Avantgardist und Schlagerfuzzi: Rezension zu Mike Pattons "Mondo Cane"

Da ist er… der schon von Fantomas bekannte, höllische Kinderchoral… Gleich geht es los. Im Hintergrund sind schon das nahende Gitarrengeschrammel, das Gekeife, Gekreische, die irren Breaks zu hören… Achtung…. jetzt! Geigen erklingen, steigern sich zu einem kitschigen Crescendo. Und dann croont und schmeichelt sich die Stimme Mike Pattons (Faith No More, Mr. Bungle, Fantomas) in den musikalischen Kosmos. Croont und Schmeichelt? Richtig! Denkt man als langjähriger Hörer des irren Multitalents noch an ein ironisches Intro, wird man von Song zu Song eines besseren belehrt. Kann der das wirklich ernst meinen? Oh, ja! Er kann! Er meint es ernst. Vollkommen ironiefrei covert die Noise-, Extrememetal- und Avantgardekoriphäe auf ihrem neuen Album “Mondo Cane” italienische Schlager der 50er und 60er Jahre. Unterstützt wird der Avantgardekünstler dabei von einem großen Orchester (mit dem er die Coverversionen schon seit 2007, live vorträgt)   und offensichtlich viel  Weißwein und Ouzo. Mike Patton beweist erneut, dass ihm alles zuzutrauen ist… alles!

Dabei darf durchaus darüber diskutiert werden, ob mit Mondo Cane sein extremstes und bösartigsten Album vorliegt. Immerhin tritt er mit den kitschigen Balladen, den naiven Schunklern und sentimental seichten Pseudorockern der ganzen Avantgardemetalfreejazz-Welt schön in den Allerwertesten, garniert mit ein süffisanten Lächeln. Statt verrückten Breaks, höllischen Core-Klängen und wildem Jazz-Gefrickel gibt es himmlisches Gesäusel und massig unprätentiöse Schlagernaivität. Natürlich vollkommen konsequent komplett auf italienisch vorgetragen und bei Songs wie “Ordo D’Amore” auch mal mit schlagertypischem – kaum auszuhaltendem – Crescendo arbeitend. Ja es tut mitunter weh, Mike Patton so zu erleben. Gleichzeitig darf er endlich mal wieder unter Beweis stellen, dass er tatsächlich mehr kann als Flüstern, Kreischen oder abgedreht rappen. So melodisch war das stimmliche Wundertalent seit den Funkballaden Faith No Mores nicht zu hören.

Trotzdem wirkt es fast wie eine Erleichterung, wenn dann kurzzeitig doch mal freejazzige Klänge das Schlagerparadies zerreißen (Quello che conda) oder einfach der Pattonsche Krach vorbeischaut. In Urlo Negro (Ein Cover von The Blackmen) wird dann sogar geschrieen und mit wilden Breaks gearbeitet…. wenn auch nur kurz scheint die Welt des nach Wahnsinn lechzenden Avantgarde Metal Hörers wieder in Ordnung, bevor der nächste Track dann wieder in die Untiefen der europäischen Schlagerwelt abtaucht. Natürlich ist das ganze Album erst einmal ein großer Spaß… allein schon wegen seinem konsequenten Verzicht auf Ironie und Satire. Die italienischen Schlager wie “L’Umo che non sapeva amare” werden ihrer Herkunft angemessen vorgetragen und interpretiert. Mal verspielt lustig, mal emotional und pathetisch, fast immer jedoch in den klar festgesteckten Grenzen des Genres… Und dieses Genre ist nunmal, naja, Geschmackssache. Affinität zum Kitsch und zur zuckersüßen Melodie, Spaß am lauten Poltern und prolligen Schunkeln braucht es schon, um sich mit den anachronistischen Goldkettchen-Liedern anzufreunden. Wenn der erste Schock und die erste Begeisterung über die konsequente Intonation dieser Welt überstanden sind, offenbart sich dann doch das Alptraumhafte an dem musikalischen Material: der Zuckerschock, die  teilweise biederen Sommer-Rhyhthmen, der Zahnschmerzen verursachende Pathos, die himmelhochjauchzenden Crsecendobomben… Vielleicht ist Mike Patton zum ersten Mal in seinem künstlerischen Schaffen zu weit gegangen. “Mondo Cane” ist jedenfalls extrem, in jeder Hinsicht. Selbst Gerade Fans des kreativen, hochbegabten Avantgarde-Genies sei ein Reinhören vor dem Kauf dringend angeraten, um nicht eine böse Überraschung zu erleben.

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