Die 00er Jahre: Die besten Comicverfilmungen und Superhelden-Filme des Jahrzehnts

Nachdem die Superhelden- und Comicverfilmungsausbeute in den 90er Jahren ziemlich dünn war, sind die 00er diesbezüglich derart stark durchgestartet, dass wir gar nicht anders können, als diesem Genre eine eigene Kategorie zu widmen. Überraschend ist vor allem, wie bunt und vielfältig das Ergebnis ausfällt: Es gibt Düsteres, Schweres, Spannendes, ebenso wie Parodistisches, Schräges, Skurriles. Es gibt Helden und Anti-Helden, Retter, Märtyrer, aber auch Versager, traurige Gestalten und vom Schicksal Geschlagene. Hier sind sie nun versammelt: Vom Comic auf die Leinwand, oder für diese extra erdacht: Welten zerstörend, Welten rettend, vielleicht auch hin und wieder nur ihren Alltag überstehend. Aber immer einen Blick wert. Die Besten und Tapfersten des Jahrzehnts, direkt nach dem Klick.

The Dark Knight [Christopher Nolan]

(USA 2008)

Vieles wurde schon zu der neu geborenen Batman-Franchise unter Regisseur Christopher Nolan gesagt, und fast alle waren sich einig. Nolans Batman ist tatsächlich der Düsterste aller Rächer, ein verzweifelter Held, ein ambivalenter Märtyrer. The Dark Knight (Der erste Batman-Film, der seinen Protagonisten nicht im Titel trägt) inszeniert diese dunkle Superheldenseite mit biblischer Gewalt, mit brutalem Pathos und mit viel schwarzer Farbe. Ein monumentles Blockbusterspektakel voller Morbidität, nervenkitzelnder Spannung und Action und mit einem Antagonisten, dessen Joker-Grimasse weit über jeden Standardbösewicht hinausgeht. Fürwahr ein Meisterwerk des postmodernen Actionkinos.

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Batman Begins [Christopher Nolan]

(USA 2005)

Zwar nicht ganz so groß wie The Dark Knight, aber dennoch eine würdige Revitalisierung der Batman Franchise ist der direkte Vorgänger des 08er Meisterwerkes. Bei Batman Begins stehen – wie der Titel schon verspricht – alle Zeichen auf Anfang. Gezeigt wird die Geburt des dunklen Rächers; verlagert in ein ungewöhnlich realistisches Szenario, ständig mit den eigenen Prämissen kämpfend, zutiefst ambivalent und mit einer großen Portion düsterem, mitunter gar schmutzigem Pahos angereichert. Selbst die beiden sehr gelungenen (zu Unrecht oft verschmähten) Burton-Verfilmungen des Fledermausstoffes müssen angesichts der Bildgewalt, der Spannung und des Realismus, mit dem Nolan seine Saga beginnt, mit der weißen Fahne schwenken.

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Spiderman 1 – 3 [Sam Raimi]

(USA 2002, 2005, 2007)

Weniger um Düsterpathos ging es in der von Sam Raimi restaurierten Spiderman-Franchise. Aber auch hier findet man einiges Superheldenungewöhnliches. Spiderman ist ohnehin der authentischste aller Retter: Ein hilfloser High School Jungspund, der mit seinen durch den Biss einer Spinne erworbenen Kräften genau so wenig umgehen kann wie mit seiner Pubertät. Trotzdem mutiert Spiderman nicht zum billigen Klamauk, stattdessen gibt es für einen Popcormfilm überraschend tiefschürfende Einblicke in die jugendliche Seele, in die Sorgen und Nöte von Teens und Twens und dazu noch die ambivalentesten Superbösewichter des gesamten Superheldenkinos. Aber Spiderman verliert sich nie in seinen eigenen Ansprüchen sondern bleibt trotz der großen Dramen, der ambivalenten Geschehnisse und der unsicheren Hauptfigur zu jedem Zeitpunkt große, unterhaltsame, schlicht geniale Popcornunterhaltung: Die perfekte Mischung aus Drama, Comedy und natürlich auch halsbrecherischer Comic-Action…

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Ghost World [Terry Zwigoff]

(USA 2001)

Wer beim Coming-of-Age- Lachen und Weinen auf das Superheldengedöns verzichten möchte, ist mit der Tragikomödie Ghost World noch besser bedient. Die Geschichte zweier Teenager, die auf den Comics von Daniel Clowes basiert, beginnt als lustiges, leichtes Stück Dramödie, um sich über schwarzen Humor langsam zu bitterbösen, existenziellen Fragestellungen hervorzuarbeiten. Ghost World ist Pop und Anti-Pop zugleich: Sarkastisch, gereizt, launisch, subversiv, bitterböse und dabei einfach wunderwunderschön. Ein unbarmherzige Abrechnung mit der kleinen, ständig piesackenden Klette Jugend.

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V for Vendetta [James McTeigue]

(USA 2006)

Weniger Superheld und mehr Revoluzzer, Anarchist und Aufrührer ist V, der mysteriöse Staatsfeind in der Comicverfilmung V for Vendetta. V kämpft gegen ein faschistoides Unrechtssystem, in dem sich  Nationalsozialismus und Staatsterrorismus mit 1984Anleihen und vielen weiteren Elementen aus der dystopischen Trickkiste kreuzen. Die Verfilmung des gleichnamigen Comics ist ein düsteres, anarchistisches Fegefeuer, vollgepackt mit rauer Action, einer nicht ganz zu Unrecht vielfach kontrovers diskutierten Moral und vor allem viel Over The Top Staats- und Gesellschaftskritik. In erster Linie jedoch ein dreckiges, rohes und überborderndes Vergnügen: Alles andere als subtil, aber in seiner Methodik höchst effizient und unterhaltsam.

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X-Men [Bryan Singer]

(USA 2000)

Zurück zu den klassischen Superhelden des Marvel-Universums. Die erste Verfilmung der X-Men-Reihe ist ein gelungener Action-Blockbuster geworden: Zwischen Fantasy, Science Fiction Actioneer, Thrill und einer gesunden Portion politischem, gesellschaftskritischen Subtext kämpfen die genetisch mutierten Superhelden gegen den fanatischen Magneto ebenso, wie gegen Vorurteile die ihnen die menschliche Gesellschaft entgegenbringt. Dabei trifft X-Men immer den richtigen Ton, um sowohl ein nach Unterhaltung dürstendes Kinopublikum als auch Fans der beliebten Comicreihe zufrieden zu stellen. Eine rundum gelungen Adaption eines der besten Marvelcomics überhaupt und zudem einer der Mitbegründer des Superheldenbooms der frühen 00er Jahre.

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Iron Man [John Favreau]

(USA 2008)

Ebenfalls aus dem Marvel-Universum stammt der Held/Anti-Held-Bastard Iron Man. Dank einer hochgradig vergnüglichen One Man Show von Robert Downey Junior wird die Ambivalenz des exzentrischen, narzistischen Heroen perfekt auf die Leinwand übertragen. Iron Man ist sowohl tapfer als auch egozentrisch. Eigensinnig, störrisch, hedonistisch und nicht zuletzt grundverdorben. Trotzdem wird er in der überzeichneten, karikaturistischen und äußerst bunten Welt dieser Comicverfilmung vom Playboy und Draufgänger zum ungewöhnlichen Helden und Retter, grandios süffisant kommentiert und erzählt. Mit dem notwendigen Augenzwinkern und dennoch stets actionreich und spannend. Ein unnachahmliches Vergnügen.

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Hellboy [Guillermo del Toro]

(USA 2004)

Noch eine Spur sarkastischer und schwarzhumoriger als bei Marvels Antihelden Iron Man geht es in der Dark Horse Comicverfilmung Hell Boy zur Sache. Kein Wunder: immerhin steht hier nicht ein perfekt ausgerüsteter oder genetisch mutierter Superheld im Mittelpunkt, sondern ein von Nazis (!) gezüchteter Dämon (!!), der nicht nur Kettenraucher ist sondern sich auch gerne um kleine Kätzchen kümmert (!!!). Dementsprechend launisch, makaber wird seine Geschichte erzählt, in der es – wie sollte es auch anders sein – um das Schicksal der gesamten Menschheit geht. Kuriose Einfälle, groteske Antagonisten, derbe Sprüche und ein ätzender Humor verleihen Hellboy einen ganz eigenen morbiden Charme, der so weder in den Comics der DC Reihe noch bei den Superhelden des Marvel Universums zu finden ist.

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Zebraman [Takashi Miike]

(Japan 2004)

Der Exot unter den Superhelden. Takashi Miikes Zebraman kämpft mit dem Mut der Verzweiflung eines Ungehörten gegen eine Alieninvasion, die das Ziel hat, die gesamte Menschheit zu versklaven. Die Comic-Parodie des japanischen Extremregisseurs Miike ist ein durchgeknallter Superheldentrip, der Regeln des Genres aufnimmt, befolgt und urplötzlich immer wieder unterminiert. Irgendwo zwischen Kinderfilm, surrealer Groteske und lauter, quietschiger Actionkomödie verortet kämpft der Film tapfer mit Klischees gegen Klischees und ist dabei vor allem durch und durch eigensinnig, abseitig, krude und höchst charmant. Ein spezieller Superheld, ein spezielles Szenario, ein spezieller Film: Ohne Wenn und Aber.

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American Splendor [Robert Pulcini]

(USA 2003)

Harvey Pekar ist alles andere als ein Superheld. Er rettet keine Kätzchen aus Bäumen, stoppt keine führerlosen Züge und auch mit der holden Weiblichkeit will es nicht so recht klappen. Pekar hat aber ein Talent: Er kann auf unnachahmliche Weise unverfroren zynisch und ätzend vonseinem Leben erzählen. Die schwarzhumorige Comicreihe American Splendor, die dabei entsteht, wird hier auf kongeniale Weise verfilmt, mit einem fantastischen Paul Giamatti als Harvey Pekar, aber auch mit Harvey Pekar selbst, der das Geschehen immer wieder kommentiert. Die schwarze Komödie ist dadurch nicht nur bitter und tragikomisch, sondern hält – wie bereits die Comicvorlage – ihr eigenes Entstehen in sich selbst fest. Das klingt vielleicht ein bisschen spröde und affektiert selbstreferenziell, ist aber vor allem ein höllisches Vergnügen, jenseits aller Konventionen und gerade dadurch wieder so was von Pop… eine der besten Comicverfilmungen des letzten Jahrzehnts.

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Watchmen – Die Wächter [Zack Snyder]

(Großbritannien 2009)

Endzeit im Superheldenland. In der fiktiven Welt der Watchmen gehörten Superhelden lange zum Alltag, bis sie von Politik und Medien in die Rente oder den Untergrund gezwungen wurden. Nur noch wenige sind verdeckt aktiv, so zum Beispiel auch Rorschach, der den Mord an dem Helden Comedian aufklären will. Die Verfilmung der gleichnamigen Comicreihe Watchmen ist ein düsterer, tragischer Abgesang auf Macht und Ohnmacht der lebenden Legenden. Konfrontiert mit staatlicher Repression und der Infragestellung ihrer eigenen Prämissen werden die Helden zu Schurken, zu Geächteten und Märtyrern. Die dunkle Seiten dieses Lebens erzählt Watchmen auf rohe, brutale, schmutzige und rabenschwarze Weise; eine grandiose Abrechnung mit Comic- und Heldenmythen: Spannend, dunkel, unerbittlich.

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Road to Perdition [Sam Mendes]

(USA 2002)

Zum Abschluss noch etwas aus der Kategorie: Comicverfilmungen, die man nicht für Comicverfilmungen gehalten hätte. Sam Mendes’ (American Beauty) Crime-Drama “Road to Perdition” ist die tragische und spannende Reise von Vater und Sohn auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit. Noir-Charme und Thrill mischen sich hier mit Reflexionen über Gewalt und Tod. Kurzlebiges Familienglück wird konfrontiert mit den Vorboten eines brutalen Untergangs, Unschuld trägt immer schon ein Stück Schuld in sich. In dunklen, vernebelten Bildern wird Road to Perdition so zum tragischen, spannenden Sog, zum Abgesang auf die Familie und zur Abrechnung mit der Glorifizierung und Stilisierung von Gewalt und Gangsterromantik. Ein leises, unaufdringliches, leider fast schon wieder vergessenes Meisterwerk.

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