Nackte Existenz – Rezension zu Cormac McCarthys postapokalyptischem Roman "Die Straße" (The Road)

Lange haftete dem amerikanischen Novellisten Cormac McCarthy der Ruf an, dass seine Werke unverfilmbar seien. Mit der kongenialen Coen-Adaption “No country for old men” hat sich dies geändert. Und auch in diesem Jahr erreicht ein Film die deutschen Lichtspielhäuser, dem ein Stoff McCarthys zu Grunde liegt. Das 2007 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete, postapokalyptische Drama “The Road” wurde 2009 von John Hillcoat beeindruckend auf die Leinwand gebracht (und auch hier bei den besten Science Fiction Filmen des vergangenen Jahrzehnts bereits gewürdigt). Ein guter Grund das Buch vor dem leider immer noch ausstehenden deutschen Kinostart des gleichnamigen Films genauer unter die Lupe zu nehmen…

Es ist kalt und es ist dunkel. Der namenlose Mann und sein ebenso namenloser Sohn wandern durch die Einöden des gestorbenen, immer weiter sterbenden Amerikas. Ihr Ziel ist die Küste im Süden. Dort versprechen sie sich ein wärmeres Klima und vielleicht sogar den Ausblick auf das blaue Meer. Aber ihre Reise ist beschwerlich. Nach einer – nie genauer gekennzeichneten – Katastrophe ist der Kontinent nur noch ein Schatten seiner selbst. Tiere und Pflanzen sind gestorben, Städte verwildert, Wälder verbrannt. Die wenigen überlebenden Menschen streifen umher, immer auf der Suche nach Nahrung, die sich höchstens als Konserven in verwahrlosten Häusern finden lässt. Neben diesen friedlichen Reisenden lauern dutzend Gefahren auf den Vater und den Sohn: Diebe, Wegelagerer, Mörder und Vergewaltiger… aber die größte Bedrohung stellen die Kannibalen dar, die sich ihre eigenen Menschenlager halten, um sich von ihren Opfern Stück für Stück zu ernähren. Als einziges Verteidigungsmittel trägt der Vater einen alten Revolver mit sich; Zwei Patronen für die Feinde oder für ihn selbst und seinen Sohn, im schlimmsten aller Fälle…

In die schmutzigen Decken gehüllt, gingen sie durch die Straßen. Er hielt den Revolver auf Hüfthöhe und den Jungen bei der Hand. Am anderen Ende der Stadt stießen sie auf ein für sich stehendes Haus auf einer Wiese und gingen durch sämtliche Zimmer. Sie trafen sich selbst in einem Spiegel, und er hätte beinahe den Revolver gehoben. Das sind wir, Papa, flüsterte der Junge. das sind wir.

Und so zieht sich die Reise quälend langsam durch das karge, postapokalyptische Amerika. Der Weg, den die beiden zurücklegen ist gekennzeichnet von Entbehrungen, von Angst, von dem puren Willen weiterzuleben, weiterzuwandern, ohne konkretes Ziel, ohne Hoffnung auf Besserung. Es dürfte schon in der Inhaltszusammenfassung ersichtlich werden, dass McCarthys seiner Endzeitvision wenig Raum für Optimismus einräumt. In den spartanischen, knappen Sätzen die zwischen Vater und Sohn gewechselt werden geht es meist ums Überleben, um die Angst und um die Sorge umeinander. Meist enden sie mit einem knappen “Okay”, das Gefühle und Wahrheiten offen lässt. Das Wort “Okay” wird somit fast zu einem sich immer wiederholenden Mantra, und tatsächlich auch im Laufe des knapp 250seitigen Romans zu einem Anker, an dem sich sowohl Vater und Sohn, als auch Leser festhalten können. Denn eben genau jene okayen Dinge sind es dann, die immer wieder Hoffnung in das trostlose Szenario einkehren lassen. Die viel zitierten kleinen Dinge des Lebens: Wenn der Vater eine Dose Cola findet und glücklich seinen Sohn dabei beobachtet, wie dieser sie gierig verschlingt. Eingelegte Aprikosen werden zum Festmahl, das Teilen des Abendessens mit einem sterbenden, alten Mann zur unglaublichen Samaritertat.

Diese kleinen Dinge können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die postapokalyptische Welt von “The Road” eine trostlose, grausame und erschreckende ist, die mit aller Wucht über ihre Leser hereinbricht. Cormac McCarthy bedient sich kurzer, pointierter Sätze, zeichnet mit diesen ebenso kurze, mitunter nur über eine halbe Seite gehende episodische Kapitel, die zwischen einer personalen Erzählweise des Vaters und des Sohnes oszilieren.  Diese werden distanziert aus der dritten Person vorgetragen, um dann plötzlich doch ganz unerwartet tief in die geheimsten Gedanken und Ängste der Protagonisten einzutauchen. McCarthy ergänzt diese narrativen Szenen durch dramatische Dialogfetzen, die ebenso knapp gehalten sind und dabei gelingt ihm in all dem Minimalismus das Meisterstück dennoch ein episches, bildgewaltiges, fast schon biblisches Szenario zu entwerfen.

Du meinst, du wünschst dir du wärst tot.

Ja.

Das darfst du nicht sagen.

Aber es ist so.

Sag das nicht. So etwas Schlimmes sagt man nicht.

Ich kann nicht anders.

Ich weiss. Aber du musst.

Und wie soll das gehen?

Ich weiß nicht.

Die Pole, an denen er sich dabei bewegt sind klar ausgelotet. Auf der einen Seite stehen “Die Guten”, als die der Vater sich und seinen Sohn unentwegt bezeichnet. In ihrem schier aussichtslosen Weg spiegelt sich ein nackter Existenzialismus wieder. Das Sein wird zum Sinn seiner selbst, der Selbstmord zwar als mögliche Option offen gehalten, viel mehr steht aber das verzweifelte Aufbäumen abgesichts der Sinnlosigkeit der postapokalyptischen Existenz im Vordergrund. Camus Sisyphos stand hier ebenso Pate wie Sartres existenzielles Leiden. Auch bei McCarthy sind die Hölle die Anderen. Jedenfalls auf den ersten Blick. Auf der Straße auf sich selbst zurückgeworfen entsteht eine universelle Intimität zwischen Vater und Sohn. Die menschenleeren Landstraßen, die verlassenen Wälder sind ihre Zuflucht vor der Bedrohung durch die Anderen. Fremde Menschen sind bei “The Road” immer Gefahr.

In dieser Gefahr spiegelt sich der zweite Aspekt des Films wieder, der Sozialdarwinistische. Dieser wird in erster Linie durch die – vom Vater als “Die Bösen” verorteten – Wegelagerer und Kannibalen verkörpert. Ihre Motive und Befindlichkeiten finden maximal als Subtext in der personalen Erzählweise des Romanes statt. Aber auch ihr Antrieb ist der nackte Kampf ums Überleben. Während Vater und Sohn in ihrer Zweisamkeit ihre Humanität bewahren, der Sohn diese durch seine Nächstenliebe gar ausbaut, haben sich die Bösen weit vom Menschlichen entfernt. Ihr Überlebenstrieb ist bestimmt vom Survival of the Fittest. Die schwachen Menschen dienen als Ernährungsquelle, als Opfer, werden wie Vieh gehalten und getötet. Dennoch verliert auch das Böse seine erschreckende Abstraktheit in der direkten Konfrontation. So lässt der Vater einen auf frischer Tat ertappten Dieb zur Strafe nackt am Wegesrand stehen. Der Sohn, der den Vater von der unbarmherzigen Sanktion abhalten will, beginnt zu weinen. “Er wird sterben”, wimmert er, stellt fest, dass der “Kriminelle” ebenso Angst hat. Angst, einer der stärksten menschlichen unmenschlichen Antriebe der gesamten Geschichte.

Bringst du es fertig? Wenn es so weit ist. Wenn es so weit ist, wird keine Zeit sein. Jetzt ist Zeit. Verfluche Gott und stirb. Und wenn der Revolver nicht funktioniert? Er muss funktionieren. Wenn er aber nicht funktioniert? Könntest du diesem geliebten Menschen mit einem Stein den Schädel einschlagen? Steckt in dir ein solches Wesen, von dem du nichts weißt? kann das sein? Halte ihn in den Armen. Genau so. Die Seele ist schnell. Zieh ihn an dich. Küss ihn. Schnell.

Wäre da nicht die dritte Ebene. Und diese ist weit entfernt vom Existenziellen und sozialdarwinistischen Kampf der klassischen Moderne. Es ist die Ebene, die der gesamten Erzählung einen mythologischen, spirituellen Überbau verleiht. Sie umfasst Metaphern, die sich in der Konversation zwischen Vater und Sohn abspielen: Die Sorge um das Feuer als Symbol der Hoffnung, die Träume und Geschichten von besseren Welten, das Streben in die Ferne… Hier bewegt sich “The Road” in einem wertkonservativen, religiösen Rahmen. Die Familie als letzter Anker, als letzter Hoffnungsschimmer, die Hoffnung auf Erlösung, der Flucht in eine präapokalyptische Transzendentalität. McCarthy lässt diesen Rahmen klassischer amerikanischer Werte konsequent in das Endzeitszenario einfließen. Diese Werte kämpfen gegen die sterbende Welt, werden von ihr zerdrückt, aber sie begehren auch gegen sie auf und lassen immer ein Stück Hoffnung zurück. Durch diese mystische, ungreifbare Ebene wird der kalte, dunkle Roman auch zu einem Manifest für das Erhabene, das Gute, das Schöne und das Wahre.

The Road osziliert ständig zwischen diesen unterschiedlichen Polen. Die greifbare transzendentale Obdachlosigkeit, Trostlosigkeit, Hoffnungslosigkeit der postapokalyptischen Welt kontrastiert mit der Kraft des Mythos und der traditionellen Werte. Das macht “The Road” einerseits ungemein amerikanisch, durchsetzt ihn andererseits aber vollkommen mit der Destruktion uramerikanischer Mythen. Die Freiheit ist hier Gefahr, die Suche nach Glück eine Sisyphos-Arbeit, das erhoffte Ziel eine Illusion. McCarthy hat mit “The Road” einen bildgewaltigen, in seiner Spartanik epischen Roman geschaffen. Das Minimalistische, Triste wird hier zum alttestamentarischen Feuer, das kleine Glück zur großen Prophezeiung, das postapokalyptische Amerika zum zerstörten Sodom. Die Straße ist ebenso pessimistisch wie optimistisch, auf kleines Glück aufmerksam machend und gleichzeitig an der universellen Sinnlosigkeit zerbrechend. Sinn suchend, nicht findend, weiter suchend und niemals aufgebend.  Ein herausragendes Werk zwischen leisen, puristischen Tönen und gewaltigem Endzeitdonner. Ein Roman der kämpft, kriecht, verzweifelt und hofft… Vielleicht stirbt irgendwann die Hoffnung, aber sie stirbt zuletzt.

2 Gedanken zu „Nackte Existenz – Rezension zu Cormac McCarthys postapokalyptischem Roman "Die Straße" (The Road)“

  1. Der Kinostart steht jetzt fest (7.10.) und ich bin wirklich gespannt, wie man einen so minimalistischen Roman auf die große Leinwand bringt. Ich vermute, dass die Geschichte um die Mutter ausgebaut wurde (spielt ja im Buch fast keine Rolle).

  2. Ich war sehr angetan von der Verfilmung. Die Atmosphäre des Buches ist gut eingefangen. Es wurde (fast) nichts unnötig aufgebauscht, sondern der ruhige, düstere Grundton beibehalten.

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