Im Märzen der Progger… – Vier neue Avantgarde und Progressive Alben unter der Lupe

Das erste Jahresviertel 2010 ist geschafft und von vorsichtig bis ungestüm klopfen die Art Rock, Progressive und Avantgardevertreter an seine Tür. Wir haben für euch gleich vier Alben der Komplexen, Vetrackten, Progressiven und Verspielten unter die Lupe genommen. Zu hören gibt es frischen Avantgarde Pop von Xiu Xiu, rohen rauhbeinigen italienischen Progressive Metal von Watzlawick, ungestümen deutschen Screamo Postcore von The Hirsch Effekt und klassischen Nu Jazz Fusion und Progressive Rock von Jaga Jazzist aus Norwegen.

Xiu Xiu – Dear God, I hate myself

(Kill Rock Stars)

Das seit über zehn Jahren existierende Anti-Folk Projekt Xiu Xiu ist mittlerweile zu einem eingetragenen Markenzeichen avantgardistischer Musik geworden. Die Band um den Sänger Jamie Stewart spielt vielseitigen, verqueren Experimental Pop, der geschickt zwischen Folk, Electronica, moderner E-Musik und Pop oszilliert. Auf dem neuen Album schlägt das Pendel stärker denn je zuvor in letztere Richtung aus. Obwohl das avantgardistische Moment nach wie vor herauszuhören ist, stehen auf „Dear God I hate myself“ die poppigen und eingängigen Elemente überraschend stark im Vordergrund. So gibt es für Xiu Xiu Verhältnisse ungewöhnlich eingängige Hits wie das Titelstück oder „Chocolate makes you happy“ zu hören, die trotz der wieder mal höchst depressiven Stimme Stewarts fast schon als radiotauglich durchgehen. Songs wie das treibende, vitale „Secret Motel“ laden gar schüchtern zum Tanzen ein, auch wenn sich dieses dann angesichts der vertrackten, komplexen Rhythmen als ziemlich schwierig erweist. Das Grundkonzept der Band verliert allerdings Gott sei Dank nichts durch die Neuentdeckung der Harmonie und gefälligen Melodie. Trotz Schalalala sind Songs wie „apple for a brain“ nach wie vor ziemlich abstrakte, vertrackte Liedungetüme, die sich in minimalistischer Elektronik ebenso wohl fühlen wie in ausufernden Ambiente-Soundlandschaften. Und obwohl Stewart immer auch wieder kurz seine fröhliche, sarkastische oder zumindest zynische Seite zum Ausdruck bringt, bleibt eine grundsätzliche Depressivität bestehen, die sich allerdings weniger in larmoyantem Weltschmerz äußert als viel mehr in einer universellen, ästhetisierten Verzweiflung, mit der die Musik wollüstig am Nervenkostüm des Hörers knabbert.

So werden die Songs Xiu Xiu typisch mit allerhand schrägen Zwischentönen durchzogen – Fiepsen, elektronische Verzerrung, vorsichtig heranpirschende Atmo-Geräusche – hinter denen wiederum fragile Art Rock und Folk Pop Stücke am Werk sind, die ein ums andere Mal durch ihre Verletzlichkeit und Introspektivität eine angenehme Gänsehaut erzeugen. Das reicht zwar nicht ganz an Großtaten wie das Meisterwerk „Fabulous Muscles“ heran, ist aber nach wie vor herausragender Avantarde Experimental Pop, dem das Spiel und Ausnutzen harmonischer Klänge ebenso viel Spaß macht wie die Destruktion oder Dekonstruktion der Selben.

Watzlawick – Prologue

(Eigenproduktion)

Avantgarde geht auch lauter. Die italienische Band Watzlawick spielt auf ihrem Debüt mit dem konsequenten Titel Prologue eine satte Mischung aus Avantgarde Rocke und Progressive Metal der härteren Gangart, der sich ungeniert bei seinen großen Vorbildern bedient. So erinnert die Atmosphäre einiger düsterer Stücke an Tool und die harten vertrackten Metalmonster wagen sich in den Kampf mit Meshuggah, während der aufgeputschte pathetische Gesang mitunter Devin Townsend Konkurrenz machen will. Dazu gesellen sich hymnische Momente, die ganz vorsichtig Richtung Postrock schielen und heftige, schnelle Metalpassagen, die sich auch gerne mal vom Progressive wegbewegen und einfach nur krachen wollen.

Zu Beginn funktioniert diese Mischung ziemlich gut, ermüdet dann allerdings mit der Zeit. Viel zu oft denkt der interessierte Zuhörer: Heh, das habe ich doch schon mal so von Mike Patton gehört. Viel zu oft wähnt man sich plötzlich in einem klassischen Thrash Metal Universum der Marke Machine Head und viel zu oft hat man auch einfach das Gefühl, dass das potentiell herausragende Material viel zu überladen, viel zu satt ist und zu wenig Raum für ruhige Momente lässt. Trotzdem ist Prologue eine (mal mehr mal weniger) gelungene Tour de Force durch zwanzig Jahre Neo Progressive Metal. Ein ziemlich rohes, ungestümes, wüst gemischtes und alles andere als abgeklärtes Werk, dass aber gerade wegen seiner jugendlichen Konfusion und seinem unbändigen Elan eine Menge Charme versprüht und weder mit Abwechslung noch mit Referenzen an unzählige Großmeister geizt. Ein solides Debüt einer Band, von der in Zukunft durchaus noch zu hören sein dürfte.

The Hirsch Effekt – Holon : Hiberno

(Midsummer / Cargo)

Ebenfalls satt und überladen geht die junge Band The Hirsche Effekt aus Hannover aus ihrem Album Holon : Hiberno vor. So dämlich der Bandname auch ist, so interessant klingt die Musik: Irgendwo zwischen modernem Progressive Metal der Marke „The Mars Volta“, berauschendem Screamo zwischen „At the Drive-In“ und „Fall of Troy“ und verspieltem Krautrock… und das alles mit herrlichen, zwischen naiv und dadaistisch vorgetragenen deutschen (!) Texten. Das gab es in dieser Form tatsächlich noch nicht und dementsprechend mach Holon :  Hiberno erst einmal richtig Spaß. Insbesondere, da sich die deutschsprachigen Wurzeln nicht nur in der Sprache der Lyrics niederschlagen: So wird in harmonischen, ruhigen Momenten auch mal gerne auf die Hamburger Schule referiert (Epitaph), nur um kurz darauf in verqueren progressiven und verjazzten Songstrukturen vollkommen am Rad zu drehen.

Klar, das erinnert mitunter viel zu sehr an Omar Rodriquez, klar, das gewinnt durch die in diesem Genre ungewöhnliche Deutschsprachigkeit einen gewissen Exotenbonus, klar das wirkt manches Mal unfertig oder gar trashig zusammengeknüppelt. Aber gerade darin liegt auch der besondere Charme von The Hirsch Effekt. Die unperfekten, konfusen Kompositionsmonster zeigen dem Progressive Metal dreist den Stinkefinger und erfreuen sich an ihrer rotzigen, punkigen und offenen Art. Das ist oft genug mehr Garage als große Halle – trotz Komplexität und epischen Songlängen. Nicht immer überragend, mitunter sogar stressig und irritierend platt oder sogar am Abgrund zur unfreiwilligen (?) Komik balancierend (insbesondere die abstrusen Choräle in Epitaph), aber dennoch ein wüstes, ungestümes und originelles Vergnügen. The Hirsch Effekt sind ebenfalls eine Band, die man im Auge behalten sollte.

Jaga Jazzist – One-Armed Bandit

(Ninja Tune)

Kommen wir zum Abschluss zu wahren Routiniers des Fusion und Progressive Rocks. Die zehnköpfige norwegische Nu Jazz Band Jaga Jazzist existiert mittlerweile seit über fünfzehn Jahren und blickt auf eine beachtliche Karriere zurück, während der sie nicht nur mit Rock-Größen wie Motorpsycho kollaborierte (In the Fishtank) sondern auch fünf Alben und vier EPs veröffentlichte, die sich wenig um Genregrenzen scherten. Hier fließen Einflüsse des Freejazz, des Krautrocks, postmoderner Electronica und gar der Klassik überraschend harmonisch zusammen und generieren spannende Jazz und Fusion Hymnen. Auf dem Album One-Armed Bandit flirten Jaga Jazzist mehr denn je mit klassischem Progressive Rock der Marke King Crimson. Die Kompositionen sind ebenso verspielt und abwechslungsreich wie monolithisch, hymnisch. Allerdings bewegen sich Jaga Jazzist dabei auch ganz gerne in seichten Fahrwassern. Kompositionen wie Banafluer Overalt mutieren dadurch zu selbstverliebten (technisch zweifellos überragenden) Technikdemonstrationen, die so viel Leib und Seele besitzen wie ein tickendes Uhrwerk. Schade, dass Jaga Jazzist bei der Vorführung ihres Könnens die Atmosphäre mitunter aus den Augen verlieren, wodurch einige ihrer Lieder berechenbar oder gar langweilig werden. Da weiß ein treibendes, originelles vom Post Rock inspiriertes Stück wie Toscata schon weitaus mehr zu überzeugen, selbst wenn oder gerade weil das technische Können eher im Hintergrund steht. Stattdessen gibt es eine nervöse, düstere Atmosphäre, durchbrochen von wagnerianischen Bläsern und entspannten Cool Jazz Elementen. One-Armed Bandit ist ein gelungenes Album, das manches Mal ein bisschen brav und bieder wirkt, alles in Allem aber mit einer gesunden Mischung verschiedener progressiver (Jazz)-Spielarten zu überzeugen weiß.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>