3D-Kino – Zukunft oder Eintagsfliege? – Teil 2

In Teil 1 habe ich mich mit den Apologeten und Kritikern der neuen Technik auseinandergesetzt und einen Blick auf die aktuelle Real-D-Filmlandschaft geworfen: Das Zwischenfazit. Auf der einen Seite stehen die technikfeindlichen, konservativen Cineasten, auf der anderen die enthusiastischen, bildervernarrten Techniknerds. Beide Seiten haben wunderbare Argumente für und gegen die Technik und beide Seiten stehen in einer unendlich langen kulturellen Tradition des Generationenkonflikts. Die derzeitigen Filme, die eine vermeintliche kulturelle Evolution verkünden leben primär von ihrer Bildgewalt und stehen vollkommen unter dem Scheffel des gefeierten 3D-Effektes selbst. Bleibt die Frage: Wie evolutionär ist dieser? Wie verändert er Sehgewohnheiten und steckt in ihm tatsächlich das Potential die Kinowelt zu revolutionieren?

Der Effekt:

Wenden wir uns damit in einem kurzen Exkurs dem 3D-Effekt selbst zu, um davon auf sein mögliches Potential schließen zu können. Hier kann und darf das Bedürfnis der Zuschauer nicht außen vorgelassen werden und das scheint derzeit mehr als pro 3D zu sein. Nicht nur die Besucherzahlen der Kassenschlager Avatar oder Alice im Wunderland sprechen da Bände, sondern die gesamte Art, wie 3D momentan von der breiten Masse aufgenommen wird. Den Hype ausschließlich auf ausgeklügelte Marketingkampagnen und aggressive Werbung der Studios und Verleihe zurückzuführen wäre hier grob fahrlässig… Nein, es gibt ein offensichtliches Interesse an und ein Gieren nach den neuen Rezeptionsmöglichkeiten. Und diese ist keineswegs so jung wie die Technik sondern reicht bis in die Urzeit des Kinos zurück und zieht sich wie ein roter Faden durch die Filmgeschichte. Bereits die ersten Filme der Brüder Lumière – allen voran „L’arrivée d’un train à La Ciotat“ – arbeiteten mit der Technik der Raumtiefe. Beim Einfahren des Zuges in den Bahnhof und damit direkt Richtung Leinwandbegrenzung rannten die Zuschauer keineswegs – wie es uns so manche urban legend weismachen will – aus Angst vor einer Kollision aus dem Kino. Viel mehr waren sie beeindruckt von der verblüffenden Raumtiefe, die eine einfache Kameraeinstellung leisten konnte. Der erste Langfilm mit der lange Zeit marktführenden Rot-Grün-Technik „The Power of Love“ stammt gar aus dem Jahr 1922 und hat somit auch schon über 80 Jahre auf dem Buckel. Hinzu kommt die omnipräsente Verarbeitung des 3D-Wunsches in Fantasy und Science Fiction: Seien es dreidimensionale Hologramme in Filmen wie Star Wars und Blade Runner oder gleich ganz Holodecks in Star Trek. Die Zuschauer sehnen sich ebenso wie die Filmschaffenden seit jeher nach dem Aufbrechen der zweidimensionalen Leinwandkadrage, nach einem sehen direkt in der dritten Dimension, gerade so, als fände das fiktive Geschehen in der Realität statt.


Der Schwindel :

Aber tut es das? Erreicht es derzeit diesen Effekt? Die Antwort kann nur „wohl kaum“ lauten. Dabei ist es nicht einmal notwendig auf die ungelenken Faltpapier-Eindrücke eines „Alice im Wunderland“ oder das scheußliche Fake-D eines „Kampf der Titanen“ hinzuweisen. Auch die cineastische Referenz am 3D-Himmel, Avatar, hat mit den derzeitigen Schwächen der gar nicht so jungen Technik zu kämpfen. 3D ist Schwindel, egal wie Real-D es auch sein mag. Das hat Gründe die in der Technik selbst zu finden sind. Noch ist 3D auf der Leinwand nicht mehr als ein Trick. Die Dreidimensionalität ist zu jeder Sekunde vorgegaukelt, ein Schabernack, der dem Auge des Betrachters gespielt wird. Das ist per se nichts verwerfliches, arbeiten doch die besten Filme und größten Zauberer schon seit jeher mit der Mangelhaftigkeit des menschlichen Auges und mit der Leichtigkeit, mit dem sich dieses austricksen lässt. Das Problem beim cineastischen Real-D-Effekt: Das was dem Auge vorgegaukelt wird, bekommt es zu jeder Zeit und an jedem Ort in der Realität zu sehen. Der menschliche Blick ist ein dreidimensionaler. Räume und Objekte werden wie selbstverständlich von der Auge-Hirn-Koordination angeordnet, Perspektiven werden erzeugt und Größenverhältnisse im Geist angepasst. Wenn das Kino diese Verfahren derzeit nur ausreichend imitiert, führt das zu einem äußerst unintuitiven Blick in den scheinbaren dreidimensionalen Raum auf der Leinwand.

Das betrifft als erstes die Kadrage. Die Kadrierung der Leinwand ist seit jeher Fluch und Segen des Mediums. Sie verbirgt und verspricht. Der Rahmen der Leinwand gibt dem Film klare Grenzen, an dem sich der Rezipient orientieren kann. Gleichzeitig steckt in der Kadrierung auch immer ein Versprechen nach mehr. Mit dieser Technik arbeiten Horrorfilme ebenso wie Thriller und Dramen. Wir sehen nur einen Bruchteil des fiktiven Geschehens, wissen aber, das darüber hinaus weitaus mehr geschieht. So wird Spannung, Suspense und Aufregung erzeugt. Der 3D-Effekt kann diese Kadrage zwar erweitern, nicht jedoch sprengen, wie es in den derzeitigen Filmen allzu oft versucht wird. Sobald der Bruchteil eines Objektes – sei es nun ein Raum, eine Pflanze oder gar ein Mensch – aus der Leinwand hervortritt, verdeutlicht er ihre Grenzen. Der Zuschauer wird im Vergleich zur zweidimensionalen Kadrage stärker mit dem Wunsch konfrontiert, den Körper in seiner Gesamtheit zu sehen. Ein Wunsch, den ihm die Leinwand nicht erfüllen kann. Das Ergebnis ist ein unbefriedigter Blick auf einen allzu offensichtlichen unvollständigen Raum oder Körper.

Das zweite Problem liegt in der Schärfefokussierung. Das menschliche Auge ist es gewohnt, im dreidimensionalen Raum durch eigenständige Schärfeverlagerungen den Fokus von einem Objekt, von einer Stelle zur nächsten zu bewegen. Das Kino nimmt ihm traditionellerweise diese Aufgabe ab. In Filmen wird wie selbstverständlich mit Schärfeverlagerungen gearbeitet, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu steuern und zu lenken. Im zweidimensionalen Film ist dies auch kein Problem. Immerhin ist das Auge auf die Gesamtleinwand fokussiert. Finden nun dort partielle Schärfeverlagerungen statt, kann sich der Rezipientenblick dieser Lenkung anpassen, er kann sich voll und ganz in den Film fallen lassen, sich der Aufmerksamkeitssteuerung durch die filmische Schärfe hingeben. Bei 3D und Real-D ist das anders. Der Blick in den dreidimensionalen Raum eröffnet dem Auge die vermeintliche Option, sich durch Fokussierung zu orientieren. Kann es aber nicht. Wir haben es immer noch mit einer klar kadrierten Leinwand zu tun. Schlimmer noch, der 3D-Film selbst versucht die selbe Fokuslenkung wie im zweidimensionalen Kino. Das Ergebnis ist ein äußerst unangenehmer Eingriff in konditionierte dreidimensionale Sehgewohnheiten, der mitunter fast schon ärgerlich scheint und sogar zu einer regelrechten Desorientierung führen kann.

Drittens schließlich – eng mit den beiden ersten Problemen verwoben – ist es der dreidimensionale Blick gewohnt, Objekte und Räume zu perspektivieren und zu umfassen. Der intuitive Blick forciert die Rundumbetrachtung eines dreidimensionalen Objektes. In der Realität ist das ganz einfach. Wir drehen das Objekt selbst, betrachten es so von allen Seiten, oder – alltäglich stattfindend – Wir ändern unsere Blickrichtung, neigen unseren Kopf, lassen unsere Augen wandern. Im zweidimensionalen Kino wird der Instinkt zum räumlichen Rundumblick blockiert, durch die Flachheit, Zweidimensionalität und Kadrage des Mediums. Ganz anders in 3D. Die mehrdimensionalen Körper gaukeln dem Verstand vor, er könne sie von allen Seiten betrachten. Dies ist beim derzeitigen Stand der Technik aber unmöglich. Kopfverrenkungen und wandernde Augen helfen da nichts. Das Objekt gewährt immer nur die von der Kameraperspektive forcierten Seiten und Punkte. Der Blick und der Verstand entlarven den Schwindel. Im schlimmsten Fall offenbaren sich die Filme als zweidimensionale Faltspiele mit flachen Körpern, die sich in einem scheinbar dreidimensionalen Raum bewegen: Die ultimative Zerstörung des Gefühls von Plastizität und Authentizität.

Kein Wunder, dass sich vermehrt Zuschauer über Übelkeit und Desorientierung beschweren. Kein Wunder, dass im Entstehen begriffene 3D-TV-Geräte mit Warnhinweisen versehen werden. Der Blick auf die dreidimensionale Leinwand ist derzeit nicht nur unintuitiv sondern ebenfalls unnatürlich. Verstand und Augen reagieren auf die falsche Dreidimensionalität, ebenso wie der menschliche Körper auf falsche Klimaanlagenkälte und widerlichen künstlichen Süßstoff reagiert. Dies betrifft insbesondere Filme, die exzessiv von den neuen Effekten Gebrauch machen, die den Raum auf Teufel komm raus öffnen und erweitern wollen. Obwohl sie die Speerspitze des aktuellen Real-D-Langfilm-Trends darstellen sind es ausgerechnet sie, die den Mangel der Technik offenbaren, ebenso wie die Ungelenkheit, mit der die menschliche Wahrnehmung im Moment mit dem geöffneten Medium umgeht.

Das Potential:

Und genau an diesem Punkt beginnt auch das Potential der Technik. So wenig die derzeitigen Filmmacher wissen, wie sie mit der Technik umgehen sollen, so viel Potential steckt in dieser. Das betrifft sowohl die technische als auch die kreative Seite. Was die Technik betrifft, wird die Zukunft zeigen, zu was sie alles noch in der Lage sein kann. Aber hier gilt es umdenken. Die derzeitige Kinokadrage, das 16:9 oder Cinemascope-Format sind in dieser Form für den Effekt nicht geeignet. Hier genügt es nicht nur, leinwandtechnisch umzudenken, sondern gleich komplett raumtechnisch. Inspiration ließe sich in der „Kirmes-Ecke“ finden, in der die 3D-Technik selbst ja auch ihre größten Erfolge feiert. Ein 180° Kino muss es zwar nicht gleich sein, aber mit der Biegung des Raumes und der Leinwand zu arbeiten, würde jedenfalls bessere Raumsuggestionen erzeugen. Hier dürfte noch einiges an dreidimensionalem Potential schlummern. Der zweite technische Aspekt bezieht sich auf die mediale Darstellung selbst… und daran wird auch allem Anschein nach verbissen gearbeitet. 3D-Kino muss seine Flachheit verlieren, seine Zweidimensionalität. Es darf sich weniger am klassischen Film orientieren und dafür viel mehr an der ältesten dreidimensionalen Darstellung schlechthin, dem Theater. Sprich: Der Blick des Zuschauers muss von cineastischen Schranken befreit werden. Der Blick muss die Möglichkeit erhalten, den filmischen Raum und die filmischen Körper tatsächlich dreidimensional zu erfassen: Gegenstände oder Personen, die hinter Objekten verborgen liegen und nur durch eine Wendung des Blicks, durch eine Neigung des Kopfes aufspürbar sind, Körper, die sich von (nahezu) allen Seiten betrachten lassen, Räume, die tatsächlich in die Tiefe gehen. An dieser Stelle muss sich die Technik entwickeln, um tatsächlich ein genuines 3D-Gefühl zu erzeugen.

Auf der kreativen Seite gilt es ebenfalls umzudenken: Weg vom Gimmick und hin zum integrativen Bestandteil in das filmische Erlebnis. Die Geschichte und Dramaturgie eines Films könnte dann durchaus vom Real Real-D Effekt profitieren. Warum nicht 3D als geschickt eingesetztes Suspense-Mittel? Warum nicht 3D als Verstärkung einer Ego-Perspektive? Warum nicht 3D als Mittel zur surrealen Wirklichkeitsverzerrung? Träume, Drogentrips, alle möglichen Rauschzustände oder einfach absurde, surreale Szenarien. Hier ließe sich sogar die derzeitige Technik einsetzen, und zwar nicht zur mangelhaften Vorgaukelung von vermeintlicher Wirklichkeit, sondern zur Verzerrung der selben. Quasi eine 3D-Trickserei, die sich als selbe zu erkennen gibt und damit ein irreales Geschehen noch fremder wirken lässt. Neben diesen nahe liegenden ästhetischen Mitteln, könnte der 3D-Effekt auch eine selbstreferenzielle Funktion erfüllen, vielleicht sogar ein erneutes Revival der cineastischen Postmoderne einläuten. Der 3D-Effekt als Darstellung des 3D-Effektes. 3D à la Kaufman, Lynch und Godard eben. Vielleicht sogar als Stilmittel eines 3D-Meta-Films. Hier bedarf es mutiger Regisseure und Autoren, die von dem Gedanken des Real-D-Effektes weg zu einer Real-D-Narration gelangen. Möglichkeiten dazu gäbe es jedenfalls mehr als genug, wahrscheinlich auch weit mehr als die hier genannten.

Fazit:

So pendelt 3D derzeit noch zwischen Gimmick und Chance, zwischen technischer Spielerei ohne Substanz und Aussicht auf eine kleine Kinorevolution. Bergfest haben wir jedenfalls noch lange nicht. Ganz im Gegenteil: Derzeitige Real-D-Filme und ihre Umsetzung lassen die Technik in keinem guten Licht erstrahlen. Unterhaltung für die Technik-Nerds, die narrativ anspruchslosen Bildbegeisterten und in großem Maße für die einfach gestrickten, leicht begeisterungsfähigen Kinogänger, die Transformers2 für einen Höhepunkt des Actionkinos halten… Ärgernis für die alt eingesessenen Cineasten. Mehr nicht. Die technische Evolution muss erst noch kommen. Ob sie kommt, oder ob 3D eine Todgeburt bleibt, steht bis dahin in den Sternen. Wünschenswert wäre es durchaus, denn Möglichkeiten schlummern mehr als genug in dieser medialen Ausdrucksmöglichkeit. Bis dahin heißt es aber weiter Füße still halten, keinem grenzenlosen Enthusiasmus verfallen und vor allem sich nicht zu sehr von dem derzeitigen Real-D/3D-Etikettenschwindel um den Finger wickeln lassen. Tatsächlich Begeisterungswürdiges könnte dann sogar umso schneller entwickelt werden… nämlich gerade dann, wenn die Studios mit der Tatsache konfrontiert werden, dass das derzeitige 3D noch nicht der Weisheit letzter Schluss darstellt.

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