmer: Angst, Alpträume, Kotze und brutale Geschichten. In diesen wiederum gibt es dann Blut, Gewalt, Sadismus… hässliche Szenen, abstoßende Szenen, Brutalität over the Top, die Pervertierung Bunuel’scher Rasiermesserphantasien, viel Splatter und die omnipräsente Fragen: Was soll das? Was bringt das? Muss man sich so etwas antun? Hierauf wurde auch hier keine Antwort gefunden und ein ansprechender guter Film sollte dementsprechend nicht erwartet werden. Wer aber über Extremes, Abstoßendes, Tabubrechendes in diesem Kinojahrzehnt reden will, kommt an diesem Moloch nicht vorbei.

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Seom – Die Insel [Kim Ki-duk]

(Südkorea 2000)

Eine verzweifelte Liebesgeschichte erzählt der südkoreanische Extrem-Regisseur Kim Ki-duk mit seinem schauderhaften, brutalen und surrealistischen Anti-Märchen Seom – Die Insel. Ein suizidaler Mörder auf der Flucht vor der Polizei, eine obszessive Romantikerin, Angelhaken, die sich auf verschiedenste Weise zweckentfremden lassen, Gewalt, Mord, Hass, Leidenschaft… und ja, auch Romantik. Seom pendelt zwischen den Extremen und lotet diese ohne Rücksicht auf seine Zuschauer aus. Die Ohnmachtsanfälle bei der Vorführung zu den Filmfestspielen in Venedig dürften hier für sich sprechen. Seom ist Menschlichkeit in einer unmenschlich verzerrten Fratze, Schönheit zwischen rauschhafter Gewalt und Schmerz, destruktive Körperlichkeit und transzendentale Versinnlichung. Selten lagen Leid und Glück in einem Film so eng beieinander.

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A Hole in my heart [Lukas Moodysson]

(Schweden 2004)

Um die Leere in der hedonistischen Obsession geht es in der bitterbösen schwedischen Tragödie A hole in my heart. Ein heruntergekommenes WG-Szenario, Dreck, Abschaum, zynische Resignation… und der Kampf gegen die seelische Verwahrlosung durch hemmungslose Obszönitäten stehen hier im Mittelpunkt. A hole in my heart behandelt bedingungslos die emotionale Leere seiner Protagonisten, steckt sie in eine grausige Versuchsanordnung und hält fast pornographisch genau alles fest, was sich im Dunstkreis von Phlegmatismus, angestauter Aggression, peinlicher Larmoyanz und bitterer Gier abspielt. Ein hässlicher, nihilistischer Trip in tiefe, tiefe, tiefe menschliche Abgründe.

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Inside [Alexandre Bustillo, Julien Maury]

(Frankreich 2007)

Der zur Nouvelle Vague des französischen Horrorkinos gehörende Inside (À l’intérieur) ist kein guter Film: Weil seine Protagonisten sich unglaubwürdig – bar jeder Empathie – verhalten, weil sein Setting abgedroschen, seine Spannungskurve (fast) vorhersehbar ist. Aber er ist ein kontroverser Film, der hier erwähnt werden muss. Denn bei diesem Gewaltporno im wahrsten Sinne des Wortes stellt sich immer wieder die Frage: Darf ein Film so weit gehen? Inside weidet sich an der gezeigten Gewalt, spielt sadistische Spielchen mit seiner Protagonistin in Komplizenschaft mit den Zuschauern und mündet schließlich in einen schauderhaften, extrem sadistischen Blutrausch. Der Sadismus geht dabei um einiges weiter als in 00er Mainstream Torture Porns à la Hostel oder Eden Lake: Keine Sympathie für die Protagonsiten, keine Reflexion der gezeigten Folter und vor allem auch kein Versuch der Angsterzeugung durch die Gewalt. Stattdessen will Inside sein Publikum  schlicht unterhalten, indem er seiner Protagonistin, seinem menschlichen Material wehtut. Ein böser, ein hässlicher Film, der etwas erreicht hat, was weder die Guinea Pig Reihe noch diverse andere Torture Porns jemals geschafft haben: Wirklich wütend zu machen.

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Funny Games U.S. (Michael Haneke)

(USA 2007)

Aber auch das Reflektieren von Gewalt kann brutal, schmerzhaft und sadistisch sein. Michael Hanekes US-Remake von Michael Hanekes Film Funny Games (1997) ist eine 1:1, Einstellung-für-Einstellung Adaption des Originals. Trotzdem wollen wir uns hier nicht mit einem Verweis auf den Extremfilm Klassiker aus Österreich begnügen. Denn das Remake trifft tatsächlich in wenigen Augenblicken neue, subtil ergänzte Töne. Das liegt vor allem an der Detailversessenheit Hanekes, der den Film für die USA nicht einfach aufgepeppt sondern noch ein kleines Stück intensiver, verstörender und in seiner Dialektik noch polemischer predigend gemacht hat. Klar, das österreichische Original gehört zur Filmgeschichte, klar, das hier ist nur ein Remake. Aber er ist trotzdem sehenswert, keineswegs eine halbherzige Adaption und nach wie vor eine bösartige, dogmatische, brutal didaktische (aber auch narzistische) Medienreflektion.

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Visitor Q [Takashi Miike]

(Japan 2001)

Und noch einmal bösartige Medienreflektion, hier in der Miike’schen dreckigen, obszönen, hysterischen Variante. Visitor Q seziert die japanische Durchschnittsfamilie, zeigt Gewalt, Inszest, Vergewaltigungen, ödipale Obsessionen, vergießt Literweise Blut und Muttermilch und inszeniert sich selbst keineswegs als düsteren Horrortrip sondern als gehässige, rabenschwarze Satire. Das ist höchst polemisch, amoralisch, zynisch, verbittert und optimistisch zugleich. Ein rabenschwarzer, brutaler, mitunter ziemlich derber Mix aus Mediensatire, zahllosen Perversionen, trashigem Splatter, Referenzen von Teorema bis Sitcom und irrwitziger Familienfarce. Miike schert sich einen Dreck um Konventionen, flucht, schnippelt, sexualisiert, karikiert, pervertiert und spuckt das Ergebnis mit polemischem Hohngelächter seinem Publikum vor die Füße. Krudes Entertainment, wegweisende Avantgarde oder perverse Stilblüte? … Das wird wohl die Geschichte zeigen…

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Gerry [Gus Van Sant]

(USA 2002)

Extremismus auf andere Weise findet sich in Gus Van Sants Gerry wieder. Gerry ist ruhig…. langsam… leer. Zwei junge Männer irren durch die Wüste und sonst geschieht nichts. Einstellungen werden Minuten – scheinbar Stunden lang – gehalten, Bewegungen werden bis zur Undefinierbarkeit verlangsamt… bis die Zeit stillsteht… bis das bewegte Bild zum scheinbaren Standbild wird… das ist schon mehr als meditativ, mehr als die ruhige Erzählweise des europäischen Arthouse Kinos… Es ist ein Kreisen um die Resignation, die Stagnation, das hoffnungslose Voranschleichen ins Nichts. Gerry ist ein unendlich gedehnter – tatsächlich 103 Minuten, gefühlt 103 Stunden dauernder – spiritueller Trip in eine transzendentale Leere. Einer der langsamsten, losesten, nichtigsten Filme aller Zeiten, ein nihilistisches Experiment des scheinbaren Stillstands, eine schleichende Qual, ein monolithisches Standbild zwischen faszinierendem Konzept und purer Langeweile.

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Bronson [Nicolas Winding Refn]

(Großbritannien 2009)

Um einen Film zu werben indem man auf eine Genregröße verweist kann übel nach hinten losgehen: “Nach `Sieben´ kommt nicht Acht sondern `Saw´”?… Nicolas Winding Refns Biopic Bronson wurde präsentiert als “”Clockwork Orange des 21. Jahrhunderts”. Kann man höher greifen? Wohl kaum! Jedoch siehe da, Refns Film fällt nicht wie “Saw” auf die Fresse, sondern der Vergleich zu Kubricks Meisterwerk kann so stehen bleiben. Bronson erzählt die Geschichte von Michael “Bronson” Peterson, Englands berühmtestem Häftling. Refn wirft den Zuschauer in einen poetischen Gewaltwahn, voll gebrochener Knochen und Exkrementen und kommt dabei der getriebenen Psyche seines Protagonisten sehr nahe. Der Score geht  in der überzeichneten Theatralik der Figurendarstellung ausgezeichnet auf und unterstützt den Eindruck von Wahn und Trieb. “Bronson” ist so, als würde Sigmund Freud versuchen in einer surrealen gemalten und operesk beschallten Welt einen Hochgeschwindigkeitszug zu analysieren.

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Ex Drummer [Koen Mortier]

(Belgien 2007)

Noch ein Film, der ein sehr zweischneidiges Schwert ist. Einerseits ist Ex Drummer ein visuell berauschender Abstieg in das soziale Elend Belgiens, andererseits kann der inszenatorisch radikale Film einen gewissen signifikanten Prollfaktor nicht verbergen: Wenn riesige Schwänze ausgestellt werden, Gewalt gefeiert wird und die Darstellung Homosexueller mehr als klischeehaft und stereotyp inszeniert ist, verliert sich Ex Drummer selbst in seinen überbordernden, hysterischen Extremen. Anyway, dennoch ist die brutale Gesellschaftssatire ein zutiefst zynischer und bissiger Film, der sich nicht davor scheut seine eigene Verwahrlosung mit einem gewissen Coolnes-Faktor auszustatten. Sicher kein Meisterwerk, aber ein verstörender, teilweise surrealer, teilweise expliziter, teilweise überstilisierter Trip in die Abgründe der westeuropäischen Provinzen.

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The Brown Bunny [Vincent Gallo]

(USA 2003)

And again: Langsamkeit als brutales, extremes filmisches Stilmittel. In Vincent Gallos The Brown Bunny fährt der Protagonist – dargestellt vom Regisseur selbst – durch die USA, scheinbar ohne Plan, ohne Ziel, begleitet von kurzfristigen unbefriedigenden Begegnungen. Erlösung gibt es keine. Auch nicht beim finalen, explizit pornographisch gezeigten Blow Job von Chloë Sevigny. Denn hinter der sexuellen Entladung lauern traumatische Erlebnisse, Gewalt und Selbsthass. The Brown Bunny ist extrem: In seiner einsamen Ruhe, in seinem direkten Akt am Ende, in der Auflösung seines eigenen Traumas. Ein angespanntes Kunstdrama der seelischen Verwahrlosung, der verzweifelten Einsamkeit, der Hoffnung auf Erlösung.

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Baise-Moi (Fick’ mich) [Virginie Despentes]

(Frankreich 2000)

The New French Extremity ist zum geflügelten Wort der 00er Filmjahre geworden. Nicht nur aus der Horror-Ecke kamen von unseren westlichen Nachbarn Filme, die sowohl Gewalt als auch Sexualität, ungeschönt, unstilisiert, brutal, pornographisch und direkt darstellten. Einer der Vorreiter dieses neuen, extremen französischen Kinos ist der hyperaggressive Hardcorethriller-Bastard Baise-Moi (Fick’ mich). Ob dieser tatsächlich ein guter Film ist… darüber lässt sich vorzüglich streiten. Extrem und kontrovers ist er allemal. Im flirrenden Zwielicht zwischen expliziten, unsimulierten Sexszenen und brutalen Gewaltausbrüchen, inszeniert der Film akribisch den rachedürstigen Sadismus seiner beiden Protagonistinnen, geht bewusst keinem Tabu aus dem Weg und treibt eiskalt sein perfides, provokantes Spielchen mit der Belastbarkeit des Publikums.

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Meine Schwester [Catherine Breillat]

(Frankreich 2001)

Eine der schillerndsten und umstrittensten Protagonistinnen des New French Extremity ist die Regisseurin Catherine Breillat (Romance XXX). In ihrem Coming-Of-Age Drama Meine Schwester blickt sie sowohl zärtlich und empathisch als auch brutal und seelenpornographisch auf die Nöte eines übergewichtigen Teenagergirls. Der ungleiche mentale Kampf zweier ungleicher Mädchen ist aufrüttelnd, innig, schonungslos und zugleich wunderschön. Besonders das Ende sticht hier heraus, bei dem abrupt ein Seelenzustand nach außen gekehrt wird und sich in unfassbarer, nahezu surrealer Gewalt widerspiegelt. À ma soeur ist ein kompromissloser, naturalistischer und abgrundtief ehrlicher Beitrag zu den Ängsten und Sehnsüchten des Teenagerdaseins.

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Die Passion Christi [Mel Gibson]

(USA 2004)

Mel Gibson ruft zur Passions-Exegese und entfesselt damit eine Kontroverse, wie sie das Mainstreamkino schon lange nicht mehr erlebt hat: Brutal gar unerträglich sei die Verfilmung Christis Leidensweg, aufgeplustert und die Quelle nicht adäquat umsetzend, ein antisemitisches Werk, religiöser Fanatismus und Größenwahn… die Vorwürfe waren vielfältig und an den meisten ist auch etwas dran. Konsequent inkonsequent inszeniert Gibson das christliche Märtyrium: Lässt seine Protagonisten nur hebräisch und (falsch intoniertes) Latein sprechen, zeigt die Leiden und die Folter so authentisch wie möglich, scheut aber gleichsam nicht davor zurück den (bei der Kreuzigung überhaupt nicht vorkommenden) Teufel mit ins Spiel zu bringen und die Qualen in einer knappen, pathosschwangeren Erlösungsseguenz zu rechtfertigen. Ein ebenso überambitioniertes wie krudes, ebenso schonungsloses wie perfides Werk. Ein cineastischer Kreuzzug, der letzten Endes eher durch die entfachte Kontroverse als durch den eigentlichen Inhalt an Bedeutung gewinnt.

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