Rezension zu "Songs Of Faith And Devotion" von Depeche Mode

Irgendetwas stimmt nicht. Das da oben – dieses bleiche Etwas, was durchgeschwitzt vor der Menge steht – das kann nicht Dave Gahan sein. Was ist nur passiert? Mit Dave – der noch so selbstbewusst im Rose Bowl vor 80.000 seine legendären Moves aufführte, mit seinem jugendlichen Charme und grandioser Performance das ganze Stadion für sich gewann und Depeche Mode den endgültigen Durchbruch in den Staaten bescherte. Denn Electro/Synthiepop war und ist – wie heute eigentlich immer noch – in den USA des Teufels. (Kann man sich den Cowboy in der einsamen Wildnis mit einem Keyboard unter dem Arm vorstellen?) Aber dieser Dave Gahan, der Black Elvis des Synthie Pop, gibt dem Ganzen eine Identifikationsfigur. Aber genau dieses Gesicht: Ganz bleich und ein Bartwuchs lässt nicht erkennen wie hager er geworden ist. Ein paar Strähnen von seinem Haupthaar fallen herunter und verzieren den ernst gewordenen Ausdruck, in den sich das Schicksal eines Gebrochenen gezeichnet hat. Der Rest der Band versteckt sich hinter kühlem Kraftwerk-Equipment, düsterer Bühnendeko und verstörenden Videocollagen, die Band-Intimus Anton Corbjin entworfen hat. Aber noch nicht mal dieser Schutz bleibt für die ganze Tour, die sich immer mehr als kaum bezahlbares Desaster herausstellt.

Depeche Mode muten ihren Fans einiges auf Faith and Devotion zu. Keine eher naiven Synthiepop-Spielereien oder hymnenhaften Popsongs, dafür oftmals schon fast atonale Klangemälde, die versuchen, sich mit Gospel, Country und Soul zu arrangieren. Schon der Einsatz einer E-Gitarre in der Single “Personal Jesus” war ein Schock. Die einstigen Tanzbärchen, sie zeigten schon auf Violator die Krallen und sind nun erwachsen geworden.

Die Studioaufnahmen sind zermürbend, da Dave Gahan seine Drogensucht immer weniger unter Kontrolle bekommt, die Spannungen nehmen schon während der Arbeiten immer weiter zu. Gerade diese Zerrissenheit, dieses Zurückziehen in Dunkelheit, die vor Verletzungen schützen soll und das Ganze wie eine dunkle Materie umgibt, ist die Essenz dieses Albums. Es ist die ehrlichste und authentischste Platte, die Depeche Mode je gemacht haben, jeder legt hier seine Seele offen und kann dabei trotzdem den anderen nicht mehr ins Gesicht schauen.

In den Gospelsong „Comdenation” legt Dave Gahan all seinen Schmerz und steigert sich hinein, obwohl seine Stimme kaum noch Kraft besitzt. Das Bild des perfekten Goth-Sunnyboys, der er einfach nicht mehr sein will, zeigt immer mehr Risse. Die Zeichen der Grunge-Zeit stehen nun mal auf Depression, ein depressiver Junkie namens Kurt Cobain ist das neue Sprachrohr einer ganzen Generation. Dave findet auch hier sein Zuhause und versucht sein zerstörtes Selbstbewusstsein durch Rockstar-Attiüde und Drogen zu überdecken.

Sein Bandkollege Martin Gore erweißt sich zwar als kreativer Mastermind, aber was ihm an Genie gegeben ist, fehlt ihm einfach im menschlichen Bereich. Auch er kann den offensichtlichen Niedergang der Gallionsfigur Gahan nicht aufhalten. Der sucht allerdings auch keine Hilfe, sondern will den Grungesound in den kühlen Synthie-Pop integrieren, was den Anderen gar nicht gefällt und einen Graben reißt. So verlaufen die Studioarbeiten zermürbend, Kommunikation untereinander findet kaum oder gar nicht statt. In den ersten beiden Wochen der Studioaufnahmen in Madrid kommt es zu keinem nennenswerten Ergebnis, so dass Hamburg als nächster Aufnahmeort ausgewählt wird. Hier zeichnet sich auch ein Kompromiss zwischen Gahans Ambitionen und Wilders eher konservativer Herangehensweise ab. Der Electro-Blues von “Personal Jesus” wird weiter entwickelt und so kommen auch eher für Depeche Mode fremde Elemente wie Soul und Gospel dazu, die Dave Gahans Stimme sehr oft in den Focus rücken, Gore kann hingegen seine Vorliebe für Blues zum Ausdruck bringen. Trotzdem hat Songs of Faith and Devotion die düstersten Electrosounds der DM-Discographie und hat Intensität, die die Band erst wieder mit „Playing the Angel” erreicht. Vieles klingt kein bisschen veraltet sondern könnte aus der heutigen Zeit stammen. Das Album erreicht nicht die Hitdichte von Violator, sondern ist für DM ungewöhnlich experimentell und fortschrittlich Das ist wohl ein Grund dafür, warum es das am meisten und kontroversesten diskutierte Album der DM-Historie ist.

Die Selbstzerstörung, der offensichtliche und auch ehrlich rübergebrachte Schmerz, der Gahan und Gore bis an das Limit der Psyche bringt, das Scheitern im großen Stil sind die Gründe, warum auch dreizehn Jahre später immer noch eine unglaublich Faszination von dem Album ausgeht. Diese Platte ist auf Augenhöhe mit den kaputten Klangkonstruktionen der Nine Inch Nails, nur der unbedingte Wille zur Hymne trennt Songs of Faith and Devotionen vom großen Bruder „The Fragile”. Depeche Mode ziehen ihre größte Inspiration aus dem Schmerz, diese Aufnahmen waren ein Trauma und haben Alan Wilder dazu bewogen, auszusteigen. Dave Gahan wird – ausgebrannt und depressiv – kurz nach der Welttournee im Jahr 1995 („Die Tour war ein Martyrium für mich”) versuchen, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Zum Glück ist uns ein weiterer Rock-Martyrer erspart geblieben und so wie es aussieht, geht der Fluch wohl augenblicklich auf Mastermind Martin Gore über, der nach einer eher poppigen Phase mit Playing the Angel versucht, seine Scheidung und den damit verbundenen Trennungsschmerz zu verarbeiten. Trotzdem, so schön gelitten wie hier hat man seitdem nie wieder.

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