Sprachspiele aus Utopia – Die Gelehrtenrepublik von Arno Schmidt (1957)

(Gemäß Interworld=Gesetz Nr. 187, vom 4.4.1996, <Über bedenkliche Schriften>, dessen § 11a die Möglichkeit der Veröffentlichung politisch oder sonst irgend anstößiger Broschüren durch Übertragung in eine tote Sprache, als vereinbar sowohl mit der Staatsraison, als auch etwelchen Belangen der Literatur in Betracht zieht, nach eingeholter Interworld=Lizenz Nr.46, aus dem Amerikanischen des Charles Henry Winer ins Deutsche übersetzt.

(Der Herausgeber der Gelehrtenrepublik)

 

Arno Schmidt war quasi sein gesamtes Leben lang Außenseiter der deutschen Literaturlandschaft. In den 50ern und 60ern hauptsächlich aktiv, bestand seine größte Konkurrenz in Autoren wie Böll, Andersch oder Grass: Literaten, die versuchten den humanistischen Roman des Deutschland eines Thomas Mann wiederzubeleben und dadurch größtenteils stilistische oder inhaltliche Experimente scheuten. Man frönte einem bürgerlichen Realismus mit gesellschaftskritischem Anstrich und einer gewissen Distanz zum Sujet, die zwar Ironie gestattete, aber zugleich versuchte jede allzu gefährliche Bissigkeit zu vermeiden. Kein Wunder, dass Arno Schmidt Außenseiter war: Er war anders. Im Gegensatz zu seinen Zunftgenossen bediente er sich keineswegs primär beim deutschen Kulturerbe, sondern schielte mit mindestens einem Auge nach Amerika, wo sich langsam die Autoren der Beat-Generation etablierten, verweilte kurzfristig im angelsächsischen Literaturbetrieb, um sich Inspiration bei Joyce abzuholen und hatte ohnehin kein Problem damit den Pop (der damals im Prinzip noch gar nicht geboren war) munter in seine Werke einfließen zu lassen. So war er Zeit seines Lebens als Gossenautor, Zerstörer der deutschen Kulturtradition und vulgärer Eigenbrötler verschrieen. Erst den 70er Jahren gelang es, ihn wieder hoffähig zu machen, und mittlerweile hat er es sogar bis nach oben in die ersten Reihen der Hochkultur geschafft, als einer der wichtigsten Autoren des jungen Nachkriegsdeutschland.

 

 

Von der harten literaturhistorischen Realität zur Fiktion: Charles Henry Winer dürfte bei Schmidts Kritikern auch nicht viele Freunde finden. Immerhin verkörpert er genau das, worüber sich die Sittenrichter der damaligen Zeit aufgeregt haben. Genau, der damaligen Zeit: Denn Winer ist ein Journalist, Zyniker, Kulturbanause und Frauenheld, der in einem fiktiven Jahr 2008 lebt (gute 50 Jahre nach Entstehung des Buches). Nachdem ganz Europa durch nukleare Kriege zerstört wurde und auch einige Landstriche der USA bis zur Unbewohnbarkeit verstrahlt sind, hat sich wieder ein fragiles Gleichgewicht in den Ost-West-Gegensatz eingeschlichen. Mehr noch: Der kommunistische Osten und der kapitalistische Westen haben es geschafft zusammenzuarbeiten und ein ehrgeiziges Projekt mitten auf den Weltmeeren ins Rollen zu bringen. Dieses Projekt ist die Gelehrtenrepublik, das IRAS (=International Republic for Artists and Science): Ein gigantisches Schiff, das Gelehrten, Wissenschaftlern und Künstlern eine Wohnfläche bieten soll, quasi eine motorisierte Insel, auf der die Eliten beider Blöcke friedlich (aber getrennt) leben und an ihren großen Werken arbeiten können: In zwei Areale unterteilt und mit allem ausgestattet, was das Genius-Herz begehrt: Bibliotheken, Tempel, Konsumtempel, Cafés, Parks, Rückzugsmöglichkeiten und der größte Kunstsammlung des Planten. Mit strengen Auswahlkriterien für die Aufnahme und generellem Misstrauen gegen alles außerhalb ist dieses künstliche Eiland wie eine Bastion des Wissens und der Muse in einer Zeit des Chaos und der postapokalyptischen Verwirrung. Doch der oben erwähnte Charles Henry Winer hat als Journalist das Privileg und Glück, dieses gut abgeschottete Utopia zumindest für einige Tage zu besichtigen, natürlich vor allem deswegen um dem Rest der Welt Bericht darüber abzulegen, wie hervorragend die geistige Spitze der Erde arbeitet. Nach einem Marsch durch verseuchtes Gebiet an der Küste, wo er unter anderem Zentauren, mörderischen Menschenspinnen und anderen postnuklearen Mutationen begegnet, gelangt er schließlich zu dem strahlenden Ort und stellt fest, dass es dort alles andere als so harmonisch und human zugeht, wie die Vertreter dieses postmodernen Utopia suggerieren wollen.

 

Klingt schräg? Ist es auch. Der Reisebericht, bzw. das Tagebuch von Winer ist ein Sammelsurium an kuriosen Einfällen und eigenartigen Bildern; irgendwo zwischen Antiutopie, bissiger Gesellschaftssatire und wüsten, postapokalyptischen Science Fiction-Phantasien. Arno Schmidt gibt sich selbst und damit auch seinem fiktiven Erzähler Narrenfreiheit: Seltsame Hominiden, die nicht nur Anleihen an Ovids „Metamorphosen“ erkennen lassen, sondern sich auch gleich noch bei klassischen Märchen, Fantasygeschichten und Science Fiction Literatur bedienen; skurrile Gestalten, die irgendwie zwischen Alltagswahnsinn und krankhaften Psychosen pendeln, faszinierende utopische Bauten und der Kontrollwahn des Menschen bis hin zum göttlichen Schaffensplan. Dabei geht Arno Schmidt konsequent vor, um eine würdige Sprache für dieses bunt, groteske Szenario zu finden. Er überträgt die Schrägheit der Geschichte 1:1 auf die stilistische Ebene, indem er gleich zwei Erzähler ins Spiel bringt, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die Haupterzählerstimme ist der Protagonist, Winer, ein leicht neurotischer, zynischer aber durch und durch liebenswürdiger Kerl. Ohne Rücksicht kommentiert er sämtliche Geschehnisse sowohl trocken als auch sarkastisch und lässt seinem geschulten Blick und scharfen Verstand nicht die kleinste Ungereimtheit entgehen. Dabei hat seine Schreibweise den Charme eines hyperaktiven Besserwissers, dessen Aufzeichnungen ebenso fragmentarisch wie spitzzüngelig sind. Von kurzen kursiven Überschriften eingeleitet, besteht der gesamte Text aus einzelnen Gedankenfetzen, die sich weder um funktionierende Syntax noch angepasste Hochsprache bemühen, und dabei auch nicht mit Satzzeichen geizen, offensichtlich hektisch auf der Schreibmaschine eingehämmert. Heraus kommen dann Passagen wie diese:

 

Injektionen aller Art : eine weiße: noch `ne weiße. / „eine hellgrüne ?“ : „Achnaja ! Falls sie=ä – ne Spinne oder-was; stechen sollte !“ schnauzte er verlegen (Und geheimnisvoll ärgerliches Zusatzgemurre : „ … ganz Neues . . . gegen dadadadiden (?) … : Das ist es dann nicht ganz so . . . . . „ ). -

 

Der zweite Erzähler des Buches ist der Übersetzer des Textes ins Deutsche. Er taucht nur am Rande auf, ist aber bemüht immer wieder durch Fußnotenkommentare Ordnung in das narrative und stilistische Wirrwarr zu bringen. Dabei zeigt er sich des öfteren herrlich pikiert, teilweise sogar abgestoßen von der Gossensprache und Unverfrorenheit Winers, und wird somit zur perfekten Karikatur des deutschen Spießbürgers und Kulturtraditionalisten. So schlägt der Autor des Buches seinen Feinden geschickt ein Schnippchen, indem er sie höchstpersönlich als kommentierende und kritisierende Instanz in seinen Roman integriert. Ein raffinierter Kniff und ein verschmitztes Zwinkern Richtung Postmodernismus: Der Text als Selbstreferenz und die Verschwimmung von Fiktion und Realität auf höchst amüsanter Ebene.

 

Wer sich durch diese anspruchsvollen Stilmittel abgeschreckt fühlt, kann beruhigt werden. Obwohl der dissoziative Schreibstil des Buches zu Beginn noch sehr ungewohnt und dadurch auch belastend ist, hat man sich sehr schnell in die ganz eigene Sprachwelt Arno Schmidts eingelesen, und das Stilmittel der Rastertechnik und des längeren Gedankenspiels kann seine volle narrative Wirkung entfalten. Dadurch gelingt Schmidt auf hervorragende Weise der Spagat zwischen Intellektualität und Gossenslang. Auch inhaltlich ist soweit alles im grünen Bereich: Eine gute Portion Gesellschaftskritik, gehobene Spannung, ein omnipräsentes Augenzwinkern und ein riesiger Fundus an Fantasie und kulturhistorischen Anspielungen machen aus dem Roman ein sowohl anspruchsvolles als auch abwechslungsreiches Lesevergnügen. Nur schade, dass das Ganze dann doch sehr schnell vorbei ist. So kurzweilig der Roman auch ist, so unbefriedigend und durstig lässt er seinen Leser zurück. Die Geschichte bekommt nie wirklich die Zeit auf einem atmosphärischen Punkt zu verweilen, was auch einfach daran liegt, dass sie für ihre Kürze definitiv zu überladen ist. Ruhepausen gibt es keine, stattdessen hetzt der Leser von Gedankenbruchstück zu Gedankenbruchstück, von einer Episode zur nächsten, und staunt auf der letzten Seite völlig außer Atem, dass er bereits am Ende angekommen ist. Aber eigentlich gar nicht so schlimm, denn wie kann man den übriggebliebenen Durst besser stillen, als gleich zum nächsten Buch des lange Zeit verkannten Genies zu greifen? Immerhin hat Oscar Wilde bereits gesagt, wie der vollendete Genuss auszusehen hat: Er ist köstlich und lässt uns unbefriedigt zurück.

 

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