Klassiker des selbstreflexiven Kinos – Klappe die Sechste: Robert Altmans "The Player" (1992)

Normalerweise beleuchten Meta-Filme den kreativen Schaffungsprozess: Klassiker des selbstreflexiven Kinos nutzen den Blick der Regisseure, der Crew oder gar des Rezipienten, um die Möglichkeiten des Films auszuloten, aufzuzeigen und in kreisförmigen Bewegungen zu ihrer Ader zurückzuführen. Aber das Konzept des Films als Kunst, als Erweiterung des Geistes und als Medium zwischen Realität und Fiktion wird dabei konstant aufrecht erhalten. Mit seinem 1992er Film „The Player“ beschreitet Robert Altman einen anderen Weg: Film als Produkt, Film als Kommerz, Film als Tod der Kreativität. Willkommen in Hollywood. The Player ist ein zynischer Abgesang auf die Mechanismen des Big Business und die Ohnmacht der daran beteiligten Künstler.

„Können wir nicht mal über etwas anderes als Filme reden? Wir sind doch kluge Menschen?“ fragt Griffin Mill (Tim Robbins) – verbitterter Hollywoodproduzent – frustriert bei einem kleinen Treffen unter Freunden. Schon seit mehreren Tagen quälen den Angestellten eines großen Studios existenzielle Sorgen. Der junge Aufsteiger Larry Levy (Peter Gallagher) läuft ihm den Rang als ausführender Produzent ab, Mill läuft Gefahr im Kampf um kreative Kontrolle und Macht ins Hintertreffen zu geraten. Außerdem wird er von einem anonymen Drehbuchautoren verfolgt und bedroht, da er dessen Filmidee er vor einigen Jahren ablehnte. Dieser beobachtet ihn ständig, schickt ihm aggressive Postkarten, versteckt eine Schlange in seinem Auto und droht schließlich sogar offen mit Mord. Nach einiger Recherche glaubt Mill den unheimlichen Stalker ausfindig gemacht zu haben. Als er ihn zur Rede stellen will, kommt es zur Katastrophe.

The Player macht aus seinem Status als Meta-Film von Beginn an keinen Hehl. Die Eröffnung ist eine endlos scheinende Kamerafahrt über ein Studiogelände, während die Filmschaffenden darüber diskutieren, dass es solch lange, schnittfreien Kamerafahrten schon lange nicht mehr gibt. Da darf auch der Verweis auf das Genie Orson Welles nicht fehlen, der diese Technik in „The Touch of Evil“ zur Perfektion trieb. Ohnehin wird mit Regisseurnamen und Filmtiteln nur so um sich geworfen, dass es eine helle Freude ist. Vermeintliche Filmexperten sind alle in dieser Welt: Ständig wird von Hollywood-Klassikern gesprochen, ständig werden Verweise zu Schauspielern, Regisseuren und einzelnen Szenen gesetzt, ständig wird über die Inszenierung von Filmen debattiert. Selbst real existierende Ereignisse werden als Inszenierung betrachtet. Mill weiß mit den Morddrohungen nicht anders umzugehen, als diese in inszenierungstechnischer Hinsicht zu betrachten. In welchem Zeitraum würde der Stalker in einem Film weitergehen, von der verbalen Bedrohung zur reellen Gewalt schwenken? Erst in ein Filmkonzept verpackt, wird der Gehalt der Gefahr lokalisierbar und in diese ihren ganzen Ausmaßen offensichtlich.

Aber diese Liebe zum Film bleibt an der Oberfläche. Sie ist Nostalgie, Selbstprofilierung und letzten Endes Fassade. Hinter dem ständigen Anbändeln mit Stars und Sternchen, den Schwanzlängenvergleichen in Sachen Filmkenntnis und dem rituellen Bekenntnis zum Film als Kunstform steht das knallharte Geschäft um Zuschauerzahlen und Einspielergebnisse. Autoren lassen sich ihre ambitionierten Drehbücher zurechtzustutzen, damit diese verfilmt werden, oder versuchen alles, was gerade verkaufsträchtig wirkt in einen Stoff zu packen. Die Produzenten pflegen ihre Kontakte, sind bigott, heuchlerisch und ohnehin nur an Geld und der besten Position in der Studiohierarchie interessiert. In diesem filmindustriellen Haifischbecken ist kein Platz für Idealisten und Sympathieträger. Einzig die umherirrenden Schauspieler, die das Geschehen sarkastisch kommentieren bieten Identifikationspunkte für das Publikum. Kein Wunder also, dass diese sich gleich reihenweise verpflichten ließen, sich selbst zu spielen: John Cusack, Bruce Willis, Harry Belafonte, Cher, Burt Reynolds, Susan Sarandon… die Liste an Sich selbst Spielenden ist unendlich lang. Offensichtlich waren die meisten der Akteure derart genervt von dem damaligen Hollywood, dass sie dies nicht nur perfekt auf die Leinwand übertrugen, sondern die auch noch für einen Hungerlohn als Freundschaftsdienst für Altman taten. Jedenfalls wimmelt es in „The Player“ von Stars und Sternchen, selbst wenn ihre Auftritte meist nur wenige Sekunden dauern.

Trotz dieser kommentierenden Chorfunktion der Schauspieler bleibt „The Player“ erbarmungslos konsequent in seinem eigenen filmischen Kosmos. Die Anprangerung durch die Metaebene wird brutal gebrochen durch die Mechanismen des Films selbst. All das, was der Film anprangert spielt er – mal mehr, mal weniger – selbst aus. So wird der Unsympath Griffin Mill als klassischer Filmprotagonist in die Rolle des Sympathieträgers, gar der Identifikationsfigur gedrängt. Dank der spannenden Inszenierung Altmans kann der Zuschauer gar nicht anders als mit dem skrupellosen Produzenten mitzufiebern und mitzuhoffen. Das ist umso gemeiner, da Altman diesen doppelten Boden im Laufe der Inszenierung immer wieder einbrechen lässt: Da entwickelt der Film eben genau dieses überambitionierte Ideengemisch, dass im Dialog eines Drehbuchautoren mit dem Produzenten kurz zuvor persifliert wurde: Mysterythrillerromanze mit Herz und Humor. Da wird dem Zuschauer auch eiskalt ein überhaupt nicht passend scheinendes Happy End inklusive albernem Oneliner und kitschiger Musik präsentiert, da darf Mill sogar die Verfilmung seiner Geschichte, der wir als Rezipienten beiwohnen, süffisant ankündigen, inklusive des Titels „The Player“ selbstverständlich. Das Spiel mit der Metaebene wird sowohl durchgezogen als auch gebrochen, und daraus speist der Film hauptsächlich seinen tiefschwarzen, makaberen und morbiden Humor: Der Zuschauer wird zum Denken ermutigt, kurz darauf wird ihm das Denken abgenommen und am Ende bekommt er dafür die Leviten gelesen. Altman spielt knallhart mit dem Medium, dem Zuschauer und dem Thema, was immer wieder zu urkomischen, zynischen und bitterbösen Momenten führt.

Damit hebt sich „The Player“ eindeutig von anderen selbstreflexiven Filmen ab: Er hasst sich selbst, er hasst sein Medium, er hasst alle Beteiligten und kann doch nicht anders als eine krude Sympathie für das verabscheuungswürdige Objekt aufzubringen. Hassliebe im Rahmen Hollywoods, von einem Autorenfilmer des Independent Kinos, der damit konsequenter- und ironischerweise seinen hollywoodtauglichsten Film entworfen hat. Eine bitterböse Farce auf die Mechanismen des Business und zugleich ein astreiner Thriller, inklusive Humor, Romantik und kassenmagnetischem Ende. „The Player“ ist verquer, böse, korrupt, konsequent und in seiner Form absolut. Selten in der Geschichte des Films wurde die Traumfabrik derart vorgeführt, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren.


2 Kommentare zu “Klassiker des selbstreflexiven Kinos – Klappe die Sechste: Robert Altmans "The Player" (1992)

  1. Ein Meisterwerk, das leider nicht mehr in deutscher Fassung erhältlich ist. Ein Jammer.
    Dennoch bitte ich in Zukunft um etwas mehr sprachliche Genauigkeit: der Film ist das Gegenteil von zynisch, nämlich sarkastisch (zynisch würde ja bedeuten, dass er die dargestellten Verhältnisse hinnimmt oder gar als unabänderlich und notwendig erachtet); und ein Abgesang ist er ja leider auch nicht, denn niemand würde ernsthaft behaupten wollen, dass sich nach diesem Film die Mechanismen des Big Business und die Ohnmacht der Künstler aus der Branche verabschiedet hätten.
    Der Perfektionist Robert Altman hätte das gewiss nicht durchgehen lassen.

  2. Danke für deinen Kommentar: Ich finde, mit ‘zynisch’ liege ich durchaus richtig angesichts der Tatsache, dass Griffin nicht nur mit einem Mord davon kommt, sondern zudem genau das Happy End erhält, dass er aus einem moralischen Standpunkt nicht verdient hat. Damit arbeitet “The Player” gerade gegen Ende eben mit genau jenen Filmbusiness-Mechanismen, die er während seiner Laufzeit anprangert. Er macht sich geradezu zum Komplizen des Hollywood-Systems, korrumpiert sich selbst mit einem gehässigen Augenzwinkern.

    Btw.: Zynismus hat imho einen viel zu schlechten Ruf. Manchmal braucht es eben genau dieses Quäntchen kokette Ohnmacht (anstatt eines braven Sarkasmus), um die eigene Positionierung stark zu machen. Insofern mag das zynische Moment von “The Player” ein bisschen resigniert wirken, genau das macht aber den Film im Vergleich zu anderen Hollywood-Satiren so bissig und subversiv.

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