Kurzfilm der Woche: Inside

Ein bisschen im Seelenleben einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung rumwühlen… Trevor Sands Inside ist schon ein wenig plakativ, gleichzeitig aber perfekt bebildert, hat ordentlich Drive, weist eine gelungene Pointe auf und ist somit der weitaus bessere Mindfuck als ein bestimmter Hollywood-Mystery-Thriller mit ähnlicher Thematik.

Inside (2002)

Regie: Trevor Sands

Darsteller: Jeremy Sisto, Reedy Gibbs

Laufzeit: 8 Minuten

Im Kopf eklektisch, im Herzen frei – Das neue Album des Jazzpianisten Jason Moran: Ten

Déja-Vu-Alben sind im postmodernen Jazz keine Seltenheit. Man hat eben seine Ikonen und Vorbilder und scheut sich auch nicht diese zu verarbeiten, mit ihnen sie zu spielen und ihren Meisterwerken zu huldigen. So auch zu hören bei dem Pianisten Jason Moran, der nach Art in Residence (2006) satte vier Jahre gewartet hat, um neues Material zu präsentieren. Auf Ten tut er genau das. Und auch wenn sich der Begriff “neu” ohne Schwierigkeiten relativieren lässt, angesichts der zahlreichen Cover-Versionen, Reminiszenzen und Motivreanimationen, so ist Ten trotz allen Eklektizismus  doch ein fantastisches, frisches und originelles Album geworden.

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Lyrik der Woche: Arthur Rimbaud – Abschied (1871)

Heute ein kleines Werk des protosymbolistischen Dichters Arthur Rimbaud. In dem kurzen Gedicht “Abschied” werden bereits alle Motive der literarischen Moderne vorweggenommen: Aufschrei, Empörung, Resignation, Überdruss, die volle Bandbreite der transzendentalen Obdachlosigkeit. In der markanten Pointe steckt bereits das gesamte Fundament der modernen Lyrik, sei es nun Expressionismus, Symbolismus oder Futurismus.

Genug gesehn. Das Schaun ist allem Abschied längst begegnet.

Genug gehabt. Den Lärm der Städte, abends, und in der Sonne und allezeit.

Genug gehört. Das Leben stockt. – O Geräusche und Visionen!

Aufbruch voll Gefühl und Geschrei – neu!

Links fürs Wochenende

Wenn Dieter Walter erzählen soll, wie er sich seine Geschichten ausdenkt, lacht er und sagt: “Man schaut auf die Leserbriefseiten in Frauenmagazinen. Da stehen immer Probleme, die Leute dahin schreiben. Später habe ich erfahren, dass diese Fälle auch fingiert sind.” Und dass die Autoren der Leserbriefe ihre Stoffe wiederum in Heftromanen finden.

Die in jüngster Zeit veröffentlichten Arbeiten von Kepler und Galilei zur Kosmologie haben zu Recht für großes Aufsehen gesorgt. In diesem Vortrag sollen die erzielten Ergebnisse kritisch analysiert und gewürdigt werden.

Künstler wird dieses „SEO-Gedöns“ vielleicht nicht kümmern. Wichtig ist es dennoch. Aber noch ein ganz anderes, ebenfalls wichtiges Thema: Wie ist es eigentlich um die Wiedererkennung einer gelernten, und von vielen wertgeschätzten Marke bestellt? Das Redesign ist eine Zäsur, wie sie nicht schärfer visualisiert werden kann. Sind die Veränderungen in der Semperoper so umwälzend, dass solch ein Schnitt unumgänglich gewesen ist? Wurde die Oper zerstört und ist sie an anderer Stelle wieder aufgebaut worden?

Musik kann in uns hineinfahren wie ein Blitz. Sie kann zu Tränen rühren, zum ausgelassenen Tanzen verführen, uns an Orte und in vergangene Zeiten zurückführen. Wie kann das sein? Sprache, die mit der Musik sehr verwandt ist, erreicht uns immer über das Bewusstsein. Doch Musik trifft uns ganz unmittelbar, ohne dass wir ihren Inhalt analysieren müssen. Wie macht Musik das, was sie macht?

Alles Still? – Kurzrezension zu Yorck Kronenbergs Erzählung "Welt unter"

Und plötzlich ist keiner mehr da… Der namenlose Protagonist in Yorck Kronenbergs knapp bemessener Erzählung “Welt Unter” erwacht eines Morgens und stellt fest, dass er der letzte verbliebene Mensch in seiner Stadt ist: Verwaiste Straßen, verwaiste Geschäfte, verwaiste Häuser und das Gefühl der Einsamkeit, das zurückbleibt. Aber auch die Entschlossenheit, das Beste aus dieser Situation zu machen.

Die Prämisse ist nicht neu. Letzte Menschen auf stummen Erden… sie war zu lesen und auch im Kino zu sehen. Am prägnantesten und verzweifeltetsten wahrscheinlich immer noch in dem neuseeländischen Film von 1985 “Quiet Earth”. Yorck Kronenberg, der als erfolgreicher Pianist bisher eher weniger im Belletristischen gewühlt hat, versucht seiner Endzeiterzählung trotzdem eine eigene persönliche Note zu geben. Das gelingt ihm auch, zumindest partiell. weiterlesen

Frühherbstliches Tief aus Manchester – Rezension zu Hurts "Happiness"

Wir fassen mal zusammen: Von einem kleinen Beitrag in unserem Bandwatch, über die eher maue Wonderful Life EP hin zum neuen Chartswunder. Immer wieder sind es gerade die nicht vorhersehbaren Dinge, die umso heftiger einschlagen. Sind Hurts nun die neuen Polarkreis 18, die für lange Zeit mit dem Makel des One Hit Wonders behaftet sein werden oder haben wir hier gar die neuen Pet Shop Boys?

Hurts – Happiness

VÖ: 27.08.2010

Label: Four Music

Lasst uns nicht mehr von Retro reden, denn die vermeintlichen 80er Genres wie Synthiepop sind längst ein etablierte Sparte für sich, wenn auch eine bisher nicht sonderlich rühmliche. weiterlesen

Die 00er Jahre: Die besten Theateradaptionen und verfilmten Bühnenstücke des Jahrzehnts

Theater und Kino… zwei Medien, die allzu oft in einen Antagonismus gerückt werden, in dem sie sich nicht befinden müssen. Das Theater kann einiges vom Film lernen (und viele zeitgenössische, progressive Regisseure machen davon auch Gebrauch), genau so wie das Kino viel von der Bühne lernen kann. Zudem liefert die Theaterwelt schlicht und ergreifend eine unüberschaubare Menge hervorragender dramtischer Vorlagen, die durch die technischen Möglichkeiten des Films ganz neue Seiten offenbaren können. Es folgen die Filme der letzten Dekade, die diese Möglichkeiten am besten ausgeschöpft haben. Gelungene, präzise Bühnenadaptionen, Filme die sich ästhetisch am Theater orientieren oder einfach mit den begrenzten Möglichkeiten der Bühne auseinandersetzen. Anspruchsvolle Kammerspiele ebenso wie opulente Musicals. Postmoderne Avantgardewerke ebenso wie reanimierte Klassiker. Bühne frei! Direkt nach dem Klick…

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Musikvideo der Woche

Allerhand Grellbuntes und Beklopptes gibt es von den Brooklyn-Hipstern Yessayer. Wer mir übrigens die Adresse von diesem Club verrät bekommt zwei Wochen lang digitalen Gurkensaft für lau.

Yessayer – O.N.E. (2010)

Album: Odd Blood

Regie: unbekannt

Gentrifizierte Pop-Heroen – Das neue Album von Wir sind Helden: Bring mich nach Hause

Auch wenn sie es vermutlich nicht gerne hören: Wir sind Helden sind die Band der Berliner Gentrifizierung schlechthin. Aus der linksalternativen Subkultur entsprungen, Mastermind Judith Holofernes war zuvor als Straßenmusikerin und Solokünstlerin auf den Berlinern Kleinkunstbühnen unterwegs, dann der große Durchbruch, Erfolg auf der ganzen Linie bei Hörern und Kritikern, hipp, angesagt, irgendwie auch schick und sympathisch unbefangen, schließlich die ebenfalls wohlwollend aufgenommenen Nachfolger und schließlich die Babypause. Zum Schema passt, dass Holofernes trotz Kind nicht nach Zehlendorf ziehen will. Szenebezirk Kreuzberg bleibt eben die Heimat und dort kann man sich schließlich auch mit den Hörern und Freunden zwischen Design, Künstlertum und Start Up Gewinnern pudelwohl fühlen. Begleitet von viel Pop, ein wenig Unangepasstheit und der puren Freude am Leben.

Bleibt natürlich die Frage: Wo zieht es die Gentrifizierung hin, wenn sie mit langsam einsetzender Gesetztheit auf sich selbst zurückgeworfen wird. Mit “Bring mich nach Hause” liefern die Helden darauf nun die passende Antwort. weiterlesen

Animated Short der Woche: Big Bang Big Boom

Kreationismus suckt… so eine wahnsinnige Wall Painted Animation kann von den Intelligent Design Anhängern jedenfalls nicht erwartet werden. Hier taumeln Einzeller um Schrott herum, jagen große Fische kleine Fische auf verwaisten Parkplätzen, mutieren Echsen auf Straßenmauern und graben sich Krustentiere ihren Weg durch den großstädtischen Strand. Alles in wunderbar unperfekter Stop-Motion, entlang an Beton, Stein, Sand, Wasser, durch Türen, Fenster, Autos; mit Farbe und all dem anderen Material, das die urbane Landschaft hergibt. In diesem Sinne: Do the Evolution!

Big Bang Big Boom (2010)

Regie & Animation: Blu

Soundtrack: Andrea Martignoni

Wie vielfältig Grau sein kann – Zu John Hillcoats "The Road"

Die Liste der Endzeitfilme ist lang, sehr lang. Sie reicht von gesellschaftspersiflierenden Zombiefilmen („Night oft the Living Dead“), über grottenschlechte Cyborg-Geschichten („Cyborg“, „Nemesis“), Adrenalin-geschwängerten Actionern („Mad Max“ und jüngst „Book of Eli“), hin zu Meisterwerken der filmischen Dystopie wie Tarkowskis „Stalker“ und „Children of Men“ von Alfonso Cuarón. In der letzten Kategorie findet sich auch John Hillcoats „The Road“ wieder, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Cormac McCarthy.

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Kurzfilm der Woche: Your lucky Day

Kursiert derzeit  im Netz und ist trotz manchmal schwächelnder Dialoge äußerst charmant. Die schwarzhumorige Tragikomödie Your lucky Day erinnert ein wenig an 11:14 (zu finden bei den besten Composite Films des letzten Jahrzehnts) und ist ein bitterer, böser, spannender und kurzweiliger Low Budget Independentfilm…

Your lucky Day (USA 2009)

Regie: Dan Brown

Darsteller: Rider Strong, Phil Davidson, Pisay Pao

Laufzeit: 15 Minuten

Die 00er Jahre: Die besten Episodenfilme und Composite Films des Jahrzehnts

Wir haben auf unserem Weg durch die Kinodekade klar abgegrenzte Genres wie Tragikomödien, Erotikfilme, Thriller und Horrorfilme hinter uns gebracht, aber auch mit  diffusen Kategorisierungen wie Tarantinoeske Filme gearbeitet. Jetzt wirds wieder ein wenig knifflig. Die Genrekategorisierung “Episodenfilm” ist hinreichend bekannt, scheint jedoch ein allzu enges Korsett für so manches cineastisches Werk zu sein. Der klassische Episodenfilm nämlich – wie zum Beispiel Intolerance von D.W. Griffith (1916) – besteht aus in sich geschlossenen Episoden, die durch ein alles verbindendes Thema zusammen gehalten werden. Nun ist aber gerade das postmoderne Kino, was Episodenkonstellationen betrifft, gerne verspielt und alles andere als stringent. Durchgesetzt haben sich hier episodische Prinzipien, die keine kleinen abgeschlosssenen Teilhandlungen erzählen, sondern diese ineinander verzahnen, parallelisieren,  darin wild umher springen oder gar klassische Chronologien komplett aufbrechen. Als Wegfeiler seien nur Robert Altmans Short Cuts von 1993 und Quentin Tarantinos Pulp Fiction von 1994 genannt und es wird offensichtlich, wie unterschiedlich sich Kurzgeschichten jeweils in einem Film anordnen lassen.

Die englische Sprache bietet hierfür den Begriff des “Composite Films” an, der Filme bezeichnet die trotz ihrer Episodenhaftigkeit dicht gewebt sind, und aus deren einzelnen kleinen Plots sich komplexe Gesamtstrukturen bilden. Die deutsche Filmkritik und Theorie arbeitet hier noch öfter etwas ungelenk mit Begriffen wie Ensemble Drama, Sittengemälde oder verzichtet gleich vollkommen auf eine eindeutige Kategorisierung. Wir wollen an der Stelle mit den beiden Begriffen Composite Film und Episodenfilm arbeiten, denn bei den besten Filmen der Dekade finden sich sowohl klar strukturierte, aus einzelnen voneinander getrennten Segmenten bestehende Werke als auch eng ineinander verzahnte Filmkompositionen. Mitunter parallel erzählt (im 2000er Drama Timecode sogar zeitgleich im echtzeitlichsten Sinne des Wortes), mitunter in durchgeschüttelter Chronologie, mitunter scheinbar ohne klare Linie. Und damit wollen wir die Theorie auch Theorie sein lassen. Es folgen die besten vielschichtigen, mehrstimmigen, zusammengesetzten , fragmentierten, komponierten und arrangierten Werke des Jahrzehnts… wie immer nach dem Klick.

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Lyrik der Woche: Alfred Lichtenstein – Die Nacht (1912)

Ab sofort jeden Sonntag die Lyrik der Woche: Songtexte, Gedichte, klassische, moderne und postmoderne Verse. Von der Straße und aus den Bibliotheken, hochkulturell und im Gossenslang: Schmutzig, roh, wunderschön, elegisch, trocken und düster…

Den Anfang macht Alfred Lichtensteins zerfahrenes, melancholisches und modernes Großstadtporträt Die Nacht; erstveröffentlicht in der expressionistischen Zeitschrift “Die Aktion” (1912):

Verträumte Polizisten watscheln bei Laternen.

Zerbrochene Bettler meckern, wenn sie Leute ahnen.

An manchen Ecken stottern Straßenbahnen,

Und sanfte Autodroschken fallen zu den Sternen

/

Um harte Häuser humpeln Huren hin und wieder,

Die melancholisch ihren reifen Hintern schwingen.

Viel Himmel liegt zertrümmert auf den herben Dingen…

Wehleidige Kater schreien schmerzhaft helle Lieder.