Die 00er Jahre: Die besten Pop-Alben des Jahrzehnts I

Wir unterbrechen unsere Reihe der vergessendsten Alben der 00er kurz für das genaue Gegenteil. In diesem zweiteiligen Special wollen wir euch die besten Pop-Alben des vergangenen Jahrzehnts vorstellen. Da Popmusik zu definieren, ein Mammutprojekt darstellt und es zu dem Thema ebenso viele Experten wie Meinungen gibt, begnügen wir uns zur Einleitung mit einer kleinen Checkliste, die ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit, unsere Definition von Pop für die hier genannten Alben deutlich machen soll. Und dann geht es auch gleich zur Sache: Mit einem frischen  britischen Comicteam, Helden der Neuen Neuen Deutschen Welle, einer jungen Songwriterin, Funk und Soul von der Insel, sympathischem Folk-Pop, den Gestrandeten des Brit-Pop, einem elektronischen Spielplatz und einem abtrünnigen Ex-Boygroup-Boy. Alles frei nach dem Motto: Gebt uns Melodien, gebt uns Hooklines, gebt uns Ohrwürmer, gebt uns Hits, gebt uns Musik für die Massen!

Die Pop-Checkliste:

Radiotauglichkeit: Popsongs lassen sich dank ihrer Länge perfekt im Radio spielen. Alles ab fünf Minuten Spielzeit ist zu episch, zu ausufernd, alles unter einer Minute ist zu kurz, zu pointiert und zu sehr vorbeihuschend. Der perfekte Popsong hält sich an die radiotaugliche zwei bis vier Minuten Grenze.

Eingängigkeit/Ohrwurmcharakter: Gute Popsongs gehen schnell ins Ohr und beißen sich dort im besten Fall richtig hartnäckig fest. Abhilfe schafft nur ein anderer Pop-Ohrwurm, der den ersten ersetzt.

Hitcharakter: Popalben sind Bestseller. Daran gibt es nichts zu rütteln. Immerhin sprechen wir hier von der ursprünglichen Bedeutung von Pop als Popular Music. Popmusik gefällt den Massen und verkauft sich wie warme Semmeln. Gold ist Pflicht, Platin sollte zumindest in greifbarer Nähe sein. Die ausgekoppelten Singles landen ebenfalls in den Charts und rotieren auf MTV und Viva.

Eklektizismus: Popsongs bedienen sich fleißig bei anderen Musikgattungen und sind gerade deshalb so schwer zu kategorisieren. Am Besten finden gleich mehrere Stile ihren Weg in das Album: Hip Hop, Rock, Electronica, Folk, Funk, R&B und Soul. Alles ist erlaubt, so lange es sich aus der subkulturellen Nische hinausbewegt und in ein homogenes, gefiltertes Gesamtkonzept eingebettet wird.

Zeitgemäßheit: Guter Pop ist auf der Höhe der Zeit. Im besten Fall generiert er einen neuen Trend, mindestens aber bewegt er sich in Aktuellen.

Charisma: Bei Pop besitzt nicht nur die Musik Ausstrahlung sondern auch die Akteure. Nicht nur die Musik steht im Vordergrund sondern auch ihre Protagonisten. Pop-Acts haben ein Gesicht – das auf den Plattencovern dann auch so gut wie immer zu sehen ist. Sie haben Ausstrahlung und setzen diese offensiv ein, um ihr Produkt, ihre Kunst zu vermarkten. Dabei ist Authentizität keineswegs Pflicht, jedoch ein äußerst angenehmer Nebenaspekt.

Nettigkeit: Pop will niemandem wehtun. Ein Pop-Song ist ein netter Freund, der kurz vorbeischaut und dann wieder verschwindet. Man freut sich darauf ihn wieder zu sehen, man regt sich (fast) nie über ihn auf, Provokationen, Tabubrüche, Experimente und Bösartigkeiten sind ihm fremd. Guter Pop ist ein durch und durch angenehmer Zeitgenosse, den man zwar nicht immer sehen will, aber nie im Leben missen möchte.

Die Alben:

Gorillaz – Gorillaz

(2001)

Wir beginnen gleich mit einem Projekt, das zu cool scheint, um von dieser Welt zu sein (selbst wenn der Terminus  cool mit dem Ende der 90er ausgestorben ist). Einer der lässigsten, eklektischsten und schlicht besten Popacts der letzten Dekade ist zweifellos das um Blur-Frontmann Damon Albarn versammelte Comicquartett Gorillaz. Der augenzwinkernde Hybrid aus Dub, Britpop, Rap, Acid und Funk generiert einen zeitgemäßen und zugleich zeitlosen Popzirkus, der nicht nur dank der coolen Zeichentrickperformance Aufmerksamkeit verdient. Stücke wie “Clint Eastwood” oder “19-2000″ sind unheimlich lässige Ohwürmer und trotzdem komplex genug, um auch dem Musikgourmet zu munden.

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Wir sind Helden – Die Reklamation

(2003)

Sängerin und Songwriterin Judith Holofernes gelang mit ihrer Band “Wir sind Helden” der richtig große Durchbruch, nachdem sie zuvor jahrelang Solo durch die Clubs Berlins getingelt war. Das 2003 veröffentlichte “Die Reklamation” wurde nicht nur zum viermal platinüberzogenen Hitalbum sondern auch zur Initialzündung und Speerspitze der Neuen neuen deutschen Welle.  Dass diese Bewegung furchtbar langweilige Bands wie Silbermond hervorbrachte, soll an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden. Denn das Debüt der Helden ist ebenso wie die Nachfolger ein hervorragendes deutschsprachiges Pop-Rock-Album mit knallbunten, verspielten Elektro-Elementen, dass weder mit eingängigen Melodien noch mit grandios (selbst)ironischen Lyrics geizt. Zudem gab sich die Band in Interviews und Videos wie “Denkmal” derart sympathisch und bodenständig, dass man niemandem den Erfolg mehr gegönnt hätte.

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Amy MacDonald – This is the Life

(2007)

2007 verzauberte eine gerade mal zwanzigjährige Songwriterin die gesamte Welt. Das wunderschöne “This is the life” dauerrotierte mit einem treibenden, eingängigen Refrain in sämtlichen Radios und erklomm die Spitzen der europäischen Singlecharts. Aber auch der Rest des gleichnamigen Albums hatte einiges zu bieten: Wunderschöne Songs an der Schnittsstelle von Folk und Pop, eine deutlich hörbarer Hang zur Melancholie, zum Pathos und zur jugendlichen Naivität und zugleich eine große Menge junger Vitalität machen This is the life zu einer gekonnten Verbindung von radiotauglichem Ohrwurmpop und spielfreudiger Singer/Songwriter-Kunst.

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Gnarls Barkley – St. Elsewhere

(2006)

Die Popsensation des Jahres 2005/2006 war zweifellos der Hit “Crazy”. Durch einen Leak im Internet und anschließende Dauerrotation auf britischen Radiosendern erhielt der Song von Produzent Danger Mouse und dem begnadeten Rapper und Funksänger Cee-Lo Green eine Aufmerksamkeit, die ihn neun Wochen auf Platz eins der britischen Singlecharts verweilen ließ. Aber auch das restliche Material von St. Elsewhere weiß zu überzeugen. Moderne Funkhymnen, getragene Soulballaden und breitschultrige Rapstücke bilden zusammen ein Hitpaket, das Timbaland und Co. beweist, dass auch moderner Pop Leib und Seele besitzen kann. Nahezu jeder Song hat Ohrwurmcharakter, Mitwippen lässt sich praktisch nicht vermeiden und die wandlungsfähige Stimme von Cee-Lo Green tut ihr übriges, um “St. Elsewhere” zu einem der kurzweiligsten Alben des Jahrzehnts werden zu lassen.

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Nelly Furtado – Whoa, Nelly! / Folklore

(2000 / 2003)

Die aus Portugal stammende Kanadierin Nelly Furtado galt bis tief in die 00er hinein als Vorzeige-Popact, mit dem sich Indiehörer ebenso anfreunden konnten wie Hopper und gar Metal-Fans. Dies ging sogar so weit, dass die Folk- und Popsängerin im Laufe des Jahrzehntes auf zahllosen Rock-Festivals zu hören und zu sehen war. Ihr 2000 erschienes Debüt Whoa, Nelly! ist ein warmherziger, lebendiger Hybrid aus R&B, Folk und Pop, der verträumte Stücke ebenso zu bieten hat wie hippe, tanzbare Discosongs zum Beispiel den Radiohit “Turn off the Lights”. Was Nelly Furtado so besonders macht, ist die sprühende Lebensfreude, die dem Hörer aus jeder Note förmlich ins Gesicht springt. Genau jene Lebensfreude war auch auf dem 2003 veröffentlichten Nachfolger Folklore zu hören. Hier schwimmt die hübsche Sängerin noch weiter in Folkgewässern, vermischt ihren charismatischen R&B mit Flamenco-Klängen, World- und Ethno-Anleihen, fernöstlichen exotischen Klängen und melancholischem Gitarrenspiel. Beide Alben sind ungemein warmherzig, liebenswert und sympathisch. Leider sprang Miss Furtado mit ihrem dritten Album Loose (2006) auf den Timberland-Zug auf. Dieses bietet dadurch zwar eine neugewonnene Hippness und Trendigkeit, lässt aber viel von der Warmherzigkeit der ersten beiden Scheiben vermissen.

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Blur – Think Tank

(2003)

Zur Jahrtausendwende hatten die Brit-Popper von der Insel scheinbar nur zwei Möglichkeiten: Entweder den Weg in Richtung Avantgarde beschreiten und sich waghalsigen Experimenten öffnen – Radiohead habens vorgemacht – oder in der Bedeutungslosigkeit versinken – Hier waren Oasis die Speerspitze. Blur wählten den dritten Weg: Nach ihrem avantgardistischen 99er Werk 13 verschrieben sie sich voll und ganz einer modernen und frischen Form des Pop. Think Tank ist verspielt, cool, eklektisch und hat großartige Ohwurmmelodien zu bieten. Dennoch bleiben Blur sich selbst treu und streuen dezent Noise-, Electro- und Experimentalklänge in das – eindeutig von Albarns Nebenprojekt Gorillaz beeinflusste – Album ein. Der beste Beweis dafür, dass Pop von der Insel auch im neuen Jahrtausend eine wichtige Rolle spielt.

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Moby – Play

(2000)

Genau genommen befinden wir uns gerade an der Jahrtausenwende. Mobys Play erschien bereits 1999, wirkte aber bis tief genug ins neue Jahrtausend hinein, um hier nicht unterschlagen zu werden. Der vom House und Ambiente abstammende Moby spielt auf Play geschmeidige Electro-Pop-Songs, die neben den satten Chill Out Techno Elementen ein buntes Potpourri diverser Einflüsse zu bieten haben: Relaxten Dub Step, minimalistische Down Beats, treibender Rock, melancholischer Ambiente… und das alles fügt sich erstaunlich harmonisch zusammen. Play ist ein elektronisches Pop-Album, das keine Berührungsängste mit handgemachter Musik hat und ebenso berührend wie entspannt und leichtfüßig klingt.

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Justin Timberlake – Justified

(2002)

Als Posterboy Justin Timberlake ein Soloalbum ankündigte war das Gelächter groß. Der Schönling, der bis dahin hauptberuflich bei seiner unsäglichen Boygroup N´Sync rumturnte und als Boyfriend von Britney Spears ab und zu mal in die Kamera grinsen durfte, war schon so gut wie erledigt und abgesehen von ein paar Teeniemags ein nicht beachtetes Randthema in erwachseneren Musikforen. Umso größer war die Überraschung als die erste Single “Like I Love You” zusammen mit dem damals schwer angesagten Pharell Williams ziemlich okay geriet und man heimlich, wenn die coolen Freunde gerade nicht hinschauten, mitwippte. Und selbst die konnten nicht mehr als mit offenen Mund zuschauen wie Timberlake auf einmal eine an Michael Jackson erinnernde Glanztat nach der anderen auf dem Album veröffentlichte. Justified verkaufte sich allein in den USA 3 Mio Mal und der Nachfolger “FutureSex/LoveSounds” etablierte Justin als ernstzunehmenden Künstler fernab einer schmierigen Boygroup-Maschinerie.

Zu den vergessendsten Alben des Jahrzehnts:

–> Teil 1

–> Teil 2

–> Teil 3

–> Teil 4