Walhalla Rising – Ein Annäherungsversuch

Nicolas Winding Refn, bekannt geworden durch die im kriminellen Milieu angesiedelte Pusher-Triogie, bietet mit seinem neuen Film Walhalla Rising ein visuelles Erlebnis von meditativer Tragweite, die nicht mal durch die Darstellung roher, körperlicher Gewalt unterlaufen werden kann. Bereits mit seinem Film Bronson aus dem Jahr 2008 malte Refn eine wahnsinnige Poesie der Gewalt auf die Leinwand. In Walhalla Rising schlägt er zwar andere Töne an, dennoch entbehrt der Film nicht einer gewissen Rauschhaftigkeit, auch wenn sie sich gemächlicher gebärdet.

One-Eye (Mads Mikkelsen) dient seinem Herren als eine Art Kämpfersklave und wird nur zum Zweikampf aus seinem Käfig gelassen. Er spricht nie und er verliert nie. Wie eine stumme Naturgewalt, die man einsperren und fesseln muss, steht er ständig unter Beobachtung. Ein kleiner Junge gibt ihm zu Essen und zu Trinken. Nachdem One-Eye ausbricht lässt er den Jungen als Einzigen am Leben, er wird sein „Sprecher“. Sie treffen auf christianisierte Wikinger, die den Kämpfer One-Eye in ihre Kreuzfahrtpläne einbinden. Doch schließlich gelangen sie nicht in das gelobte Land, sondern es wird eine Reise in die Hölle.

Refn kombiniert in diesem Film Elemente der nordischen Sagenwelt mit dem Mythos der vorkolumbianischen Entdeckung Amerikas und christlichen Vorstellungen vom Weltende. Das Ergebnis ist ein antithetisches Spiel zwischen rauer Physis und zarter Psyche. Das macht den Film ein wenig unnahbar, gleichzeitig aber entsteht dadurch auch ein Sog dem man sich bereitwillig hingibt. Das liegt auch an den eingefangenen Seelenlandschaften die an Werner Herzog erinnern, oder an die Kontemplationen eines Andrei Tarkowskis. Walhalla Rising ist die kalte und brutale Version dieser Herzog-Tarkowski-Phänomene. Die Brutalität wird nicht nur durch die expliziten Gewaltdarstellungen hervorgerufen, sondern auch durch den Kontrast zu der Stille des Protagonisten, und der Wortkargheit und Ruhe der Figuren, deren raue und kalte Seelen in die Landschaft hinein gezeichnet wurden. Das romantische Konzept der Seelenlandschaften wird hier mit einer beeindruckenden Tiefenwirkung auf den Punkt gebracht.

Unklar ist noch, ob es diese conradsche Reise ins Herz der Finsternis in die Lichtspielhäuser schafft, oder direct to DVD veröffentlicht wird. Einen Besucherzustrom wird dieses Werk, auf Grund seiner Außerordentlichkeit, leider kaum auslösen. Vor allem wenn man nicht filmisch „vorbelastet“ ist, ist dem Film schwer beizukommen, es sei denn man hat einen Faible für Landschaften, oder für kalte und düstere Stimmungen. Dabei legt der Film es aber auch gar nicht darauf an, ausgedeutet zu werden, vielmehr stellt er sich dar als unerschütterliches Naturdenkmal. Den Figuren, welche sich als christliche Kulturbringer betrachten, haftet das stumme Natürliche noch an, so schweigsam und brutal sind sie. Anzumerken wäre außerdem, dass sich Walhalla Rising, wegen der Realistik seiner Kampfchoreographien und der verhältnismäßigen Unspektakularität seiner Figuren, ausnimmt wie eine Art „Anti-300“. Dieser Film wirkt wegen seiner einzigartigen Poetik gänzlich anders als das um Aufmerksamkeit buhlende „Hollywood-Schlachten-Kino“, wie es jüngst bei “Kampf der Titanen” kaum aushaltend zu sehen war.

4 Kommentare zu “Walhalla Rising – Ein Annäherungsversuch

  1. Schönes Review zu einem FIlm, der sich wirklich einbrennt.
    Was “Apocalypse Now” für den Kriegsfilm und “2001” für den Science-Fiction-Film ist, das stellt für mich “Valhalla Rising” für den Wikinger-Film (?) dar. Wirklich mehr atmosphärischer Rausch als Film. Pflicht für Cineasten.

  2. das ist wahr. und jetzt warten wir alle sehnsüchtig auf “Enter the Void”, ein Rausch ganz eigener Art…
    wenn dir die genannten Filme so sehr gefallen, dann guck mal “Stalker” von Andrei Tarkowski!)

  3. Ja, auf “Enter the Void” warte ich auch sehnsüchtigst, Kino wie dieses ist leider viel zu selten. Mein letzter (und Lieblings-) Rausch war “Antichrist”. Und lustig: “Stalker” mittlerweile schon 3 mal geguckt, aber genau der erreicht mich einfach nicht. So ganz und gar nicht. Bin im allgemeinen auch kein Tarkowski-Fan, seine Filme haben unübersehbare Stärken, aber für mich auch zu viele Schwächen. Nicht mein Regisseur :) Beispiel: Solaris, halte Soderberghs Version für einen Sci-Fi-Klassiker und den von Tarkowski für ganz ok. (Ich weiß, die meisten denken andersrum.) …sorry, für’s Abschweifen.

  4. Kann ich ganz gut nachvollziehen: Mit der ganzen “esoterischen” Botschaft von Stalker habe ich auch so meine Probleme und “Solaris” kommt imho weder bei Soderbergh noch bei Tarkowski ans Original heran (finde beide “nur” okay, in etwa gleichwertig mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen). Mein Lieblings-Tarkowski ist “Spiegel”, da scheint er mir wirklich in der Hochphase seines Schaffens.
    Bei Valhala Rising bin ich immer noch unschlüssig… Verlässt sich meiner Meinung nach hin und wieder zu sehr auf seine Bilder (zu Ungunsten der Geschichte): Aber die haben es dafür auch wirklich in sich.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>