Lugspiel, Trugspiel, Schauspiel – Rezension zu Siegfried Lenz' Novelle "Landesbühne" (2009)

Manchmal muss die Wahrheit erfunden werden. Mit dieser Losung legt Siegfried Lenz (Deutschstunde, Fundbüro) bereits den ersten wichtigen Grundstein zu seiner neuen Novelle Landesbühne. In der knappen, 120seitigen Erzählung geht es um das Zusammenspiel – nicht den Gegensatz – von Schein und Sein, die Macht der Freundschaft und unbeugsamen Optimismus. Mehr denn je haftet Lenz seinem Realismus das Attribut magisch an und erzählt dadurch eine Geschichte, die sich weder um Wirklichkeitstreue noch um dramatische Überhöhung kümmern muss.

Isenbüttel ist eine kleine Haftanstalt irgendwo im Norden Deutschlands. Dort sitzt auch der Protagonist und Erzähler Clemens, der Professor, so wie er von seinem aufgeweckten Zellengenossen Hannes genannt wird. Hannes ein ehemaliger Betrüger und Lebemann will sich mit der Situation hinter Gittern nicht anfreunden und heckt daher immer wieder neue Fluchtpläne aus. Als die berühmte fahrende Theatergruppe Die Landesbühne das Gefängnis besucht, sieht er erneut seine große Chance gekommen. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Häftlinge, darunter auch Clemens, kapert er den Bus der Gaukler und sie gelangen mit diesem überraschend unbehelligt in die Freiheit. Auf ihrer Flucht machen sie Zwischenhalt in dem kleinen Städtchen Grünau und werden prompt für die fahrenden Schauspieler gehalten, in deren Bus sie sich immer noch befinden. Eine beeindruckende Chordarbietung und improvisierte Bauchrednernummer später werden sie gar zu den Ehrengästen des Grünauer Nelkenfestes erklärt. Den Duft der Freiheit verspürend und den unerwarteten Ruhm genießend, beehren sie das ostdeutsche Nest weiterhin mit ihrer Anwesenheit, ständig in Gefahr enttarnt und wieder nach Isenbüttel verfrachtet zu werden.

Mit Landesbühne hat Siegfried Lenz eine fantastische Erzählung geschrieben, im wahrsten Sinne des Wortes. Ebenso unglaublich wie die einfache Flucht erscheint auch die gesamte restliche Handlung der kurzen Novelle. „In jedem Leben gibt es unsichere Zwischenräume, schwebende Zustände, deren Bedeutung zum Vorschein kommt durch Erfindung“ lässt Lenz seinen Erzähler äußern und gibt damit die Richtlinien für die erzählte Geschichte vor. Mehr als die tatsächlichen Geschehnisse steht die Erzählung und deren tieferer Sinn selbst im Mittelpunkt. Die Geflohenen befinden sich nicht ständig auf der Flucht, nicht in Angst davor erwischt zu werden, sondern sie kosten die Freiheit in vollen Zügen aus. Ihr Status als Ehrenbürger Grünaus, als talentierte Künstler, Wissenschaftler und Unterhalter bleibt lange Zeit unangetastet. Natürlich ist das alles zutiefst naiv, blauäugig und fernab von der Realität des deutschen Strafvollzugs. Die Inhaftierten sind durch die Bank sympathisch, sitzen wegen kleinerer Bagatelldelikte und Betrügereien. Gewalt gehört nicht zu ihrem Repertoire, ebenso wenig Misstrauen und Machtkämpfe. Stattdessen sind sie eine kameradschaftliche Ansammlung, netter, schelmischer Knastbrüder.

Ebenso nostalgisch wie der Blick auf die Verbrecher ist auch der Blick auf das Szenario geraten. Landesbühne wirkt durch seinen warmherzigen, philanthropischen Blick auf die Welt zeitlos, ortlos und schwebt ganz sachte in phantastische Gefilde ab. Grünau ist das Muster eines braven, friedlichen Dorfes, seine Bewohner sind zufriedene, freundliche und dennoch interessante Menschen, das ganze Geschehen wird von einem traumhaften Weichzeichnerton überzogen. In diesem kann sich Siegfried Lenz sprachlich voll und ganz austoben. Nicht ohne Grund gibt es eine feine Reminiszenz an Theodor Fontane und die Literatur der Sturm und Drang Generation. Lenz pflegt seine Vorbilder, ihren verklärten, romantisierenden Blick auf die Welt und ihren Umgang mit schweren Themen. Er spart nicht mit mythologischen, religiösen Bezügen, stülpt diese allerdings nie der Novelle über, sondern lässt sie stets im Dienste der Erzählung vorbeischleichen.

Und genau jene einfache, romantisierte Erzählweise öffnet sachte den Blick des Lesers für die kleinen, unaufdringlichen Subtexte der Geschichte. Das beginnt bereits bei dem parabolischen Grundgerüst, in dem sich Realität und Bühne in einem gemeinsamen Kontext abspielen. Wie selbstverständlich wird einem Schauspieler mitten in einer Vorstellung eine silberne Nelke – als Zeichen der Anerkennung – angeheftet, ein Requisit findet sich als symbolisches Schmuckstück in der Zelle selbst wieder und die Entflohenen nutzen die gesamte Ortschaft Grünaus als ihre eigene Bühne. Neben dieser Vermischung von Inszenierung und Wirklichkeit sticht der Umgang der Menschen miteinander hervor: Die entflohenen halten zusammen und ordnen sich gemeinsam ihrem Spiel unter, in dem jeder seine ganz persönliche Rolle einnimmt: Sei es der ehemalige Professor, der Vorträge zum Sturm und Drang hält, sei es der korrupte Schiedsrichter, der in einem Freundschaftsspiel endlich wieder seiner Profession nachgehen darf, oder sei es der Betrüger und Schelm der ein ganzes Heimatmuseum organisiert. In dem großen Schauspiel werden die ehemaligen Häftlinge wieder zu Menschen und Individuen, ohne jedoch den Sinn für die Gemeinschaft einzubüßen: Daher wird auch eine gestohlene Vereinskasse klaglos zurückgebracht, ein korrumpierendes Foto zerrissen und in stillem Einvernehmen im örtlichen See gemeinsam gebadet. Landesbühne sprüht nur so vor Menschlichkeit, völlig losgelöst von dem Zwang authentisch oder wirklichkeitsnah zu sein. Die Realität wird gebogen, gedehnt und verklärt um einer zutiefst humanistischen, optimistischen Botschaft zu weichen.

Da wirkt es fast schon befremdlich, wenn gegen Ende in narrativen Zeitraffern das ein oder andere Mal doch die raue Wirklichkeit zuschlägt. So sehr es Lenz gelingt, mit seiner feinen, bedächtigen Feder den Leser für das Heile Welt Szenario zu gewinnen, so sehr kann er ihn auch plötzlich auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Dort hagelt es dann Verweise auf Samuel Beckett, Verzweiflung am Leben und Suizidgedanken. Ob dieses abrupte Störfeuer nötig gewesen wäre, ist eher fraglich, wirkt es doch fast wie ein unangenehmer Fremdkörper in dem sonst herrlich undramatischen, warmherzigen Geschehen. Dennoch ist auch hier wieder einmal ein Siegfried Lenz in Höchstform anzutreffen. Ein schönes, ruhiges und auch nachdenkliches Werk, eine wehmütige Erzählung und ein Lobgesang auf die Vorteile der Fiktion gegenüber der Wirklichkeit. Lenz ist in seinem ganz eigenen magischen Realismus angekommen und lässt nur hoffen, dass uns aus dieser Welt noch weitere zauberhafte Werke erreichen.

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