Die 00er Jahre: Die vergessendsten Alben des Jahrzehnts V

Im fünften Teil mit schrägem 80er Retro-Indie-Rock, relaxtem Americana Folk, einem besonderen Tribut an Pavement, experimentellem Pop aus Frankreich, coolem Noir Jazz, absolut unzeitgemäßem Funk und Bluesrock sowie einer mathematisch präzisen Free Jazz Kapelle.

Menomena – Friend and Foe

(2007)

Schräg geht es zu bei Menomena… mitunter richtig schräg. Melodien sind da um zerschossen, Regeln um gebrochen zu werden. Hinter dem zerfahrenen, dissonanten Gehäuse verbergen sich jedoch wunderbare Harmonien, eine verschlurfte Poppigkeit und viel Spaß an der eigenen Abgedrehtheit. Friend and Foe ist verkopft, keine Frage, aber in seinem vorbeischlendernden unauffälligen Wesen eine große Bereicherung für jede Indie-Audiothek und zudem wunderbar an die schrägsten Töne der 80er erinnernd. Schade dass dieser Mut zum kaputten Regress kaum eines Blickes gewürdigt wurde, während die Neuentdeckung der 80er Gelacktheit in der letzten Dekade der allerletzte Schrei war.

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Alela Diane – The Pirate’s Gospel

(2008)

Wunderbaren Weird Folk und alternative Singer/Songwriterkunst gibt es bei Alela Diane zu bestaunen. Die ruhigen und zurückhaltenden Stücke auf The Pirate’s Gospel sind subtile Americana Kleinode, die auch keine Angst vor Blues, Psychedelica und World Music Einflüssen haben. Überladen ist hier trotzdem nichts: ganz im Gegenteil. Songs wie Clickity Clack sind schüchtern, scheinen sich fast vor ihren Hörern zu verstecken und kommen trotz aller Entspanntheit mit einer ungeheuren Schlags- und Ausdruckskraft daher, benutzen gezielt die Redundanz als Stilmittel und schleichen sich so in die Hörgänge ihres Publikums, um sich von dort allmählich Richtung Hirn und Herz ihren Weg zu bahnen. Folk der wenig braucht und viel gibt.

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James Carter – Gold sounds

(2004)

Gold Sounds von James Carter ist ein Cover-Album der besonderen Art. Der Saxophonist und Protagonist des Modern Creative präsentierte damit 2004 sein ganz persönliches Tribut an die Indie-Rock-Größen Pavement. Das Ergebnis sind verschwitzte, hitzige und verspielte Jazz-Kompositionen, die atmen, leben und dank des brillanten Saxophons Carters eine ungemeine Wärme versprühen. Pavement Hörer dürfen sich an grandiosen Neuinterpretationen der Schrammelklassiker erfreuen, während alle anderen Modern Creative Jazz der feinsten Art geliefert bekommen. Ein heißes, cooles und treibendes Werk, das perfekt zwischen Hysterie und Relaxtheit pendelt.

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Coco Rosie – La maison de mon rêve

(2004)

Hoppla, hoppla… Beinahe wäre das französische Experimental Pop Duo CocoRosie in dieser Rubrik vergessen worden. Verdient hätten sie es eigentlich in mindestens 70% aller 00er Best-Of-Listen aufzutauchen. Auf  “La maison de mon reve” spielen sie eine eigenständige, bunt zusammen gewürfelte Mischung aus schrägem Anti-Folk, avantgardistischem Pop, disharmonischen Avantgarde- und Experimentalklängen und haben dabei keine Berührungsängste vor Musical, Soul, Hip Hop und konfusen Electronica. Die Melodie scheint hier im Hintergrund immer mitzuschwingen, man möchte gar schreien “Das ist Pop erster Güte”, doch genau in diesem Moment haben die beiden Schwestern größten Spaß daran jede Harmonie, jede hintergründige Idylle dezent einmal um und 180° und durch den Fleischwolf zu drehen. Das Ergebnis sind schräge, minimalistische, immer einen Tick daneben (neben was auch immer) liegende Anti-Pop-Songs, in die man sich wegen ihrer Zurückhaltung nur verlieben kann.

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Bohren & Der Club of Gore – Sunset Mission

(2000)

Bevor Bohren und der Club of Gore auf Alben wie Black Earth und Geisterfaus die universelle Langsamkeit für sich entdeckten, spielten sie bereits eine grandiose Form von Noir Jazz, die wegen der späteren Beliebtheit in Doom-Kreisen ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Auch auf Sunset Mission wird der Tempodrosselung gefrönt, jedoch bei weitem nicht so intensiv und exzessiv wie auf den Nachfolgern. Stattdessen hängen Bohren hier irgendwo zwischen Film noir, Horror Jazz und entspanntem Sex-Appeal, immer in Gefahr kurzzeitig verloren zu gehen. Mit einem lässigen Augenzwinkern finden sie aber jedes Mal rechtzeitig zurück zu hochmodernem Cool Jazz Ambiente, der mundet wie lange gelagerter Whiskey in verrauchten Bars und zum längeren Verweilen einlädt. Ein düster, morbide- erotisches Hörvergnügen…

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The Bad Plus – These are the Vistas

(2003)

Wer qualitativ hochwertige deutsche Comedyformate schätzt, dürfte den Song “Flim” (ein Aphex Twin Cover) des US-Jazz-Trio The Bad Plus schonmal im Ohr  gehabt haben. Dieser ist nämlich seit mittlerweile vier Jahren als eingängige Eröffnungsmelodie der erfolgreichen Serie Stromberg zu hören. Aber auch unabhängig von der TV-Referenz hat das Album “These are the Vistas” einiges auf der Habenseite: Vertrackte, komplexe und hektische, unheimlich präzise vorgetragene  Stücke, die zwischen Avantgarde, Free-Jazz und Popmomenten pendeln. Traditionell ist das nicht, dafür aber höchst individuell, anspruchsvoll und trotzdem schmeichelnd eingängig. Coverversionen wie “Smells like Teen Spirit” und “Heart of Glass” sind großartige Adaptionen, während die selbstgeschriebenen Stücke wie “Big eater” von wahnwitzigem Kompositionstalent zeugen. Individueller, absonderlicher Jazz, perfekt zum wackeln, staunen und um die Kinnlade einen Meter tiefer fallen zu lassen.

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Mother Tongue – Ghost Note

(2003)

Funkrock, er geht auch dreckig. Wo sich die Red Hot Chili Peppers an den Stränden Kaliforniens sonnen, stehen die Texaner “Mother Tongue” auf der mondigen Seite des Lebens. 1990 gegründet gehören sie vielleicht sogar zu den vergessendsten Bands überhaupt. Nach einer langen Schaffenspause Mitte der 90er veröffentlichten sie im neuen Jahrtausend mit Streetlight und Ghost Note gleich zwei potentielle Klassiker: Darauf zu finden ist spannender, treibender Alternative Rock mit ordentlichem Funk-Einschlag, Blues-Versatzstücken, einem kleinen Winken Richtung Stoner und vor allem mit viel Herz und Seele. Die Geisternote stellt dabei immer noch das Opus Magnum der herrlich unzeitgemäßen Rocker dar: hymnisch, trocken, rauh, emotionsgeladen, treibend wild, vertrackt aber immer auf den Punkt gebrachter straighter Rock, der keine Kompromisse kennt.

Die vergessendsten Alben des Jahrzehnts:

–> Teil 1

–> Teil 2

–> Teil 3

–> Teil 4

Die besten Pop-Alben des Jahrzehnts:

–> Teil 1

–> Teil 2

–> Teil 3

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