Klassiker des selbstreflexiven Kinos – Klappe die Vierte: Jean-Luc Godards „Week End" (1967)

Godards Week End (eines der wenigen Anglizismen im Französischen) ist zweifellos ein gewagtes Experiment der Geschichte des erzählenden Kinos. In erster Linie ist Week End ein filmisches, kaputtes Etwas. Es gibt wenige selbstreferenzielle Elemente und man könnte meinen, dass Selbstreflexivität nicht im Vordergrund steht. In Wahrheit aber ist dieser Film auf einer poetisch-avantgardistischen Ebene durchaus selbstreflexiv. Godard untersucht hier nicht den Film, sondern stellt die Frage nach dem Sinn von Filmkunst in der zerstörerischen und ausbeuterischen Kapitalgesellschaft der westlich zivilisierten Welt.

Der Film entstand 1967, auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs, dessen grausame Bilder mediale Verbreitung fanden und einen weltweiten Protest auslösten, der in den Studentenunruhen von 1968 seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Week End ist Ausdruck und Produkt eines gesellschaftlichen Prozesses, der auf der einen Weltkugelhälfte bombardiert und auf der anderen Kunst generiert. Daher beginnt der Film auch mit den Einblendungen:

„Ein Film der sich im Kosmos verliert. Ein Film der auf dem Schrotthaufen gefunden wurde.“

Schon am Anfang wird klar gemacht, dass hier keine normale Geschichte erzählt wird. Corinne erzählt, in einer Szene die offensichtlich als Verweis auf Godards „Die Verachtung“ angelegt ist, ihrem Geliebten eine Begebenheit, die sich vor kurzem zutrug. Es wird das Wort ANALYSE eingeblendet. Godard zeigt was Godard in der „Verachtung“ gemacht hat. Week End ist die Weiterführung von Le Mepris. Die Analyse wird erweitert auf die Gesellschaft. Doch zunächst macht Godard den Film kaputt. In der besagten Szene wird immer wieder spannungserzeugende Musik eingespielt und abgestellt. Die Musik ist so laut das man nichts von Corinnes Erzählung mitbekommt. Die Kamera fährt wieder dichter ran, wieder weiter ab, wieder auf ihn, wieder auf sie. Mit dieser Szene gibt Godard den Film preis. Er offenbart den Film als Film durch die Offenlegung seiner technischen Methoden. Die Szene ist ein Mix aus film-ästhetischen Methoden, die durch ihre gewollt plumpe Kombination den Film als Narration auseinanderfallen lassen, womit Godard Bezug nimmt auf seine anfangs gegebene Erklärung: “Ein Film der auf dem Schrottplatz gefunden wurde.” Um das, was danach alles passiert, einordnen zu können, habe ich folgende Lesart auf dem Schrottplatz gefunden. In der eben beschriebenen Szene konstruiert Godard eine Art Blase, die als Metapher für verschiedenes steht: für das Medium Film, für Kunst(werke), für Weltvorstellungen. Das Thema des Films ist: das Verhältnis des Films, der Kunst, der Weltvorstellungen zur Realität.

Corinne und Roland begeben sich an einem Wochenende auf eine Reise zu ihrem Vater, um dort eine Erbschaft anzutreten. Überall wo sie sich in dieser Odyssee hinbegeben, sind sie in ihrer Blase und treffen auf eine verrückt gewordene, apokalyptische Welt. Zum Symbol für die Blase wird zunächst das Auto, in dem sie fahren. Ein Nachbarsjunge zu Roland:

„Sagen sie Monsieur, was ist das für eine Karre? … Ich weiß was das für eine Karre ist. Ein widerlicher, alter Facel. Beschissen, wie ihre Frau. Ein alter, beschissener Facel.“

Hierin liegt die Schlüsselszene, die mich zu meiner Interpretation führte. Bedenkt man die Rolle des Begehrens aus Godards “Die Verachtung”, in welchem die Begierde als eine Art Ursprung des Schaffens, insbesondere des Film- und Kunstschaffens deklariert wird, dann wird hier quasi Rolands Begehren gegenüber seiner Frau auf das Auto übertragen. Daher sehe ich das Auto als Metapher für das geschaffene Kunstwerk, das gemachte Weltbild an. Darüberhinaus fungiert es als Zeichen der technischen Errungenschaften der kapitalistischen Konsumgesellschaft. Es steht ganz einfach für “das Gemachte”.

Das Ehepaar fährt mit ihrer Blase, dem Facel, nun in die berühmt gewordene Stauszene, bei der die Kamera fast zehn Minuten am Stau entlang fährt. Die anderen Autos symbolisieren andere Filme, andere Künste, andere Weltkonzepte, die stecken geblieben sind, nicht vorankommen und darauf warten durchgelassen zu werden. Es ist ein Unfall passiert. Ein Systemkritik Godards, der sich zeitweise als Maoist bezeichnete. Er verdeutlicht dass die kommerzielle Gesellschaft Kunst, Weltbilder und Produkte am Fließband produziert und unfähig ist sich zu Ausnahmefällen und Zerstörung zu verhalten, stattdessen wird von einem zum anderen Auto Ball gespielt. Godard jedoch geht weiter als sie, er verlässt die Zerstörung und gelangt ins mehr oder weniger geordnete Chaos.

Das Paar drängelt sich in seinem Facel am Stau vorbei. Bezeichnenderweise fahren Corinne und Paul dann nicht die schöne, gerade Landstraße entlang, auf der alle anderen langfahren würden, sondern biegen kurz hinter dem Unfall in einen holprigen Feldweg ein. Folglich gebiert sich Week End als daneben, als eine holprige Collage aus Ideen, Kritiken, Weltbildern in einer zerstörten Welt. Autokarosserien, als Symbol des Scheiterns liegen brennend am Straßenrand, die Figuren sind ihnen entstiegen. Einer von diesen, der sich selbst Joseph Balsamo nennt (eine Figur aus dem Werke Alexandre Dumas´) entführt das Paar, indem er zu ihnen ins Auto, also in ihren Film steigt und ihnen mit vorgehaltener Pistole erklärt, warum er Gott sei. Er sei da „um der Welt das Ende des grammatikalischen Zeitalters anzukündigen und einen glänzenden Anfang zu verkünden, auf allen Gebieten, vor allem im Film.“

Godard kümmert sich zunächst um das Ende. Andere Autos werden von der Straße gedrängt, immer wieder zerstört Godard andere Kunstprodukte, bis schließlich Corinne und Roland selbst durch einen Unfall ihr Gefährt verlieren. Das muss so sein, weil sie sich selbst in einem Kunstwerk befinden und dieses muss ebenso wie die anderen scheitern. Nun sind sie zwei Filmfiguren, die nicht mehr von ihrer Filmblase geschützt werden, ausgesetzt im Wunderland Realität, welche durchbrochen wird von Kunstfiguren, wie einer Alice. Roland bleibt nichts anderes zu sagen übrig als:

„Dieser Film ist zum Kotzen! Hier sind doch alle bescheuert!“

Weil sie Alice zur imaginären Gestalt erklären, zünden sie sie kurzerhand an. Week End beginnt weh zu tun, also das schöne wehtun. Sie erkennen sich selbst als imaginär und trotten weiter. An einer Stelle versuchen sie per Anhalter weiterzukommen, dazu müssen sie Fragen beantworten: „Sind sie in einem Film oder in der Wirklichkeit?“ „In einem Film!“ „Sie lügen zu viel!“ Die Durchdringung von Film und Realität, hier wird sie in einer selbstreflexiven Feedbackschleife aufgelöst. Das besondere an der Selbstreflexivität Week Ends ist, dass sie nicht wie in den anderen Filmen allzu sehr nach außen zeigt, sondern in sich zusammenfällt und zwar permanent. Godards Film scheitert daher an sich selbst, aber genau das ist von Godard gewollt. Der Zuschauer hat nicht mehr das Gefühl einen Film zu schauen, sondern das Muster dahinter wird offensichtlich: Corinne und Roland bewegten sich die ganze Zeit in einer Filmblase durch einen anderen Film, der vorgibt grotesk verzerrte Realität zu sein. Der Film selbst untersucht hier das Verhältnis zu sich und gleichzeitig zur Realität. Godard löst dadurch die herkömmliche Erzählweise des Films auf und bietet eine Metaerzählung an, die mehr als nur sich selbst (den Film) erzählen will. Dieser Ansatz ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, da Week End Film bleibt, dem eine Narration zu Grunde liegt, selbst wenn er zu einem Kaleidoskop an Möglichkeiten bzw. möglichen Erklärungen wird und sich im Kosmos verliert.

Week End ist wie der Blick eines Spiegels in einen Spiegel, in dem jedoch der Zuschauer den Kopf dazwischen hält. Dieser ahnt die Unendlichkeit, kommt jedoch auf die Realität zurück. So sind es die heilen Weltbilder in diesem Film, symbolisiert von umherfahrenden Autos, welche das Unglück und Unheil Week End nicht mitnehmen wollen. Ein Fahrer fragt: „Werden sie lieber von Mao oder von Johnson reingelegt?“ „Von Johnson natürlich.“ „Dreckiger Faschist!“ Weltbild scheitert an Weltbild. Genauso beim nächsten Fahrer: „Wer hat angegriffen, Israel oder Ägypten?“ „Ägypten.“ „Ignorantin!“ Schließlich und folgerichtig nimmt sie nur das Müllauto mit. Da sitzen sie nun auf einem Haufen Müll, zusammen mit einem Kongolesen und einem Algerier. Godard und die Symbole. Diese Szene ist nun unverhohlen systemkritisch. Godard zeigt: während das System einerseits teure Filme produziert, lässt es andererseits zu, dass ausgebeutet (Kongo) und getötet wird (Algerien). Da der Film als Kunst an dieser Realität scheitert ist er letztendlich nur Wohlstandsmüll.

Am Ende zeigt Godard eine pervertierte Version von Selbstreflexivität. Das Paar gerät in die Fänge von Kannibalen. Die Menschheit zerfleischt sich selbst. Week End zerstört sich selbst. Corinne verspeist schließlich Teile ihres Mannes.

Was Godard uns hier bietet ist schon recht verwirrende Kost. Vielfach ist zu lesen, dass Week End wirklich physische Schmerzen bereitet. Dennoch ist dieser Film ein außerordentlich interessantes Kunstwerk, das vielleicht erst beim zweiten oder dritten Ansehen tatsächlich Spaß macht. Wenn man bereit ist mit Godard den holprigen und anstrengenden Weg zu gehen, ist dies eine Erfahrung, die es auf jeden Fall wert ist gemacht zu werden. Ich mag persönlich mag solch hoffnungslos überladenen Metakram. Der Film endet mit den gesungenen Worten: „Ich möchte so gern dass du mich verstehst, ja du … dass man mit gebrochenem Herzen noch lächeln kann bis zum letzten Wort. Das letzte Wort das muss man schreiben, wenn ein schlechter Roman zu Ende geht.“ Dann folgt die berühmte letzte Einstellung: „Ende der Erzählung. Ende des Kinos.“

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