Viel Lärm um…? – Rezension zu Martin Walsers "Tod eines Kritikers" (2002)

Hans Lach habe offenbar sofort gegen Hans Ehrlkönig tätlich werden wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden, eigentlich schon Abscheu und Bestürzung ausgelöst, schließlich sei allgemein bekannt, dass André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust.

Große Aufregung im deutschen Literaturbetrieb. Der allseits bekannte, geliebte und zugleich verhasste Kritiker André Hans Ehrl-König ist verschwunden. Obwohl seine Leiche nicht auffindbar ist, wird schnell eine schuldige Person dingfest gemacht. Der Schriftsteller Hans Lach hatte sich kurz vor dem Verschwinden der Galionsfigur der Literaturkritik mit dieser einen heftigen Streit geliefert, bei dem er mehr oder weniger offen auch vor der Androhung physischer Gewalt nicht zurückschreckte. Da seine Schuldigkeit an dem Verbrechen außer Frage steht wird er kurzerhand verhaftet und im Polizeigewahrsam festgehalten, zumal sein eisernes Schweigen nicht unbedingt zu einer Entlastung beiträgt. Diese Tatsache wiederum ruft einen alten Freund Lachs auf den Plan, Michael Landolf, der von der Unschuld des Angeklagten mehr als überzeugt ist. Auf eigene Faust macht er sich daran Entlastungsmaterial für seinen Kollegen zu sammeln und rekonstruiert dabei nicht nur die Geschehnisse der Mordnacht, sondern erfährt zudem  einiges über die Borniertheit der deutschen Literatur- und Kulturavantgarde, sowieso insbesondere einige unangenehme Details über die Person Marcel Reich Ranickis…ähmmm…über die Person des Ehrl-Königs.

Was wurde nicht alles über den „Tod eines Kritikers“ geschrieben: Hetzerisch, antisemitisch, eine hasserfüllte Abrechnung, der Wunsch einer grauenhaften Tat, ausgebreitet auf 200 Seiten. Und tatsächlich, schon auf Seite 10 ist das oft zitiert, eindeutige Indiz zu lesen: „Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen“, schreit es da dem Leser entgegen. Wenn das mal kein Zeichen für die nationalsozialistische und antisemitische Einstellung des Autoren ist… Ist es nicht. Obwohl dieser Satz der Romanfigur des Lachs in den Mund gelegt wird,  dessen Charakterisierung  mehr oder weniger subtile Camouflage seines Schöpfers ist, folgt gleich darauf die Entschärfung der Aussage durch einen kleinen, aber deutlichen Kommentar, der innerhalb des Romangeschehens bereits die Folgen solcher unbedachter Polemiken reflektiert. Der aangesprochene, oft zitierte Auszug befindet sich somit von Beginn an auf einer Meta-Ebene, kann auch gerne als unreflektierte, pauschalisierende Übernahme Godwin’s Law oder gar als plumper Sarkasmus eines “Ich kann nichts sagen, ohne zum Nazi abgestempelt zu werden”-Hysterikers gelesen werden, antisemitisch dagegen sind sie keinesfalls.

Also versuchen wir uns als „unvoreingenommene“ Leser wieder zu beruhigen und halten uns an dem fest, was tatsächlich in dem Roman zu lesen ist und nicht dem, was uns in einer wahrhaftigen FAZ-Exegese von so ziemlich jeder Zeitung oder Illustrierten suggeriert wurde: Ja, der „getötete“ Kritiker Ehrl-König ist eindeutig als Marcel Reich Ranicki zu identifizieren: Als würde das Wort subtil nicht existieren, greift Walser alles auf, was über den Kritikerpapst (Wir sind Goethe) gesagt wird, was um ihn herum geschieht und wie er in der Öffentlichkeit wirkt. Es wäre weitaus konsequenter gewesen gleich den Namen Ranicki zu benutzen, am besten noch auf jeder Seite fettgedruckt; denn als Camouflage ist diese allzu deutliche Anprangerung einer öffentlichen Person schon nicht mehr zu lesen.

Ja, es ist auch richtig, dass Walser bei dieser Anprangerung des öfteren über die Stränge schlägt: Schmieriger, machtgeiler und unsympathischer konnte er sein „Opfer“ gar nicht darstellen. Was als Parodie gedacht ist, missglückt auf jeder weiteren Seite: So viel Hass und so viel Verbitterung in einem Roman der eigentlich witzig sein sollte, sind mehr als unangebracht.

Aber nein! Es werden keine jüdischen Klischees ausgebreitet. Wer in Walsers Zeilen antisemitische Vorbehalte lesen will, sollte schon mit der Lupe suchen und zudem ein gewisses Maß an Phantasie beim Interpretieren mitbringen. Walser geht mit Ranicki zwar mehr als unfair ins Gericht, aber eben nur mit dieser Person, weder mit seiner Herkunft, mit seinem Ruf als deutscher Jude oder sonstigen Dingen, die Rückschlüsse in diese Richtung zulassen würden. Zudem ist der Charakterisierung des Kritikers bei weitem nicht der Raum eingeräumt, wie er später von unzähligen Verteidigern der Ehre des Literaturpapstes gesehen wurde. Anstatt sich auf Ranicki, pardon den Ehrl-König, zu fixieren, leistet sich Walser einen kompletten Rundumschlag Richtung Kultur- und Literaturindustrie, und diese „Generalabrechnung“ ist ihm überraschend gut gelungen. Natürlich vollgespickt mit Klischees, alles andere als subtil, aber durch die Bank komisch, spannend und (leider) auch glaubwürdig. In diesem parodistischen Austeilen nach allen Seiten, verkommt das „Hauptziel“ mehr und mehr zur Randfigur, was dem Roman nur gut tut. Denn so kann man sich köstlich über ein ganzes Sammelsurium kurioser Figuren amüsieren. Kein Wunder, dass sich so mancher Verleger, so mancher Rezensent und Kulturbeauftragter auf den Schlips getreten fühlen musste. Und wenn in diesem Zusammenhang ein erboster Ehrl-K… ähm Ranicki einen Freibrief zum Zurückschlagen liefert, ist auch mehr als nachvollziehbar, dass dieser genutzt wird.

So wurde der Roman entweder als antisemitisches Hetzwerk verflucht oder als unterdurchschnittlicher Roman abgetan, der die Aufregung nicht wert sei. Beides wird dem Buch nicht gerecht. Auch wenn Walsers Schreibstil noch nie der beste war, auch wenn er sich allzu peinlich an die Hochkultur anbiedert (mit willkürlich gestreuten Nietzsche-Zitaten oder abgedroschenen Goetheanspielungen), ist ihm doch ein interessanter, recht spannender Krimi gelungen, der sich zudem noch als wunderbare Satire auf den kompletten Kulturbetrieb entpuppt. Auch vor sich selbst und seinen Schriftstellerkollegen macht Walser nicht halt, zitiert skurrile, unfreiwillig komische Texte aus seiner eigenen Hand mit einem ironischen Augenzwinkern, und amüsiert sich köstlich über die Borniertheit dieses seltsamen Mikrokosmoses, genannt Feuilleton. Zudem wird der Hass gegenüber Ranic…, dem Ehrl-König immer aus dritter Hand geschildert und zusätzlich von Personen, die sich durchweg als tölpelhaft, verbittert und hasserfüllt präsentieren.

Subtil ist sicher was anderes, und manchmal lehnt sich Walser doch zu sehr aus dem Fenster, klingt eher verbittert und wütend anstatt komisch, was den Roman einiges an Esprit kostet. Ansonsten ist „Tod eines Kritikers“ allerdings eine durchwegs gelungene, unterhaltsame Erzählung, die sich mit gedämpfter Erwartung und ohne Vorbehalte sehr wohl als Lehrstück über die Infantilität der deutschen Kultur genießen lässt. Besser als so manch andere literarische Ergüsse, die von der Feuilletonwelt abgefeiert werden, und auch bei weitem nicht so kontrovers, obszön und sadistisch wie viel zu oft dargestellt. Aber an diesem Punkt sollte sich wohl jeder selbst, vorbehaltlos, eine Meinung bilden.

Noch was, zu dem Medienrummel, den das Buch ausgelöst hat: Hier erweist sich Walser als wahrer Meister der Antizipation. Der Rummel um diesen fiktiven Mord in der realen Medienlandschaft steht der Aufregung über den wahren Mord im Roman in nichts nach. Auch hier wird gehetzt, auch hier wird sich, so vorhersehbar wie möglich, positioniert. Auch hier treffen Kultur, Feuilleton, Literatur und Politik aufeinander. Man könnte fast meinen, die Aufregung über das Buch, hätte vor Fertigstellung des Buches stattgefunden und Walser hätte sie mit einem Augenzwinkern in die letzten Kapitel eingebaut. Eine Form der Selbstreflexivität, wie man sie vorher so noch nicht gelesen hat: Äußerst amüsant und zudem noch sehr entlarvend. Zu empfehlen wäre es daher, das Buch abwechselnd mit den Berichten darüber zu lesen, um so die ganzen Kinderspielereien noch besser genießen zu können.

Der Kulturbetrieb würgt und rangelt sich zu tote und irgendwo sieht man Martin Walser vorsichtig aus der Ecke hervorblinzeln, mit einem verschmitzten „Ich-habe-angefangen“-Lächeln. Allein dafür gebührt dem Mann schon ein kleiner Applaus, auch wenn “Tod eines Kritikers” summa sumarum nicht viel mehr ist als ein netter Krimi und eine recht gelungene Satire, die ab und zu vollkommen unnötigerweise über die Stränge schlägt.

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