Melodie als Option – The Dillinger Escape Plans neustes Album "Option Paralysis"

Es ist nichts neues, dass bei Dillinger Escape Plan das Chaos Methode hat. Es ist aber auch nichts neues, dass diese Methode von Album zu Album nicht nur verfeinert wurde sondern mit der Zeit auch immer weitere Nuancen dazugewonnen hat. Spätestens seit Miss Machine spielen die Avantgarde Metaler aus New Jersey weitaus mehr als den brutalen Chaoscore der Anfangstage, für den sie so berühmt und berüchtigt waren. Mathematik ist hinzugekommen, die Zusammenarbeit mit Multitalent Mike Patton (Faith No More, Fantomas) hat ebenfalls ihre Spuren hinterlassen und hin und wieder durfte sogar eine Form von pervertiertem Pop in den letzten Alben vorbeischauen. Dem Konzept von Chaos und dessen Filterung, von Krach und dessen Aufweichung, halten DEP auch auf ihrer nun erscheinenden gerade mal vierten Langspielplatte (der immerhin fünf EPs gegenüberstehen) die Treue.

Der Einstieg jedoch ist erst einmal Dillinger-typisch hart. Hart, unmelodisch, vertrackt und konfus. “Farewell Mona Lisa” beginnt als reudige Chaoscore-Nummer, schichtet Break auf Break, Gekreische auf Gekreische und kämpft mit harten, schnellen Riffs gegen seine Hörer. Die Konfusion endet abrupt und macht Platz für die Töne, für die Dillinger Escape Plan heute stehen. Melodische Breaks, gar sanfte Harmonien und mitunter überraschend klassischer Metal-Pathos. Dieses Konzept zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Verstehen wir uns nicht falsch. Dillinger Escape Plan sind immer noch hart, viel zu hart womöglich für das Gros der Hörer. Es wird gekreischt, es wird geschrammelt, es wird die Luft bis zum Zerbersten mit Lautstärke gefüllt. Verstehen wir uns nicht falsch. Dillinger Escape Plan frönen nach wie vor dem Chaos. es gibt zahllose Breaks, viele disharmonische Avantgarde-Offensiven, Soundzertrümmerungen mit der Wucht eines Vorschlaghammers, Songsezierungen mit der Präzision eines Skalpells. Verstehen wir uns nicht falsch: Dillinger Escape Plan sind nach wie vor harte Kost.

Aber dann gibt es ja auch noch Songs wie Gold teeth on a bum, bei dem plötzlich Faith No More und System of a down um die Ecke schielen, bei dem fast schon radiotauglicher Freak-Crossover geboten wird. Es gibt Stücke wie Widower, das beinahe als zünftige Chaoscore-Ballade für alle Verliebten durchgehen könnte. Natürlich haben auch diese Hits nach wie vor mehr als genug Tempowechsel zu bieten, sind immer noch nackenbrechende Achterbahnfahrten, chaotische, apokalyptische Mindfucks. Aber die Melodie, die Harmonie, gar der Pop sind hier als Option immer im Hintergrund aktiv. Und diese Option wird wahrgenommen. So darf sich ein Chinese Whispers auch mal schleppend düster seinen Mathrock-Weg bahnen und mit unterhaltsamem Funk Metal ergänzt werden, so darf auch in I wouldn’t if you didn’t im Mittelteil ein Piano seine dunklen Klänge zum besten geben, so darf Greg Puciato auch mal seinen Kehlkopf schonen und einfach melodisch, emotional singen. Freilich, nur um kurz darauf nochmal loszukrächzen.

Die Frage, ob das überhaupt noch satter Chaoscore ist, kann man nur mit einem “Ja!” beantworten, am besten so schnell wie möglich, sonst verpasst man den nächsten Faust- oder Nackenhieb des Albums und ist diesem schutzlos ausgeliefert. Mit den eingestreuten Pop, Metal, Rock, Funk, whatever Zitaten haben DEP ihrem persönlichen Chaos eine vorzügliche Note gegeben, die sie umso unberechenbarer macht: Den Hörer ankeifen, auf ihn einprügeln, ihm die Organe im Leib zerfetzen… ja… aber auch ihn in Sicherheit wiegen, ihn kurzfristig einlullen, ihm sogar Momente trügerischer Stille gewähren… der folgende Ausbruch schlägt dafür umso härter zu. “Option paralysis” macht Spaß, schmerzt genau an den richtigen Stellen, ist unheimlich – wirklich unheimlich – präzise und dabei dennoch zerfetzt und vertrackt genug, um immer wieder für runterfallende Kinnladen zu sorgen. Freunde gepflegten Krachs, dissonanten und dennoch offenen Avantgarde-Metal-Klängen, Chaoscore-Liebhaber und alle, die sich für schräge und laute Töne interessieren, dürften hier ein potentielles Album des Jahres gefunden haben.

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