Gute Seele – Rezension zu Reinhard Meys neuem Album "Mairegen"

Reinhard Mey? Ganz klar, die Musik unserer Elterngeneration. Und ja auch schon ein bisschen spießig, irgendwie. Reaktionär würde da sogar so mancher sagen. Schlager für das Bildungsbürgertum, Liedermacherkultur für die Braven und Naiven, weitab vom rebellischen Gestus eines Wader oder Wecker. Viel Kitsch und dieses – zumindest in der Studioversion – grausige “Über den Wolken”, das sich zum Schlagerklassiker gemausert hat. Und als wäre das nicht genug, dann auch noch die Gartennazi-Geschichte, der Heckmeck mit diversen Internetfanprojekten, die nach Post von Meys Anwalt nach und nach ihre Tätigkeit aufgegeben haben um der offiziellen Website den Platz zu räumen. Reinhard Mey sympathisch zu finden, hat einem der eigentlich grundsympathische Liedermacher in den letzten Jahren immer schwerer gemacht. Und doch hält er wacker seine Stellung im deutschen Chanson-Himmel, füllt die Konzertsäle und überrascht immer wieder mit erstaunlich schönen, unprätentiösen und zurückhaltenden Folksongs. Unabhängig von medialem Aufruhr, Authentizität-, Kitsch- oder Sympathiedebatten hat Reinhard Mey ein durch und durch respektables  Œuvre vorzuweisen, eine über 40jährige Karriere mit Kritiker- und Publikumserfolgen.  Schlicht, ein Stück deutscher Liedermachergeschichte und nun 2010 auch wieder mit einem neuen Album am Start.

Mairegen, also. Auch wenn es durchaus nahe liegt, verbirgt sich hinter dem Titel kein Lamentieren über das miese Wetter dieses Sommers sondern eine kleine Metapher zum Wachsen, lernen und sich weiter Entwickeln. Weiterentwicklung als Thema klingt erst einmal paradox, wenn man sich Meys letzte Alben betrachtet. Diese bewegen sich nämlich schon seit geraumer Zeit in dem klassischen Mey’schen Kosmos zwischen Chanson,  Folk, Country, deutschsprachigem Poprock und -nunja- auch semi-peinlichen Schlagerhymnen. Das gilt zum Größten Teil auch für Mairegen. Am besten ist der Songwriter, Gitarrist und Sänger ohnehin wenn er auf allen Pomp, auf allen nötigen Beiklang verzichtet und nur seine Stimme und sein Instrument sprechen lässt. “Ein Stück Musik von Hand gemacht” eben. Leider ist das auch auf dem aktuellen Album viel zu selten zu hören. Auch wenn die Backgroundinstrumentierung wie schon auf den letzten Alben recht spartanisch bleibt, wird sie doch so manches mal aufdringlich, sentimental und kitschig. Ein reines Lo-Fi-Album vom Herren Mey ist in diesem Leben wohl nicht mehr zu erwarten und so muss man sich mit dem latenten, nervigen Hintergrundgeklimper irgendwie arrangieren.

Selbiges gilt für die sentimentalen Heile-Welt-Texte. Egal ob bei Antje, die ein Herz aus Gold besitzt, bei der Dankesrede für Gute Seelen oder im bereits erwähnten Titelstück. Mey ist nicht altersmild geworden, keineswegs: Er war schon immer so mild. Und wenn er mal bissiger werden wollte – wie beim reaktionären Antifemmimismusklassiker “Annabelle” – ging das meist in die Hose. Aber genug gemeckert. Denn Lieder schreiben kann Mey. Das steht außer Frage. Im schüchternen “Ficus Benjamini” darf sich dann auch mal die Hintergrundmusik zurückhalten, um einer feinen Liedermacherballade den Weg zu ebnen, intoniert von Meys gewohnt sanfter Stimme. Im wunderschönen Drachenblut verzichtet Mey auf jeden unnötigen Ballast und singt stattdessen eine tieftraurige, durch und durch authentische Ballade für seinen kranken Sohn.  Beim Nachtflug klingt sogar der unprätentiöse, schmeichlerische Pathos alles andere als peinlich und kann vielmehr ein paar kleine Schauer über den Rücken des Hörers jagen lassen. Dieser bekommt die gewohnten Mey’schen Themen geboten: Der Traum des Fliegens, Geschichten aus dem eigenen Leben wie beim besten Song des Albums, dem angenehm jazzig leichtfüßigen Spring auf den blanken Stein, ein bisschen Songwriternostalgie (Rotten Radish Skiffle Guys) und eine melancholische Heiterkeit, die nie allzu weh tut sind die Ingridenzien für Meys Lyrics, die zwischen schönen Bildern und peinlichen Sentimentalitäten pendeln. Das ist leider alles genauso vorhersehbar wie unspannend und erzählt auch wie die letzten soliden Alben nichts, was man von Herrn Mey nicht schon auf irgendeine Weise gehört hätte.

Mairegen ist gewohnt solide, unaufgeregt und unaufregend, bemüht tiefgründig, bemüht unprätentiös und viel zu oft ziemlich öde. Daran kann auch der kurze Bluegrass-Ausflug zu den Rotten Radish Skiffle Guys nur wenig ändern. Selbst die gewollt bissige Abrechnug mir Castingshows “Larissas Traum” wird vom erhobenen Zeigefinger derart zerdrückt, das auch der munter bitterzynische Refrain und der gefällige Pop-Rhythmus nicht aufzuwecken vermögen. Reinhard Mey steht da, wo er in den letzten Jahren schon immer stand: Als gut bürgerlicher Liedermacher, eine Bastion gegen alle neuen Einflüsse, in seiner sicheren konservativen Liedermacherwelt. Das ist nicht schlecht und Fans des Barden werden auch Mairegen lieben. Reinhard Mey spielt, Reinhard Mey singt, Reinhard Mey zaubert gefällige Lieder aus dem Hut und die Welt dreht sich weiter… auch wenn sie von diesem Album ein wenig ausgebremst wird.


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