Schlingensief-Retrospektive II – „Die 120 Tage von Bottrop“ (1997)

Liebe Zuschauer!

Bitte genießen sie den folgenden Film sehr laut und mit vielen Höhen!

Wir danken für ihr Verständnis

Sodom ist die Stadt der Verruchtheit, der Perversion und Sodomie, die als göttliches Exempel schließlich in einem apokalyptischen Feuerregen untergehen sollte. Bottrop ist eine deutsche Stadt im nordwestlichen Ruhrgebiet. Bottrop hat mit diesem Film nichts zu tun. Nachdem sich Christoph Schlingensief in „Terror 2000“ der deutschen TV-Medienlandschaft widmete, ist sein Opfer im 1997 entstandenen „Die 120 Tage von Bottrop“ der deutsche Film. Dabei wäre es allerdings etwas vorschnell, dem Regisseur zu unterstellen, wieder mal alles zu zerfleddern und zu zerreißen, was dieses Medium hergibt. Ganz im Gegenteil: Denn obwohl Schlingenisef, wie es für ihn typisch ist, nach allen Seiten hin ausholt und dabei mehr als scharfe Munition verschießt, ist „Die 120 Tage von Bottrop“ in erster Linie eine Hommage, ein fast schon wehmütiger Film, der einer Zeit nachtrauert, in denen deutsche Regisseure wie Fassbinder und Herzog kein Risiko scheuten, um provokante Meisterwerke auf die Leinwand zu bringen.

Nach Jahren der Selbstaufgabe, Kommerzialisierung Buckisierung und Selbstgeißelung soll nun endlich der letzte neue deutsche Film entstehen. Dafür haben sich die Überlebenden der Fassbinder-Ära in Berlin zusammengeschlossen, um ein Remake von Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ zu drehen. Auf dem Potsdamer Platz, der größten Baustelle Europas hat sich eine bunt gemischte Crew zusammengefunden, unter anderem Udo Kier (Udo Kier), Irm Hermann (Irm Hermann), Margit Carstensen (Margit Carstensen) und das alles auch noch unter der Regie von Christoph Schlingensief (Martin Wuttke). Während alle auf die Ankunft des großen Stars und Gastdarstellers Helmut Berger (Helmut Berger) warten, gleitet dem ambitionierten Regisseur schließlich das selbsterschaffene Szenario immer mehr aus den Händen und der verrückte Nachwuchsregisseur Sönke Buckmann (Mario Garzaner, der nebenbei auch noch Fassbinder spielt) übernimmt das Zepter des Regiekönigs. Die Folgen davon sind verheerend. Nicht nur, dass das ambitionierte Filmwerk zu scheitern droht, die Darsteller, Produzenten und die restliche Crew mutieren auch mehr und mehr genau zu den Tieren, die sie eigentlich darstellen sollen. Der Beginn eines absurden Exzesses.

Dieser Hauptplot beansprucht vielleicht gerade mal 10 Minuten von Schlingensiefs nostalgischen und zugleich subversiven filmischen Eklat. In einer bezeichnenden Szene hat der Regisseur den (sprichwörtlich, wortwörtlich) roten Faden an seinem Phallus befestigt zwischen den Beinen baumeln und macht damit überdeutlich, was er von einer kohärenten Erzählweise und einem stringenten Drehbuch hält. „Die 120 Tage von Bottrop“ sind kein klar gezeichneter Film sondern eine einzige Collage. Wild wirft Schlingensief mit Zitaten und Anspielungen aus der Film- und Kulturgeschichte um sich: Seien es nun subversive Vorbilder wie Heiner Müller, einstige Leinwandaußenseiter wie Kurt Raab, historische Vorbilder wie Leni Riefenstahl oder aktuelle „Glanzlichter“ wie Wim Wenders. Niemand ist vor der Dekonstruktion des Anarchoregisseurs sicher. Noch fragmentarischer wird das ganze durch diverse Einspielung brutaler Schlachtszenen, Operationen, oder pornografischer Bilder. Da dürfen dann Szenen aus Pasolinis Sodom ebenso wenig fehlen wie Schnipsel aus anderen Schlingensief-Werken. Als ob das nicht schon genug wäre, verliert der Film schließlich den letzten Rest Kohärenz durch wilde Ortswechsel (plötzlich befinden wir uns mitten in einer Missionsstation in Afrika), Zeitsprünge und diverse TV-Einspielungen (Grandios in den Film hineingeschnitten eine klassische Fernsehpreisverleihung). Ergänzt wird diese groteske Mischung durch derben Humor und alberne Kalauer, die das Ganze zu einem der vordergründig witzigsten Schlingensief-Werke machen.

Mein Lieblingssatz kommt von Helmut Berger: ‚Es ist nie zu spät, das Unmögliche zu wollen, auch wenn man weiß, dass man es nie erreichen kann.’ Wir mussten zehnmal schneiden, weil er so hackedicht war, dass er sich nur Teile merken konnte. Also, es ist wirklich ein schöner Film.“

(Christoph Schlingensief)


„Die 120 Tage von Bottrop“ ist konzeptlos und genau darin besteht sein Konzept. Viele Szenen wirken improvisiert, dilettantisch und chaotisch. Zu der orgiastischen Jazzmusik von Helge Schneider stürmen die Darsteller über die Sets, vergehen sich aneinander und spielen überdramatisierte Szenen, wie man sie sonst nur aus postdramatischen Theaterstücken kennt. Der Film arbeitet – ähnlich wie Dennis Hoppers The Last Movie – bewusst mit der Erkenntnis ein Film zu sein: So werden des öfteren Klappen eingeblendet, Regieanweisungen direkt in die Szenen hineingesprochen und einige schauspielerisch missglückte Passagen inkl. Korrektur in der endgültigen Schnittfassung beibehalten. Durch diese Stilmittel wirkt „Die 120 Tage von Bottrop“ nicht nur roh und dilettantisch, sondern Schlingensief-klassisch sich selbst entlarvend. Wir wissen: Wir sehen hier einen Film, die Macher wissen sie drehen hier einen Film, einen Film, der vom Dreh eines Films handelt, in welchem die Macher nicht mehr ganz wissen, ob es sich nur um einen Film handelt, oder ob sie bereits die Realität widerspiegeln, die wiederum das Spiegelbild eines Films sein könnte. Der doppelte und dreifache Boden, den Schlingensief dem Publikum vor die Füße wirft, ist ebenso schwindelerregend wie genialistisch. In dem absurden Szenario wird der Film im Film selbst zur Selbstreferenz, die Zeichen schwirren im Raum umher, ohne sich um eine signifikate Entsprechung zu scheren und die herumpurzelnden Anspielungen auf den Untergang des deutschen Films (hier als Untergang auf Deutschland generell zu lesen) bleiben stets auf dem schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn. Da fällt es noch nicht einmal auf, dass derbe Sex- und Gewaltorgien im Gegensatz zu anderen Schlingensief-Werken recht spärlich gesät sind. In seiner anarchischen Wehmut ist der Film dennoch auf seine eigene Art um einiges provokanter als Klassiker wie Terror 2000. Trotzdem erwartet er von seinem Zuschauer ein gewisses Bildungs- und Erfahrungspolster. Wer sich in der deutschen Film- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht auskennt, wird so manches mal dem irrsinnigen Treiben nicht folgen können und dumm aus der Wäsche blicken. Alle Cineasten, Bildungsbürger, Kulturfetischisten und Theatergänger werden sich hier entweder schwarz ärgern oder einen Mordsspaß haben. Somit bleibt zumindest eine Sache unumstritten. Christoph Schlingensief hat seine Aufgabe bravourös gemeistert und sein Ziel wieder einmal vorzüglich erreicht…

Die BILD fragte nach Sichtung des Streifens empört: „Herr Schlingensief, brauchen sie einen Psychiater?“ Die passende lakonische Antwort müsste wohl lauten: „Nein! Aber Deutschland braucht Christoph Schlingensief!“

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