Klassiker des selbstreflexiven Kinos – Klappe die Siebente: David Cronenbergs "Videodrome" (1983)

In den 70ern war Cronenberg ein wichtiger Vertreter des Venereal Horrors, des geschlechtlichen Thrills und schrieb mit Filmen wie „Shivers“ und „Rabid“ Horrorfilmgeschichte. Schon hier kündigte sich sein großes Thema an: Die menschliche Organik und der Verrat des Körpers am Geist. In „Videodrome“ zeigt er in einer explizit verdinglichten Feedbackschleife die Auswirkungen von Fernsehen auf den menschlichen Geist und Körper.

Wir befinden uns in einer überzeichneten Welt der Achtziger Jahre. Max Renn (James Woods) ist Inhaber des kleinen Senders Civic TV. Renns Sender fängt da an wo gewöhnliche Sender aufhören: Civic TV zeigt ausschließlich Pornographisches und Gewalt. Daher ist Max ständig auf der Jagd nach neuem, härterem Material, das er in Civic TV verarbeiten kann. Da stößt einer seiner Mitarbeiter auf Videodrome, das offensichtlich über eine Piratenfrequenz ausgestrahlt wird und stets im selben Raum stattfindende Folterungen zeigt. Max ist sofort fasziniert und beginnt Nachforschungen anzustellen, um Videodrome in seinem Programm aufzunehmen. Außerdem beginnt er zunehmend zu halluzinieren. Er stößt auf den Medienwissenschaftler Brian O´Blivion, der sich ausschließlich über Videoband an die gesellschaftliche Umwelt wendet. Von ihm erfährt Max den Grund für seine Halluzinationen. In Wahrheit geht es bei Videodrome nicht darum Folterungen zu zeigen, sondern das unter den Bildern befindliche Videodrome-Signal lässt einen Gehirntumor entstehen, der Halluzinationen auslöst. Videodrome stammt nicht von einem Piratensender, sondern ist das Produkt der Brillenfirma Spectacular Optical, die Civic TV nutzen will um Videodrome landesweit auszustrahlen.

„Videodrome“ ist ein äußerst interessanter Film, aber nicht einfach zu kategorisieren. Man findet darin  sowohl Elemente des Horrorfilms, als auch des Verschwörungs-Thrillers. Vor allem aber ist „Videodrome“ eine groteske Auseinandersetzung mit der Mediengesellschaft, speziell dem Fernsehen. Genauso wie sich das Videodrome-Signal als die Konzentrierung aller entfremdenden und zerstörerischen Tendenzen der Fernseh- bzw. Video-Gewalt-Kultur darstellt, so ist der Film selbst die Bündelung verschiedener Ideen, theoretischer Ansätze und Genreelemente seines eigenen Themas. Deshalb wurde Cronenberg zu Unrecht vielfach vorgeworfen, dass er das bediene was er selbst kritisiere und daher die Medienkritik verfehle. Trotz der zeitlichen Kategorisierung verliert der Film dabei nicht an Aktualität.

Cronenberg zeigt uns in karikierender Weise und verzerrter Gestalt wie Fernsehen und Medien unsere Realität beeinflussen, ja sogar erschaffen. Er lässt „Videodrome“ als verzerrte Kopie der gesellschaftlichen Fernseh-Realität der Achtziger Jahre auftreten. So gibt es zum Beispiel „Kathodenstrahlmissionen“, eine Einrichtung für finanzschwache Bürger, um ihre tägliche Dosis Fernsehen einzunehmen. „Fernsehen wird ihnen dabei helfen sich in den Wirren des Lebens wieder zurechtzufinden.“ erklärt Bianca, die Tochter des Mediengurus Brian O´Blivion. Dieser, ausschließlich per Video sich äußernde, bezeichnet den Fernsehschirm gar als zweite Netzhaut.

„Das Fernsehen ist Teil der physischen Struktur des Gehirns. Alles was das Fernsehen zeigt sind neue Erfahrungen. Deswegen ist Fernsehen Realität. Realität ist nichts ohne Fernsehen.“

Dies kommt nochmal besonders zum Ausdruck als Max erfährt das O´Blivion schon eine Zeit lang tot ist und nur noch auf tausenden Videobändern „existiert“.

Die Einwirkung der Gewalt-Kultur auf unseren Geist wird in expliziter und einzigartiger Weise verbildlicht. Cronenberg verschränkt die Bilder der Medien mit der menschlichen Organik, als Ausdruck des Rückwirkens dieser Bilder, welche aus menschlichen Gehirnen stammen, zurück auf eben jene Gehirne. Fernsehen wird zu einer Art zweitem Geist. Das Fleisch, unser Gehirn erzeugt diese Bilder und diese wirken rück auf das Fleisch und verändern dieses. So verschwimmt der Unterschied von Phantasie und Realität, da im Videobild beides miteinander verschmilzt. Eben dies zeigen uns die Bilder dieses Films.

In Max Halluzinationen werden Videokassetten lebendig und atmen, ebenso das Fernsehgerät, aus dem außerdem eine auf den Zuschauer gerichtete Pistole herausragt. Da in den Achtzigern die Spezialeffekte noch nicht computergeneriert waren, greift Cronenberg z.B. in der Pistolenszene auf gummiartiges Gewebe zurück, wodurch wiederum das Organische viel direkter zum Ausdruck kommt. Das gleiche gilt bei den atmenden Videokassetten. Die Verinnerlichung des Gesehenen wird bildlich exemplifiziert in der Szene, als Max sich eine Pistole in eine vaginaähnliche Öffnung in seiner Bauchdecke steckt und diese dort dann verbleibt. Die Gewalt wird verinnerlicht, es findet eine Befruchtung statt und es entsteht das neue Fleisch, das neu programmierte Gehirn. In die gleiche Richtung geht die Medientheorie des Medienphilosophen Vilém Flusser. Da das Fernsehen keine reversiblen Kabel habe, finde auch keine Kommunikation im eigentlichen Sinne statt, sondern eher ein Diktat, da der Empfänger gar keine Möglichkeit habe sich auf den Sender kommunikativ zu beziehen. Da nun in den Achtzigern und Neunzigern das Fernsehen das vorherrschende Medium war, wurde die Realität die es erschuf noch dadurch verstärkt, dass seine Konsumenten nach dem Fernsehkonsum sich darüber austauschten und somit eine vom Fernsehen geprägte ja sogar diktierte Realität entstand. Das Fernsehen hatte Recht weil die Mehrheit es gesehen hatte und sozusagen die gleiche Erfahrung gemacht hat.

Cronenbergs Vison der filmischen Selbstrefkexivität ist ganz und gar verkörperlichter Geist, neues Fleisch. Während Godard die Schaffung der Begierde durch den Film offenbart und Fellini das Traumartige und Phantastische der montierten Bilder thematisiert, werden diese geistigen Komponenten bei Cronenberg zu einem organsichen Ausfluss von Geist. Die Begierde und der Traum erhalten eine Organik und kennzeichnen so ihre organische Herkunft. Das was Croneberg uns zeigt ist das Wirken des Körpers durch den Geist und umgekehrt, das Wirken des Geistes durch den Körper. Es ist ein Moment der Verschränkung, was er versucht aufzuzeigen. Da in Cronenbergs Frühwerk das menschliche Bewusstsein stets mit Angst besetzt gezeigt wird, steht der Verrat des Körpers am Geist und somit die Übermacht des Unbewussten über das Bewusste, auch stets Vordergrund.

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