Die Freude am Nichts-Tun – Rezension zu Jakob Heins "Herr Jensen steigt aus" (2006)

Es scheint, als haben die Soziologen und Meinungsforscher, die Medien und Marktoptimisten einer ganzen Generation allzu hastig einen gewissen Stempel aufgedrückt. Die späten 70er und frühen 80er Jahrgänge, in der Jugend durch die 90er und beginnenden 00er sozialisiert galten lange Zeit als die Generation Karriere, die Generation Praktikum, die Verkörperung eines Arrangements mit neoliberalen Systemen und Werten. Kurzerhand wurden wir Kinder dieser Zeit zu den ideologielosen Aufsteigern erklärt, zu den im Leben verankerten, die sich von  den rebellischen Idealen der 68er ebenso distanzieren wie von der hohlen Spaßgesellschaft der 90er. Neue alte Werte stünden in unserem Mittelpunkt: Karriere, Erfolg, Familie, vielleicht auch Projekte für die etwas Orientierungsloseren… aber doch seien wir eine Generation der Tat, der Individualität und der Arbeit an sich selbst. Vielleicht war dies zu kurz gedacht. Denn nicht erst seit der großen Wirtschaftskrise hat sich eine Schattenkultur entwickelt, die so gar nicht in das Bild der aufstrebenden Jugend fügen will, die aber auch weit entfernt ist vom Idealismus ihrer Eltern-Generation. Die Rede ist von der Generation Kapitualtion, der Generation Langeweile, der Generation Tatenlosigkeit, der Generation resignativer Zynismus, deren Sprachrohre am ehesten noch Tocotronic und Rainald Grebe sind, deren genaue kulturelle Verortung ab nach wie vor aussteht. Jakob Hein hat mit seinem Roman “Herr Jensen steigt aus” 2006 versucht, ihnen ein simples aber dennoch greifbares Gesicht zu geben.

Herr Jensen ist ein einfacher Postangestellter, der es sich in seinem Leben als Briefezusteller gemütlich gemacht hat. Außer einer langen Fristeinstellung bei der Post und einem abgebrochenen Studium hat er nicht viel vorzuweisen. Daher trifft es ihn hart, als ihm plötzlich von einem auf den anderen Tag im Rahmen des Programms zur Verhinderung betriebsbedingter Kündigungen gekündigt wird. Plötzlich sieht sich Herr Jensen mit einer vollkommen neuen Lebenssituation konfrontiert: Arbeitslosigkeit, ewig lange Tage vor dem Fernseher, überflüssige Schulungen, die in fit for Gastro machen sollen und überforderte Sachbearbeiter auf dem Arbeitslosenamt. Nach einem überambitionierten Versuch, die geheime Botschaft des Unterschichtenfernsehens zu ergründen, gelangt Jensen zu einer tiefgreifenden Erkenntnis: Er muss nichts mehr, gar nichts mehr. Beseelt von dem gewonnenen Segen der Tatenlosigkeit beginnt er das Nichts-Tun zu perfektionieren und in immer exzessivere Bahnen zu lenken. Gleichzeitig jedoch muss er feststellen, dass sein Umfeld alles andere als bereit ist, seinen neuen Lebenswandel zu akzeptieren.

“Und was machst du so?” fragte er Herr Jensen schließlich. “nichts.” “Wie nichts?” Diese Antwort hatte Matthias offensichtlich noch nie gehört. “Irgendetwas musst du doch machen.” Die übliche Reaktion. “Das dachte ich auch”, antwortete Herr Jensen. “Aber man muss gar nichts machen.” “Und was planst du langfristig zu tun?” Matthias blieb hartnäckig. “Immer so weiterzumachen”, sagte Herr Jensen. “Du willst immer nichts machen?” “Sicher, das ist kein einfaches Ziel, und es wird auch nicht leichter. Schließlich wollen heute alle, dass du etwas machst. Aber ich werde dafür kämpfen. So gut wie im Moment ist es mir noch nie gegangen. Sieh mal, ich bin mein eigener Chef, ich kann aufstehen, kommen und gehen, wann ich will. Und im Gegensatz zu anderen Selbständigen trage ich kein unternehmerisches Risiko.”

Gerade mal 150 Seiten gönnt Hein seinem Protagonisten auf diesem Weg der ungewöhnlichen, postmodernen Selbstfindung. Die Knappheit der Geschichte schlägt sich auch in der Knappheit des Stils und leider auch der Substanz nieder. Natürlich braucht es für ein solches Thema keinen tausendseitigen Wälzer. Wenn der ohnehin schon dürftige Raum allerdings so gut wie gar nicht zur Vertiefungen des Charakters Jensens genutzt wird, ist das mehr als enttäuschend. Stattdessen setzt Hein auf eine leicht ironische, trockenhumorige Darstellung, die sich allzu oft in biederen Späßen verliert. Der reduktionistische Stil, der Spaß daran hat, Hauptsätze aneinander zu reihen und gerne mit seiner eigenen Naivität kokettiert liegt natürlich voll im narrativen Trend der 00er, passt allerdings zu dem simplen Inhalt wie die Faust aufs Auge. Mit einer – fast schon irritierend depatziert wirkenden – Ausnahme, wird die kurze Erzählung konsequent aus der Sicht Herr Jensens geschildert. Auch die beginnenden Paranoia, die immer stärker psychotische Auswüchse annehmen, verharren in der Sicht des Protagonisten. Das ist einerseits angenehm, umschifft Hein so gekonnt psychoanalytische Tiefen und eine zu dick aufgetragene Gesellschaftskritik. Andererseits reduziert sie das spannende Thema auf eine kleine, mitunter viel zu spitzbübig ironische Einzeldarstellung. Herr Jensen ist in seinem Verhalten natürlich alles andere als ein prototypischer Sozialhilfeempfänger. Viel mehr vereinen sich in ihm die Dandyhaftigkeit einer ideenlosen, postmodernen Bohème, sowie Klischeevorstellungen der gesellschaftlichen Elite über das “Lumpenproletariat”. Leider bleibt es bei diesen interessanten Ansätzen. Auch wenn im laufenden Geschehen die Darstellung der Figur immer wieder zwischen ironisch gesprochener Erleuchtung und beängstigender Psychose pendelt, ist die Darstellung des Jensens summa sumarum zu eindimensional, um tatsächlich fesseln zu können.

Auch an anderen Stellen verschenkt die kurze Erzählung viel von dem Potential, das in ihr schlummert. Wie schön wäre es gewesen, dem quälend langweiligen Tagesablauf eines Unbeschäftigten zu folgen, wie wunderbar hätte der Text mit Redundanzen, Zeitdehnungen und ungefüllten Seiten spielen können. Stattdessen begnügt sich Hein mit Andeutungen und Anspielungen, die Lust auf mehr machen, aber auf unbefriedigende Weise rudimentär bleiben. Die Geschichte um Herr Jensen hat Charme, das steht außer Frage. Einige der ironischen Stellen laden zum Schmunzeln ein, so manche absurde oder groteske Situation erregt heftiges Kopfschütteln, aber letzten Endes bleibt es bei diesen Ansätzen. Gerade im Hinblick auf das Potential, das in der Ausgangsidee schlummert und das zweifellos vorhandene Talent Jakob Heins muss “Herr Jensen steigt aus” als mittelschwere Enttäuschung gewertet werden. Gelungene Statements zu den dunklen Facetten der Generation Praktikum bleibt uns die deutsche Literatur nach wie vor schuldig.

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