Der grantige Liebhaber – Zum 90. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki

Es ist noch gar nicht so lange her, als er das letzte Mal für Aufsehen gesorgt hat. Anlässlich des deutschen Fernsehpreises 2008 sollte Marcel Reich-Ranicki für sein Lebenswerk und die legendäre Sendung “Das literarische Quartett” ausgezeichnet werden. Er nahm den Preis nicht an, ließ Moderator Thomas Gottschalk und die gesamte versammelte TV-Riege im Regen stehen und nutzte seine Bühnenpräsenz zudem für einen Rundumschlag gegen die aktuelle deutsche TV-Landschaft. Um klare Worte war er nie verlegen, egal ob im Kritikerduell mit Sigrid Löffler, dem Streit mit seinem ehemaligen Freund Joachim Fest oder in den zahllosen Literaturrezensionen, von denen der Öffentlichkeit primär die Verrisse in Erinnerung geblieben sind.

Aber woher rührt das Phänomen Marcel Reich-Ranicki? Wieso wurde ausgerechnet dieser manchmal grantige, manchmal cholerische Mann zur großen Ikone der deutschen Literaturkritik. Wieso ist ausgerechnet er zum Kritikerpapst aufgestiegen? Natürlich ist seine Popularität eng mit seinen exzentrischen Auftritten beim Literarischen Quartett verknüpft, eine Sendung, die für die Hochliteratur das leistete, was Guido Knopp für die Geschichtswissenschaft versuchte: Die Popularisierung, die Öffnung des Faches für ein großes Publikum, das Heraustreten des Feuilleton aus dem bildungsbürgerlichen Nimbus hinein ins populärwissenschaftliche Lager. Eine Tatsache aus der Marcel Reich Ranicki übrigens selbst nie einen Hehl machte. So schrieb er in seiner Autobiographie “Mein Leben”:

Gibt es im “Quartett” ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich.

Das Besondere, das Marcel Reich-Ranicki von anderen Popularisierern der Hochkultur für den öffentlichen Bereich abhebt, ist, dass er dennoch dafür nie seinen bildungsbürgerlichen Habitus abgelegt hat. Im Gegensatz zu anderen Hohepriestern der Kultur und Wissenschaft hat er sich nie an sein Publikum angebiedert, ganz im Gegenteil. Es scheint fast, als hätte er sich mit wachsendem Erfolg mehr und mehr in seiner traditionellen – mitunter elitären – Sichtweise auf die Literatur und den Literaturbetrieb verhärtet, gerade so, als wolle er damit dem Ausverkauf seines Charismas vorbeugen. Marcel Reich-Ranicki popularisierte nicht einfach die Literaturkritik sondern das bildungsbürgerliche Naserümpfen dabei. Wirklich gut kam er immer dann an, wenn er Bücher verriss, noch besser, wenn er dies mit unzähligen Verweisen auf großartige vergangene Werke zierte und am besten wenn er seiner Ablehnung der aktuellen Literaturlandschaft lautstark und cholerisch Luft machte. Somit waren seine Darbietungen mitunter fast schon Karikaturen eines elitären Kritiker- und Feulliton-Habitus, zähnefletschende Verteidigungen der literarischen Hochkultur vor vermeintlich unpassenden prekären Einflüssen.

Aber man wird dem Kritiker und Feuilletonisten Reich-Ranicki nicht gerecht, wenn man ihn auf die lautstarken Vorträge inklusive gerolltem R und prätentiösen Zungenschnalzen reduziert. Viel mehr wird man dies, wenn man den Ursprung des kulturellen Zeder und Mordio betrachtet. Marcel Reich-Ranicki war Zeit seines Lebens ein ausgesprochener Liebhaber der Literatur, der gehobenen Sprache, aber auch der Originalität und Experimentierfreude, die in guter Belletristik stecken kann. Marcel Reich-Ranicki war in erster Linie immer Leser. Leser mit und aus Leidenschaft, Leser mit Freude und Leser mit einem Auge für die Sinnlichkeit guter Literatur. Nur ein wahrer Liebhaber kann derart erzürnen, wenn er sein geliebtes Medium vermeintlich verschandelt sieht. Ein Blick in die (mehr als lesenswerte) Autobiographie genügt, um nachzuvollziehen, wie sehr Marcel Reich-Ranicki in seinem geliebten Element aufging. In dem hervorragenden Bestseller – der selbstverständlich auch mit dem klassischen Reich-Ranicki-Habitus ausgestattet ist – wird deutlich, wie weit die Liebe dieses Mannes für das Medium geht. Da hagelt es Reminiszenzen an Shakespeare, Schiller Goethe, da gibt es Verweise auf Brecht, Mann, Lenz und viele andere und aus jeder literarischen Erwähnung spricht die pure Leidenschaft für Worte, Sätze und Bücher.

Marcel Reich-Ranicki ist nunmal ein echter Liebhaber, so wie er in der aktuellen, mathematischen, dekonstruktivistischen und durchkalkulierten Feuilleton-Landschaft nur noch selten zu finden ist. Vielleicht ist er sogar einer der letzten seiner Art, eines aussterbenden kulturell sorgfältigen, genießerischen Bildungsbürgertum, jemand, der die Zeit der kurzfristigen Unterhaltung, des schnellen Genusses nicht mehr versteht und wohl auch, Gott sei Dank, nicht mehr verstehen wird. Ein echter Liebhaber eben, und ein grantiger noch dazu. Heute feiert er seinen 90. Geburtstag und für die Art, wie er Literatur sieht, wie er mit ihr umgeht und wie er seine Leidenschaft hegt, pflegt und lebt, gebührt ihm der allergrößte Respekt. Herzlichen Glückwunsch Herr Reich-Ranicki und wagen sie es ja nicht altersmilde zu werden.

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