Kid "A Thousand suns"? – Rezension zum neuen Album von Linkin Park

Linkin Park? Da war doch mal was… Genau, Linkin Park. Man erinnert sich. Sind zur Jahrtausendwende auf dem Nu Metal Zug mitgefahren, haben mit Hybrid Theory ein mindestens okayes Album aufgenommen. Eben was damals im Trend war: deftige Alternative Rock Riffs, Rap Parts, Shouts, cleaner Gesang, immer zwischen Aufbegehren und Teenie Weltschmerzpathos. Hat sich wie die Seuche verkauft das Album. Dann kamen noch ein grauenhaft langweiliger Nachfolger, ein zumindest etwas mutigeres Drittwerk und vor allem ungefähr zwei Dutzend Live-, Remix,- Outtake- und Best Of CDs. Irgendwann mochte Linkin Park niemand mehr leiden. Sie galten quasi als Inbegriff einer geldgeilen Musikindustrie, die Resteverwertung als Spitzensport betreibt. Aus knapp dreisig Songs schufen sie Remix um Remix, Resteverwertung um Resteverwertung, Produkt um Produkt, bis es selbst den größten Fans zu viel wurde. Auf dem  Abstellgleis des Nu Metal Pop Zirkus wurden sie von den Musikgourmets beschimpft, von den Kritikern  jovial belächelt.. und von der Industrie gefeiert. Aber heuer ist 2010, eine neue Dekade bricht an und Linkin Park werden mutig Ja, richtig gehört: Mutig.

Keine Sorge, auch wenn die pointierte Überschrift anderes vermuten ließe: In der Nu Metal und Poprockwelt ist noch vieles in Ordnung. Die Musikgeschichte wird nicht neu geschrieben werden müssen Und wenn hier schon attestiert wird, dass Linkin Park so etwas wie ihr persönliches Kid A aufgenommen haben, dann bedeutet das selbstverständlich nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten, ihres bisherigen Schaffens. Und doch lassen sich strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen A thousand suns und Radioheads Meisterwerk von 2000 nicht von der Hand weisen. Als erstes wäre da das abstrakte, minimalistische Cover zu erwähnen, das schon einen kleinen Hinweis auf die neue Stoßrichtung gibt. Weiter geht es mit der Struktur des Albums, ganze fünfzehn Stücke sind darauf zu finden, viele davon knappe Soundexperimente, Interludes und Technikspielereien. Am auffälligsten schließlich ist die Generalüberholung des Linkin Parkschen Sounds…

… denn Nu Metal war tatsächlich gestern, gehört trotz Restbeständen in die Musikgeschichte, als Randnotiz der ausgehenden 90er und beginnenden 00er. Linkin Park machen auf A thousand suns definitiv etwas anderes. Anstatt wie manch andere Band auf den Metalcore- oder Emo-Zug aufzuspringen spielen sie eine ganz eigene, tatsächlich genuine, tatsächlich originelle Form von Nu Pop oder Nu Electro Rock, oder irgendwas dazwischen, was noch keine passende Genrebezeichnung gefunden hat. Nach zwei elektronisch verzerrten Intros beginnt das Album mit Burning in the skies mit einer geradezu zahmen Popballade, die irgendwo in 80er Refugien zwischen großem Pop-Pathos und kurzen Rockinterludes umherirrt. Robot Boy stolpert mit einem überraschend versetzten Rhythmus durch kosmische Pop-Landschaften und schämt sich ebenso wie Inridescent nicht seiner unüberhörbaren, kitschig verträumten Ohrwurmqualitäten. Dass der Song ebenso von Justin Timberlake intoniert werden könnte? Geschenkt. Denn das konsequente Umarmen des Pops tut Linkin Park als Frischzellenkur überaus gut. Auch wenn sich Frontexzentriker Chester Bennington dabei so manches peinliche Rock-“Yeahh!” nicht verkneifen kann.

Dafür bleiben dann auch die potentiellen Singleauskopplungen The Catalyst und Waiting for the end konsequent Pop, während Fans der Old School Linkin Park wohl nur partiell mit Songs wie dem  hysterischen Nu Metaller Wretches and Kings oder dem elektronischen Rap Rock Stampfer When they come for me zufrieden gestellt werden, der dann allerdings wiederum in einem überraschend schrägen Noise-Gewitter untergeht. Diese an frühere Zeiten erinnernden Alternative Rock Ausflüge bleiben jedoch in der Minderheit. Wie ein roter Faden wird das Album von sphärischen Pianointerludes, verzerrten Stimmen und elektronischem Postpoprock durchzogen. Fans, die Linkin Park wegen ihrer bedingungslosen Härte (SIC!) mochten, dürften von dem auf A thousand suns zu findenden Material mehr als erschüttert sein, während Kritiker, die sich schon gehässig händereibend auf den nächsten deftigen Verriss eingestellt haben, das ein oder andere Mal verdutzt ihre Ohren putzen werden.

Verstehen wir uns nicht falsch. Linkin Park haben kein postmodernes Meisterwerk erschaffen wie Radiohead vor gut zehn Jahren. Viel zu oft verzetteln sie sich in kitschigem Weltschmerz, viel zu oft opfern sie das potentielle kohärente Gesamtbild unnötigen Soundschnipseln und zähnefletschendem Pathos. Aber was sie hier abgeliefert haben, ist mutig, tatsächlich mitunter ziemlich originell und durchgängig hörbar. Vielleicht sind es auch gerade diese (eigentlichen) Selbstverständlichkeiten an unerwarteter Stelle, die das Album noch ein gutes Stück besser erscheinen lassen. Vielleicht ist es aber auch tatsächlich ein musikalischer Neuanfang, der für kommende Linkin Park Alben einiges verspricht. Denn die Band spielt sauber und höchsprofessionell; Songs schreiben können die Verantwortlichen auch und wenn dann sogar noch ein wenig Experimentierfreude mit im Spiel ist… umso besser. Linkin Park haben Mut bewiesen und darüber hinaus ein Album produziert, das nichts mit den letzten peinlichen Outputs der Band gemein hat. Solide, ordentliche, wenn nicht sogar gute Arbeit. Reinhören lohnt sich, auch und gerade für Musikhörer, denen die Nu Rocker bisher am Allerwertesten vorbeigingen.

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