Klassiker des selbstreflexiven Kinos – Klappe die Dritte: Dennis Hoppers „The Last Movie“ (1971)

Bekanntlich beendete bereits Godard 1967 mit „week-end“ das Kino. „The Last Movie“ von 1971 ist nun die finite Sicht eines US-amerikanischen Künstlers auf das Medium Film. Mit „Easy Rider“ konnte Dennis Hopper 1969 einen ersten großen Erfolg des New-Hollywood-Kinos verbuchen. „Bonnie und Clyde“ von Arthur Penn und „Die Reifeprüfung“ von Mike Nichols, beide erschienen 1967, waren nicht ganz so erfolgreich. Mit „The Last Movie“ zieht Hopper einen Schlussstrich unter die goldene Ära des klassischen Hollywoods. Sein Hauptaugenmerk liegt nicht, wie im europäischen Kino, auf der Psychologie. Bei ihm pendelt die Betrachtung des Mediums zwischen der Darstellung eines oberflächlichen Regel- und Machwerks, also wie ein Film funktioniert und gemacht wird und der Tiefenwirkung auf diejenigen, die den Film sehen.

So wie Dennis Hopper in seinem 1969 erschienenen Film „Easy Rider“ Amerika suchte und es nicht mehr fand, sucht und untersucht er in „The Last Movie“ den Film als solchen. Was Hopper findet ist eine herkömmliche Erzählstruktur, die er gleich mal zerstört. Heraus kommt dabei eine Montage aus Szenen, deren narrativer Zusammenhang in einem ätherischen Hintergrund verschwindet. Nicht nur „The Last Movie“ gewinnt dadurch Tiefe, gleichzeitig verweist Hopper damit auf die Tiefen unseres Verstandes, in denen wir den Film automatisch zusammensetzen und ihn mit Sinn aufladen. Tatsächlich wurde dieser Film zu Hoppers last movie bei dem er Regie führte, da er mit diesem extrem gewagten Kunstwerk, nachdem ihm Universal nach dem spektakulären Erfolg von „Easy Rider“ komplette künstlerische Freiheit bot, extrem scheiterte.

Auch in The Last Movie wird ein Film gedreht. Samuel Fuller, seines Zeichen Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur, spielt sich selbst und dreht gerade in Chile seinen neuen Western. „The Last Movie“ besteht aus Szenen dieses Westerns, aus Szenen welche die Dreharbeiten zeigen und Szenen die von Kansas, einem Stuntman, (Dennis Hopper) und sein Leben in dem Ort wo der Film gedreht wird handeln. Dabei sind diese Szenen relativ lose aneinandergereiht, lediglich in der Mitte des Films erkennt man eine Geschichte.

Die Bewohner des Dorfes beobachten die Dreharbeiten und werden dadurch zu einer Metapher des Publikums, was an die Funktion des Chores aus der griechischen Tragödie anspielt. Hieran exemplifiziert Hopper die Feedbackschleife des Mediums Film. Die Dorfbewohner sind so angetan von den Dreharbeiten, dass sie beginnen mit selbst gebauten Bambuskameras das Schauspiel nachzuahmen. Sie spielen einerseits die Handlung des Films nach, aber sie spielen eben auch die Dreharbeiten. Hopper zeigt damit das Wirken von Filmen. In der westlich zivilisierten Welt, wo man das fertige Produkt Film konsumiert, bekommt man auch die fertige Ideologie im Film mitgeliefert. Es wird gezeigt wie man zu begehren, wie man sich zu verhalten und was man zu unterlassen hat, wenn man erfolgreich sein will. Eine oberflächliche Machart führt zu einer oberflächlichen Lesart. So wird der Film in der Realität wirksam. Die Dorfbewohner in Hoppers Film sehen einerseits was sich vor der Kamera abspielt, aber eben auch das was hinter der Kamera passiert. Sie sehen das Ganze und ahmen daher auch das Ganze nach.

Die Filmkirche des in Hoppers Film gedrehten Westerns dient als Ort der Spaltung. Sie wird von den Dorfbewohnern ebenso angesehen wie die echte Kirche. Die Dreharbeiten um die Filmkirche herum, das actiongeladene Schauspiel von Leben und Tod wird für sie nun so wichtig, dass sie nicht mehr in die echte Kirche gehen, was den Priester (Tomas Milian) besorgt. Hopper markiert hier die Sakralisierung des Mediums Film. Die Dorfbewohner dienen dabei immer als verzerrtes Bild der Konsumgesellschaft. Interessant hierbei ist auch, dass sich die von den Dörflern nachgeahmten Szenen, die sie mit ihren selbstgebauten Bambuskameras „aufnehmen“ nirgends manifestieren. Sie bleiben nicht, Ebenso wie der narrative Zusammenhalt von „The Last Movie“ verschwinden diese Szenen in einem metaphysischem Äther. Aber im krassen Gegensatz zu Fullers Western, in dem Bilder geschossen und festgehalten werden, werden im nachgeahmten Film Menschen erschossen und somit eine neue Realität manifestiert. Der Priester erkennt:

„Es gefällt mir nicht dass der Film Gewalt hier her gebracht hat. Es ist die Hölle.“

Er bittet Kansas um Rat. Dieser zeigt daraufhin den Bewohnern das Show-Prügeln und erklärt „eso no real“ (Dies ist nicht real). Doch das Treiben der Dorfbewohner hat längst eine Eigendynamik gewonnen. Kansas Einwand „We fake everything“ bleibt unbeachtet und geht unter, gegenüber der Äußerung des Dorfregisseurs, der mit scharfer Pistole erklärt „La iglesia es aqui.“ („Die Kirche ist hier.“)

Auch dem Zuschauer wird dieses faking vor Augen geführt, in offenkundig dilettantischen Einstellungen, aus der Sicht der Kameras die den Western filmen. Man sieht ab und zu das Schlagen der Filmklappe oder scene-missing-Einschübe. Was Hollywood genau produziert sieht man auch in der schönen Einstellung auf die Filmcrew des Westerns, wo die Spiegel, die eigentlich das Bild ausleuchten sollen, die Sicht blenden. Es ist alles Blendwerk, beschönigt und übertrieben und keineswegs Religionsersatz oder Welterklärung. Angesichts des Begehrenschaffens sieht Hopper den Hollywoodfilm sogar als eine Sünde an. So beichtet Kansas beim Priester:

„Ich habe gesündigt. Ich möchte jetzt beichten.“ „Wie hast du gesündigt?“ „Die Filme!“

Der Schauspieler, oder in diesem Falle der Stuntman, wird von der Realität, den spielenden Dorfbewohnern, welche vom Film geprägt wurden, gefangen genommen und soll nun hingerichtet werden.

Bis dahin hat kein anderer Hollywood-Regisseur in die Maschinerie Hollywood geblickt, wie Hopper es tut. Und bisher war auch kein anderer Regisseur so mutig und schamlos die eigene Zunft zu analysieren und zu kritisieren. Erst mit den selbstreflexiven Spielen von Charlie Kaufman und Spike Jonze (“Being John Malkovich”, “Adaption”, “Synecdoche, New York”)  wird das Filmemachen wieder analysiert, jedoch erscheint es bei ihnen eher als leichtes Spiel, denn als Kritik. Die letzte Szene bringt Hoppers Anliegen nochmal auf den Punkt: Kansas und sein Gefährte, der wegen des Goldsuchens nach Chile gekommen ist, sitzen betrunken vor einem Lagerfeuer. (Ein klarer Verweis Hoppers auf seinen vorigen Film „Easy Rider“ in dem eine fast identische Szene stattfindet.) Kansas fragt Neville (Don Gordon) ob er wisse wie Gold aussehe. Neville antwortet: „Kennst du den Film Der Schatz der Sierra Madre?“ „Ja.“ „Wenn Walter Huston Gold findet, kann ich das auch.“ Kansas: „Du hast doch hoffentlich Quecksilber dabei?“ Neville: „Was soll ich denn mit Quecksilber? Walter Huston hatte auch kein Quecksilber!“

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