Frühherbstliches Tief aus Manchester – Rezension zu Hurts "Happiness"

Wir fassen mal zusammen: Von einem kleinen Beitrag in unserem Bandwatch, über die eher maue Wonderful Life EP hin zum neuen Chartswunder. Immer wieder sind es gerade die nicht vorhersehbaren Dinge, die umso heftiger einschlagen. Sind Hurts nun die neuen Polarkreis 18, die für lange Zeit mit dem Makel des One Hit Wonders behaftet sein werden oder haben wir hier gar die neuen Pet Shop Boys?

Hurts – Happiness

VÖ: 27.08.2010

Label: Four Music

Lasst uns nicht mehr von Retro reden, denn die vermeintlichen 80er Genres wie Synthiepop sind längst ein etablierte Sparte für sich, wenn auch eine bisher nicht sonderlich rühmliche. Die Pet Shop Boys sind zwar noch weiterhin produktiv, für die Qualität ihres Outputs können sich seit Jahren jedoch nur noch Kritiker erwärmen, die ihr Kunststudium wohl in der Anfangssphase der Band absolviert haben und ihre teuren Avantgarde-Designermöbel auch heute noch mit Stolz polieren. Depeche Mode hingegen sind zu den Rolling Stones des Synthie-Pop mutiert, aber mit mitterweile großen Leistungschwankungen und – abgesehen von der überzeugenden Ausnahme “Playing The Angel” – seit dem narkotischen Werk “Exciter” auf dem bestem Wege Hintergrundmusik für stylische Produktwerbung zu werden. Was irgendwie in letzter Zeit bei aller Studiofrickelei vergessen wurde sind schlichtweg die großartigen Melodien der Anfangsjahre, zu denen sich beide mittlerweile lieber nicht mehr bekennen wollen, weil sie stattdessen lieber als altehrwürdige Ikonen mit Kritikeranerkennung vor sich hin existieren.

Tja, aber irgendwer muss ja auch dahin gehen, wo es weh tut und wer könnte da schon besser passen als eine Band aus Manchester die sich zudem Hurts nennt. Mit großem Gespür für Songs und keinerlei Berührungsängsten wird auf Hapiness Eurodance, New Romantic ,Synthie-Pop und Industrial vermischt und das mit einer beängstigenden Souveränität, die fast schon zu klinisch und für zwei Anfangs-Zwanzigjährige unauthentisch daher kommt. Theo Hutchcraft und Adam Anderson müssen sich über Monate eingeschlossen und die ganze Discographie von Bands wie OMD, Pet Shop Boys, Heaven 17, Erasure, Spandau Ballet und Ultravox heruntergeladen haben. Anders kann man sich diese stilsichere Kopieren der Vorbilder nicht erklären, die hier unüberhörbar Pate gestanden haben. Das ist keine neue Idee und sicherlich haben Zoot Woman und die Killers das auch schon probiert, aber wo sich Zoot Woman einfach zu sehr dem Diktat der Studiotechnologie unterwerfen und letztere schwülstigen Kirmespop für sich entdeckt haben, behalten Hurts in den nicht wenigen Kitsch-Momenten ihre Würde.

Der Aufbau der Song ist minutiös geplant und auch wenn sich die Beiden in Interviews eher  selbstironisch geben, bemerkt ist die Professionalität (die sich auch durch uniformen Schwarz-Weiß Kleidungstil ausdrückt) spürbar, mit der sie an die Stücke herangegangen sind. Einen Song wie Wonderful Life, von dem jeder meint es auch so zu können ,aber eben doch keiner schaffen würde, schreibt man nur einmal im Leben. Er gehört zu den großen Momenten von Happiness, dazu aber auch reichlich barocke Schmachtballaden und eben doch wieder großartige Pop-Nummern wie  das todtraurige “Unspocken “, das ungewohnt verhaltene “Water” und die Uptempo Nummer “Better Than Love”, die im EBM-Stil nochmal einen Kontrast zu dem melancholischen Pathos-Pop bildet.

Bleibt festzuhalten, daß Hurts mit ihrem Hit-Potenial auch in den 80ern eine große Nummer gewesen wären, was man von zahlreichen Retro-Epigonen der 00er Jahre nun wirklich nicht behaupten kann.

Ein Gedanke zu „Frühherbstliches Tief aus Manchester – Rezension zu Hurts "Happiness"“

  1. Mag das Cover auch etwas an “Actually” erinnern und die s/w-Ästhetik an die frühen 90er, aber ansonsten Hurts mit den PSB zu vergleichen, ist schon etwas weit hergeholt. Tears for Fears wäre da die bessere Basis gewesen. Vielleicht nochmal genau anhören, sollte helfen.
    Und gutes Album hin, gutes Album her: eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – auch in den 80ern gab es mehr als genug One-Hit-Wonder. Wenn sich die Herren bewiesen haben, können wir nochmal drüber reden.

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