Wir könnten Freunde werden… – Haldern Open Air 2010 Nachbericht

Ich habe jahrelang über das Haldern Open Air Witze gemacht, über die vielen zu netten Bands, die Hippie Atmosphäre und die Location irgendwo in einem Kaff am Niederrhein, fast so als wäre ich tatsächlich einmal dort gewesen. War ich aber bis zu dem Wochenende nie und eigentlich hätte ich schon deswegen meine große Klappe halten sollen. Da wegen diverser Geld-Probleme (Wohnungs-Umzug) , schlechten Line-Ups (Pukkelpop) und mangelnder Begeisterung der Anderen (Freunde)  diesmal nur das günstige und in der Nähe liegende Haldern Pop Festival als Option in Frage kam, war es also Zeit sämtliche Voruteile wieder rauszukramen und sich skeptisch in den Zug Richtung Emmerich zu setzen.

Die Fahrt nach Haldern führt über wenig spektakuläre Städte wie Wesel (ja genau die Stadt mit dem Esel…gnihi) und Dörfer mit wohlklingenden Namen wie Meerhoog; halt alles was ein Stadtkind wie ich zum davonlaufen findet und  alles was genüsslich sämtliche Klischees vom fetten Bauern und prolliger Dorfjugend vor meinem geistigen Auge ablaufen lässt. Wo man bei Rock am Ring schon am Koblenzer HBf von  gröhlenden Onkelz Fans und keifendem Prollrock begrüßt wird, läuft hier alles wesentlich gesitteter und ruhiger ab. Schon kurz nach dem Ausstieg gibt es eine Gepäckabgabe und die ersten obligatorischen Bändchen und Mülltüten für das Camping-Gelände. Nach ein paar Minuten landet man bereits direkt in dem Ortskern, der nebenbei erwähnt sehr gepflegt und sauber aussieht.

Besucherströme kann man hier  nicht ausmachen, auch keine Teenies die ihren ersten Hormonschub mit zuviel schlechtem Bier und erhöhter Lautstärke zelebrieren müssen.  Wenn man der Beschilderung  kurz vor der Kirche folgt landet man auf einem Weg, der direkt zum Festival-Eingang führt, wenn  man ein wenig blöd ist mitten in einem Maisfeld und über Umwegen auch über einen Bauernhof, wo der hiesige Bauer mitleidig beäugt und viel Spaß auf dem Festival wünscht.

Nach dem schnell verlaufenden Check-In kann man sich erst einmal in Ruhe das Gelände und die restlichen Festivalbesucher anschauen. Jeder zweite Kerl trägt hier eine anrasierte Indie-Frisur und die Mädchen Kleider, Stirnband im Haar und Häschen Shirts. Na Prost, also doch Neo-Hippies. Was einen anfangs aus städtisch angelerntem Zynismus und Stress noch vorsätzlich nervt, wird schon bald zu einem großen Pluspunkt dieses Festivals. Schon nach dem ersten Tag profitiert man von der unfassbaren Ausgeglichenheit und Freundlichkeit der Leute. Immer wieder kommt man schnell ins Gespräch, wer neu ist, wird hier mehr oder weniger wie ein neues Familienmitglied aufgenommen. Schon ab dem zweiten Tag freut man sich zurück zu sein und am dritten Tag möchte man in wallenden weißen Gewändern Blumen verteilen und nackt in eine Pfütze springen oder am naheliegenden See baden. Naja ok, so schlimm ist dann doch nicht, aber wenn es irgendwo einen Ort oder Event gibt, der friedlicher als das Haldern Open Air verläuft… bitte melden! Einen Polizisten oder Security Mann hat es bestimmt auch dort gegeben, gesehen habe ich die ganzen drei Tage keinen.

Die viel gepriesenen Vorzüge der Offline -Gesellschaft wie Entschleunigung, hier sind sie für einen kurzen Moment Wirklichkeit. Nur die Schlange vor dem wirklich sehr schönen Spiegelzelt, das in seiner Mitte eine großen Discokugel und rundherum schöne Oberfenster hat, könnte einen nerven, wenn es nicht direkt vor dem Zelt eine Leinwand und einen Biergarten gäbe, der zum entspannten Zuschauen auch vor dem Zelt einlädt. Wer es nach drinnen schafft, darf sich über eine großartige Akustik, gemütliche Sitzecken mit Tisch und ein Ambiente im Stile der 50er freuen. Mitunter vergisst man hier wieder rauszugehen oder bleibt einfach drin, um nicht in die extrem kalte Sommernacht gehen zu müssen. Kurz nach dem Festival überdenke ich die bisherigen Koordinaten meines Lebens und möchte plötzlich Kinder, in einem von den gemütlichen Häusern leben und Freund der auffallend zufrieden wirkenden Dorfbewohner sein. Zwei Tage später sitze ich in meiner Stadtwohnung, schimpfe über das miese Wetter und führe Gespräche über  die noch ausstehende Mietkaution. Bis nächstes Jahr  Haldern. Wenn wir für 3 Tage wieder Hippies sein dürfen…

The National – Samstag, Main Stage, 0:35 Uhr

An einem guten Tag sind The National eine Art dunkle Messe, zu der der Sänger wie ein Hohenpriester beschwörende Formeln spricht. Aber ausgerechnet heute legen die New Yorker einen kompletten Fehlstart hin, immer wieder muss wegen Sound-Problemen unterbrochen werden und anstatt dem Publikum – das sich mitten in einer recht kalten Nacht die Beine in den Bauch steht und anders als bei den frenetisch gefeierten Mumford & Sons zum größten Teil aus stiller Neugier gekommen ist – über die irritierenden Pausen zu helfen, vergräbt sich die Band in Zynismus und leicht wirren Ansagen, die angefangen werden aber nirgendwo wirklich enden. So nachvollziehbar der Perfektionismus der Band sein mag, umsoo mehr überstrapaziert sie die Geduld der Anwesenden mit schlechter Laune, sowie kaum vorhandener Kommunikation. Und bald lichten sich die hinteren Reihen schnell. Eigentlich schade, da The National in einigen kurzen Momenten tatsächlich die Magie verbreiten, für die man hier eigentlich hergekommen war. Die quasi-autistischen Züge des Sängers erreichen zudem heute ihren Höhepunkt und ihm beim fluchen, verzweifeln und Mikros durch die Gegend Werfen zu zu sehen, lässt eine Intensität spüren, die man sich eher von den Songs gewünscht hätte.

Bear in Heaven – Samstag, Spiegeltent,20:15

Igitt, nicht die auf diesem Festival gefühlt 40. Folktruppe, die sich nach einem Tier benennt und deren Sänger das Gestrüpp in seinem Gesicht Bart nennt. Nee, der Sänger hat zwar die anscheinend immer noch angesagten Porno-Rotzbremse im Gesicht, aber Bear in Haven aus Brooklyn (natürlich) überzeugen mit mitreißendem Indie-Electro Sound und steigern sich mit großer Spielfreude und einem  tollen Set zu den großen Neuentdeckungen des Festivals.

Sleepy Sun – Samstag, Spiegeltent, 21:45 Uhr

Furchtbarer Poser-Sound darf man sich dagegen direkt im Anschluss antun. Ein Klischee Indie-Mädel im weißen Kleid lebt ihren Egotrip aus und wird dabei von ein paar Muckern begleitet, die sich irgendwo auf einem Black Sabbath Reunion Konzert gefunden haben müssen und gerne mal laut aufheulende Soli spielen wollen.

Frightened Rabbit- Samstag,  Mainstage 16:40

Mitten in der prallen Nachmittagssonne spielen die Melancholiker von Frightened Rabbit, die eigentlich alles richtig machen aber einfach die falsche Tageszeit erwischt haben.

Phillip Poisel  a.k.a. “?” aka Was soll der Mist – Freitag,Mainstage,  16:40 Uhr

Meine Güte, wer hat dieses weinene Jüngelchen auf die Bühne gelassen, das in dem immer gleichen Heulgenuschel über seine Verflossene singt? Immer wieder überkommt einen der Drang Poisel von der Bühne zu schubsen und ihm ne  Nummer eines Therapeuten zu geben, der sich für sowas interessiert. Schöne emotionale Texte sind sicherlich was großartiges, Poisels unerträgliches Emo-Geschluchze können wirklich nur kleine Indie Mächen gut finden, die wirklich nicht mehr als eine Clueso CD im Schrank haben. Wenn man die Namen überlegt die vorher kursierten (Wir sind Helden, Killians) kann man hier wirklich von einer bösen Überraschung reden.

Beach House – Donnerstag, Spiegelzelt, 19:50 Uhr

Manchmal gibt es einfach die magischen Momente, wo alles passt. Wie bei Beach House, die es schaffen ein Zelt mit knapp 500 Leuten in einen rauschhaften Zustand zu versetzen, während von draußen die letzten Sonnenstrahlen ins Zelt scheinen und der Himmel sich lila verfärbt.

Rox – Freitag, Mainstage, 18:50 Uhr

Roxanne Tataei dürfte wohl neben Mumford & Sons der radiofreundlichste Act beim Haldern Open Air sein. Wo das Album schon okay, aber nicht gerade innovativ war, gerät auch der Auftritt eher zu einem Standard Soloprogramm wie man es eben von Allerwelt-Soulkünstlern kennt. Rox macht wie bei ihrem Album nicht sverkehrt, geht keine unnötigen Risiken ein und hat sich auch nicht weiter ins Gedächtnis der Festivalbesucher gespielt.

Delphic -Freitag,  Mainstage, 20:05 Uhr

Das Haldern dieses Jahr ein wenig zu beschaulich folkig ausgefallen ist, erwähnte ich bereits oben. Da ist man doch ein wenig froh über Abwechslung von Sängern, die auch am Sonntag in die örtliche Kirche gehen könnten und zusammen mit den Ministranten Kumbajah anstimmen könnten. Okay, nix gegen Ministranten, die haben ja schließlich das Haldern erst erfunden, aber trotzdem freut es einen, wenn der Bass mal wieder wummert und Delphic ihren pompösen Trance-Rock auf der Bühne zelebrieren. An die den Exzess von Underworld kommt das Trio aus  Manchester zwar nicht heran, aber trotzdem funktioniert das ganze sehr ordentlich.

Mumford & Sons – Freitag,  Mainstage 21:25 Uhr

Wie wichtig die Livequalitäten einer Band sind, zeigen Mumford & Sons. Die doch reichlich harmlosen Folkpop-Songs gewinnen auf der Festivalbühne plötzlich an Größe und wenn man behauptet das ihr Frontmann die Menge schon ab der ersten Sekunde auf seiner Seite hat, ist das noch untertrieben. Da werden ganze Songs und der Refrain noch während einer Pause so frenetisch mitgesungen, dass die Band selber ungläubig lachen muss. Das gegenseitige Wechselspiel zwischen Publikum und Band funktioniert an dem Abend einfach hervorragend. So war es bei Coldplay, kurz bevor sie in Richtung Stadionrock verschwanden und es wird wohl auch bei Mumford & Sons nicht anders sein, da die  neu vorgestellten Songs nicht gerade durch Kanten, dafür aber umso mehr durch hohes Hit-Potential auffallen.

Villagers – Samstag,  Spiegeltent, 18:50 Uhr

Wenn der Frontmann der Villagers nicht der neue Indie-Posterboy wird, weiß ich auch nicht. Mit großen Kulleraugen spielt er sich zuerst in die Herzen der Mädels und auch später in die der anwesenden Kerle, die der Sogwirkung der traurigen  und atmosphärisch dichten Songs auch nicht mehr widerstehen können. Hätten sich nicht schon den ganzen  Tag die vorhergehenden Bands die Klampfe in die Hand gedrückt, wäre das hier noch triumphaler geworden, aber nach den Schnarchnasen von The Low Anthem musste man ja auch erst mal wieder aufwachen.

Yessayer – Samstag, Mainstage, 22:55 uhr

2008 spielten Yessayer auf dem Haldern und waren der Hype der Stunde, 2010 spielen Yessayer auf dem Haldern und wirken wie eine Band, die nichts zu erzählen hat. Die Band wirkt eher müde und ausgebrannt und spielt das Set professionell, aber nicht mitreißend herunter. Das später The National ebenfalls keine Bäume ausreißen hinterlässt einen faden Beigeschmack und ein etwas holpriges Ende eines bis dahin gut verlaufenden Festivals.

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