Zum Tode Christoph Schlingensiefs – Ein Nachruf

Nach zweijährigem Kampf gegen den Krebs erlag Christoph Schlingensief gestern seinem Leiden.

Ob als Film-, Theater- oder Opernregisseur, ob als Kunstaktivist oder Provokationskünstler, Christoph Schlingensief erschuf ein breitgefächertes Werk. Dieses zeichnet sich durch ein, bis ins Einzelwerk reichenden, Facettenreichtum aus. Es ist quirlig und darum anregend und lebendig . Stets an der Grenze zwischen Fiktion und Realität entlang schreitend und diese auch durchbrechend, ermöglicht uns Schlingensief einen Einblick in die Künstlichkeit von Kunst und Medien. So in seinen Filmen, welche derart überdreht und übergestikuliert sind, dass eine perspektivische Verzerrung entsteht, wodurch sich der Film als Film offenbart, als Künstlichkeit. Wie zum Beispiel in „Die 120 Tage von Bottrop“.

Auch in den im Fernsehen ausgestrahlten Sendungen „U 3000“, oder „Freak Stars 3000“ zeigt er uns das künstliche Endprodukt der Medienmaschinerie und verbindet dies mit einer Kritik an der Gesellschaft, insbesondere an die fragwürdige Kulturalität der Medien. Schlingensief mixt dabei Reales, etwa eine bestimmte  Begebenheit, mit durch Medien verzerrte Realität und entblößt dabei die Verzerrung der Realität durch Medien. In dem folgenden Dreiminüter ist Schlingensief in Action zu erleben. Innerhalb von drei Minuten öffnet er diverse Meta-Ebenen und wechselt in die verschiedensten Rollen, vom “Talkmaster” über den Beobachter und Kritiker hin zum Wahn, was jene Quirligkeit und Lebendigkeit seiner aufklärenden Kunst eindrucksvoll exemplifiziert.

Gesellschaftskritik übte er auch in seinen politischen Kunstaktionen. So zum Beispiel setzte er, zur Zeit als Big Brother ausgestrahlt wurde, Asylbewerber in einen Container mit Kameras und ließ Passanten abstimmen wer raus muss, die ganze Aktion hieß „Ausländer raus!“. Ja, Schlingensief war Provokateur, aber ihn als bloß provozierend  oder lediglich als enfant terrible abzustempeln reicht bei weitem nicht aus um ihm gerecht zu werden.

Allein durch die Anregung zum Denken, welche aus seinem Schaffen erwächst, könnte man eine ewige, gedankenreiche Diskussion führen. Jedoch bleibt nur zu sagen übrig, dass wir einen der progressivsten, kritischsten und potentesten Künstler und Menschen verloren haben, der dennoch mitten unter uns, in unserem kulturellen Gedächtnis, verbleibt.

Ein Gedanke zu „Zum Tode Christoph Schlingensiefs – Ein Nachruf“

  1. Und wieder hat ein Grosser dieses Landes den Kampf gegen den Krebs verloren. Auf jeden Fall wird das Werk und das Wirken von Schlingensief noch weit über seinen Tot hinaus wirken. Schlingensief, der ja Autodidakt war, zeigt uns auch, wie weit man es bringen kann, wenn man sich selbst motiviert. Wir werden noch lange an ihn denken.

    Siegfried Anton Paul

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