Wie vielfältig Grau sein kann – Zu John Hillcoats "The Road"

Die Liste der Endzeitfilme ist lang, sehr lang. Sie reicht von gesellschaftspersiflierenden Zombiefilmen („Night oft the Living Dead“), über grottenschlechte Cyborg-Geschichten („Cyborg“, „Nemesis“), Adrenalin-geschwängerten Actionern („Mad Max“ und jüngst „Book of Eli“), hin zu Meisterwerken der filmischen Dystopie wie Tarkowskis „Stalker“ und „Children of Men“ von Alfonso Cuarón. In der letzten Kategorie findet sich auch John Hillcoats „The Road“ wieder, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Cormac McCarthy.

„Each day is more gray than the one before.“

In einer, anscheinend von einer globalen Katastrophe, zerstörten Welt sind ein Vater (Viggo Mortensen) und sein Sohn (Kodi Smit-McPhee) unterwegs in den amerikanischen Süden, in der Hoffnung dort die kalten Winter besser zu überstehen. Sie ziehen mit ihrem Einkaufswagen und einem Revolver mit zwei Schuss Munition durch eine leblose, graue, vermoderte Umwelt. Ihr Leben wird beherrscht von der ständigen Suche nach Essbarem, doch von der Fauna existieren nur noch Insekten. Diese sind fast ihre einzige Nahrung, falls sie nicht zufällig in verlassenen Häusern auf Konserven stoßen. Wenn man nicht dem Hungertod erliegt, stirbt man wahrscheinlich selbst als Nahrungsmittel von umherziehenden Kannibalen. Daher erklärt der Vater dem Sohn ein ums andere Mal wie er die Pistole anzusetzen hat, um einen möglichst schmerzfreien Suizid zu begehen, wenn die Lage aussichtslos geworden ist. In dieser von Hunger und Angst geprägten Welt stellt John Hillcoat einerseits die Frage nach dem Sinn des Überlebens und weist andererseits auf eine mögliche, vielleicht seine eigene Antwort auf die kantische Kardinalsfrage: „Was ist der Mensch?“

Ebenso wie das Buch ist auch der Film minimalistisch gehalten und ebenso wie das Buch erzeugt der Film eine enorme Tiefe an Gedanken und lotet die Frage aus, was es heißt menschlich zu sein in einer Welt der Entbehrungen. Während in Werner Herzogs Filmen, wie zum Beispiel „Herz aus Glas“, die Seelen der Figuren in die Landschaft gezeichnet werden, verhält es sich in „The Road“ genau umgekehrt: Die Landschaft und Umwelt prägt die Seelen der Protagonisten. Es  ist die Natur, beziehungsweise das was von ihr übrig geblieben ist, welche die Handlungen und Stimmungen der Figuren bestimmt. In dieser zerstörten und kargen Umwelt bewegt sich der Mensch und das „Menschliche“ an einem Nullpunkt entlang. Es geht um das Überleben der Spezies Mensch und es stellen sich die Fragen: „Darf man, um zu überleben, Menschen töten und essen?“ Und: „Ist dies noch menschlich?“

„lupus est homo homini“ (Der Mensch ist des Menschen Wolf.) Thomas Hobbes.

Die erwähnte Bewegung entlang eines menschlichen Nullpunktes wird erzeugt durch die Aussetzung in dieses Extrem einer postapokalyptischen Welt. Es gibt keine Gesellschaft im eigentlichen Sinne, sondern nur den Willen zur Existenz. McCarthy und Hillcoat zeigen, dass dieser Wille zum Überleben in erster Linie ein natürlicher und tierischer Trieb ist. Dadurch, dass sich Vater und Sohn verbieten Menschen zu töten und zu essen, erzeugen sie eine Art „Wille zweiten Grades“, eine Anstrengung, die nicht gegeben wäre herrschte das Verbot nicht! Genau hier dran zeigt sich das Menschliche und das Mensch-Sein und zwar in vielfacher Weise.

Indem der Mensch aufhört des Menschen Wolf zu sein, also keinen Kannibalismus betreibt, wird er Mensch. Hobbes baut in seinem „Leviathan“ darauf seine Gesellschafts- und Staatstheorie auf. Indem Menschen Einigungen treffen, wie zum Beispiel nicht gegeneinander zu kämpfen, entsteht der Gemeinsinn, der „common sense“, der auch übersetzt wird mit (gesunder) „Menschenverstand“.

„common sense is self defense“ Dead Prez (bigger than Hip Hop)

Durch die Einigung entsteht erst die Möglichkeit zur Menschlichkeit und zwar durch die Möglichkeit zur Zwischenmenschlichkeit. Alle menschlichen Haltungen, Einstellungen überhaupt alles Menschliche entsteht erst durch das Phänomen der Zwischenmenschlichkeit. Hannah Arendt hat in ihrem vielschichtigem Werk „Vita activa“ eindrucksvoll herausgearbeitet, dass Leben für den Menschen heißt „unter Menschen zu weilen“ (inter hominis esse). Der in „The Road“ dargestellte Kannibalismus ist somit die Abwesenheit von Menschlichkeit.

Was Menschlichkeit und Mensch-Sein bedeutet wird in der Vater-Sohn-Beziehung gezeigt. Einerseits natürlich in der Darstellung von familiärer Liebe, aber eben auch in dem von mir deklarierten „Willen zweiten Grades“, in der Anstrengung die „good guys“ zu sein und „the fire inside“ zu tragen und zu bewahren. Diese beiden Wortgruppen, die im Film oft wiederholt werden, verweisen wiederum auf die Wirksamkeit von Erzählungen und Narrativität in Persönlichkeitsstrukturen. Es sind Glaubensätze die dort ständig wiederholt werden. Diese Erzählungen haben das Phänomen der Zwischenmenschlichkeit zur Voraussetzung. Sie leben allein durch den kommunikativen Austausch zwischen Menschen und haben die Tendenz zu persönlichen Glaubenssätzen zu werden.

Die Rede vom inneren Feuer ist nicht nur persönlicher Glaubenssatz sondern verweist darüber hinaus auf das Konzept „Glaube“ und Religion an sich. Das von Prometheus geschenkte göttliche Feuer, welches so vieles erst ermöglichte. Nicht nur gemeinsame Nahrungszubereitung, sondern vor allem auch das Erzählen von Geschichte(n) beim Sitzen am wärmenden Feuer. Wenn dies Feuer aber nun in den Menschen verlegt wird, wie in „The Road“, wird auch auf die „Göttlichkeit“ des Menschlichen verwiesen. Schließlich erschuf der Mensch die Götter nach seinem Bilde. Würde man die Beziehung zwischen Vater und Sohn auf mehrere Menschen erweitern, so entstünde eine Gesellschaft. Hier wird auf die gesellschaftskonstituierende Funktion von Religion verwiesen und einmal mehr landen wir beim Phänomen Zwischenmenschlichkeit.

Der Film bietet eine Fülle an Gedanken und Diskursen, bezüglich der Frage „Was ist der Mensch.?” Zudem wird anhand der dargestellten Extremsituation ersichtlich, dass das Leben an sich sinnlos und absurd, aber genau darum so wertvoll ist, ganz so wie Albert Camus es uns in „Der Mythos des Sisyphos“ gelehrt hat. Und mit diesem lässt sich auch zusammenfassend schließen:

„Was bleibt, ist ein Schicksal, bei dem allein das Ende fatal ist. Abgesehen von dieser einzigen fatalen Unabwendbarkeit des Todes ist alles, sei es Freude oder Glück, nichts als Freiheit. Es bleibt eine Welt, in der der Mensch der einzige Herr ist.“

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