Euphorie, Hype, Fanboys, Kritiker, Nörgler, Quängler, Klugscheißer und der ganze Rest…

Bevor ich anfange, muss ich hier erst einmal was loswerden: Ich halte Tarkowski für ziemlich überschätzt. Viel zu orientierungslos erscheint mir sein Epos Andrej Rubljow, der viel gefeierte Stalker dümpelt in naiven, metaphysischen Fahrwassern und die geniale, komplexe Erzählung von Philip K. Dick “Solaris” hat der russische Avantgarde-Regisseur auf eine simple, spirituelle Botschaft reduziert. Einzig der kaleidoskopische “Spiegel” vermag es, mich wirklich mitzureißen. Aber der Kampf gegen Tarkowski käme einem Kampf gegen Windmühlen gleich: Der russische Autorenfilmer ist eine Ikone und ein immer gerne genommenes Schwert, wenn es um den Kampf gegen die Kritik an aktuellen Kinofilmen geht.

Womit wir beim Thema wären: Ganz aktuell an Inception ersichtlich, den ich hier in höchsten Tönen gelobt habe. Avatar war auch so ein Fall (den ich hier ziemlich polemisch verrissen habe). Ein Film kommt auf den Markt, heiß erwartet, wird gefeiert, wird über alle Maßen gelobt und kurz darauf schießen die Kritiker aus dem Boden, die, die das Haar in der Suppe suchen, und dort mitunter auch ganze Haarballen finden. Diese werden dann genüsslich zerkaut und den Euphorisierten – respektive Fanboys – vor die Füße gespuckt. Ein solches Meisterwerk sei der Film ja gar nicht – ziemlich überschätzt sogar – und sowieso und überhaupt, hätte jener Godard oder jener Fellini die selbe Idee schon viel besser umgesetzt. Es folgt meistens dem selben Schema: Auf die Euphorie folgt die Kritik, auf die Kritik folgt die Verteidigung, die Fronten verhärten sich. Und plötzlich argumentiert jemand, der den Film nur gut fand so, als sei er ein mieses Machwerk. Und plötzlich argumentiert jemand, der den Film eigentlich nur “sehr gut” fand so, als sei er, der beste Film aller Zeiten. Ein gegenseitiges Hochschaukeln, gerne garniert mit filmhistorischem Wissen Schwanzlängenvergleichen, wer denn mehr und bessere und vor allem außergewöhnlichere Filme gesehen hat.

Citizen Kane - Ikone der Cineasten

Citizen Kane – den ich übrigens für “nur” sehr gut halte – ist auch so eine Ikone. Allerdings eher die Ikone für die Luschen. Die wahren Filmkenner, die, die den Längsten haben, argumentieren dann schon lieber mit Akira Kurosawa oder Takashi Miike… Asien ist generell immer gut. Europa auch, zumindest so lange die Werke vor 1980 erschienen sind. Die Nouvelle Vague eignet sich natürlich besonders für die Darlegung cineastischer Kennerschaft, ebenso der neue deutsche Film (wer Avatar genüsslich zerreisen wollte kam an Werner Herzog praktisch nicht vorbei). Und wenn der gegenseitige Schwanzlängenvergleich in den cineastischen Nimbus führt, kann man ja immer noch gegen die stänkern, die den kürzesten haben. Dazu zählen vor allem die, die mit Zuschauerzahlen, IMDB-Durchschnittswertungen argumentieren oder gleich das böse Objektivitätswort in den Mund nehmen. Wo waren wir stehen geblieben…? Genau… Was soll das eigentlich?

Was soll das? immerhin handelt es sich hier um Diskussionen unter Cineasten. Die IMDB-Argumentierer und nur die aktuelle Kinolandschaft verfolgenden Casual-Zuschauer mal außen vor gelassen sind die meisten Diskutanten in den entsprechenden Foren und Blogkommentaren waschechte Nerds: Filmliebhaber, Zuschauer auf der Suche nach dem Außergerwöhnlichen, nach dem wirklich Guten. Im Prinzip eint uns alle – egal wie unterschiedlich unsere Geschmäcker auch mitunter sein mögen – die Liebe zum Film, die Liebe zum Kino, schlicht die Liebe zur Kultur. Natürlich gehört zu der Liebhaberschaft auch immer ein gewisser snobistischer Habitus, ein Stolz auf den eigenen Geschmack, vielleicht auch die ein oder andere Profilierungsneurose… Aber diesen Stolz muss man nicht zähnefletschend verteidigen, indem man beleidigt reagiert, wenn das neu entdeckte Meisterwerk von anderen kritisiert oder gar mit Häme übergossen wird. Diesen Stolz muss man nicht verteidigen, indem man den Geschmack derer in Frage stellt, die eben jenen neuen Film mögen. Ein Kommentar wie “Wer Inception für außergewöhnlich hält, hat einfach nicht genug Filme zum Thema Traum gesehen; hat keine Ahnung von Fellini oder Jodorowski” ist nichts als blöder Bullshit.

Man kann durchaus wenn man die Klassiker des surrealen, träumerischen Kinos schätzt viele Einzigartigkeiten in Nolans Filmkosmos entdecken: Die atemberaubende Inszenierung des Showdowns – die in der Form weder Truffaut noch Godard je zu bieten hatten – die Einbettung surrealer Traumelemente in einen urbanen Kosmos:  Ein Kontrast den Jodorowski in seinen traumatischen Kaleidoskopen nie genutzt hat. Die Erdung des Traumes durch Referenzen auf das Action- und Agentenkino: Ein Schnitt durch das surreale Fundament, eine bewusste Kollision des Irrealen mit dem Medialen, wie es weder bei Bunuel noch bei Lynch in der Form zu sehen ist. Nicht zuletzt, das Ausnutzen einer epischen Hollywood-Blockbuster-Spielwiese zur Generierung von – für das Mainstreamkino – ungewohnten Seherfahrungen und inszenatorischen Kniffen. Etwas, was außergewöhnlich ist für groß angelegte Kinomonumente: Weder Star Wars noch Indiana Jones hatten das in der Form zu bieten. Und letzten Endes bleibt Inception in seiner Essenz auch ein Big Budget Kinoepos, versucht diesen Umstand gar nicht zu verheimlichen und will erst Recht nicht in Konkurrenz mit klassischem europäischen Autorenkino treten.

Aber bevor dies wieder zu einer Verteidigung Inceptions wird, kommen wir zur Essenz dieses Artikels zurück. Natürlich haben die Kritiker auf ihre Weise Recht: Wer mit dem monotonen Dröhn-Score von Hans Zimmer nichts anfangen kann, findet diesen nervig. Wem die Geschichte um Träume, Schuld und das Unterbewusste zu schwach ist, der kann Inception ziemlich flach finden. Wesentlich ist hier weniger die Meinung, sondern der Tonfall, in dem diese vorgetragen wird. “Ich finde Inception schlecht.” ist ne Nullaussage, “Wer Inception gut findet, ist…” eine Respektlosigkeit, “Inception ist schlecht, weil…” oder “Inception ist Mittelmaß, weil…” dagegen zeugen von Verständnis für grundlegende kulturelle Konversation und Argumentation sowie Verständnis für eine gewisse Netikette. Gerade der Filmliebhaber sollte doch darum bedacht sein, dass seine Argumente Gehör finden, dass er eben nicht als Troll abgestempelt wird. Mit Naserümpfen über Liebhaber des kritisierten Werkes und mit lautstarken Stänkereien wird er sich so nur selbst Steine in den Weg legen.

Selbiges gilt natürlich auch für die Gegenseite. Nicht jeder der Inception aus diesen oder jenen Gründen nur so oder nur so findet, ist gleich ein filmhassender Nörgler. Nicht jeder, der dazu noch einmal kurz auf Jodorowski verweist ist gleich ein profilierungssüchtiger Snob. Hier tut einfach nur ein bisschen mehr Interesse, ein bisschen weniger Reviermarkierung Not. Nicht jeder intelligente Verweis auf vorherige – bessere – Filme ist gleich ein Angriff auf den Mitdiskutanten und eine überhebliche Selbstdarstellung. Im richtigen Ton vorgetragen und vernünftig argumentiert kann sie sogar eine wichtige Ergänzung zur Diskussion sein. Und immerhin hierum geht es doch: Wir bewegen uns in Blogs und Foren, weil wir Meinungen und kulturelles Wissen austauschen wollen. das Internet ist so eine ergiebige Plattform für interessante Meinugen, Interpretationen und Diskussionen … und steht sich dabei allzu oft durch mangelndes Konversationsniveau selbst im Weg. Aber gerade wenn wir als nerdige Netzgemeinschaft im kulturellen Leben Gehör finden wollen, sollten wir eben an jenem Diskussionsniveau arbeiten: mehr zuhören, genauer lesen, weniger unseren eigenen kulturellen, intellektuellen Balztanz aufführen und mehr versuchen durch die Diskussion mit anderen zu gewinnen und zum gemeinschaftlichen, kulturellen Gewinn beizutragen. Klingt Pathetisch? Egal. Denn die kulturelle Spielwiese der Netzgemeinschaft ist viel zu kostbar, als dass sie durch alberne Trollereien zerstört werden sollte, erst Recht wenn diese Trollereien von Leuten kommen, die es eigentlich besser wissen müssten und besser könnten.

– Plor –

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