Klassiker des selbstreflexiven Kinos – Klappe die Erste: Federico Fellinis „Achteinhalb“ (1963)

Da Rob Marshall das Publikum mit seiner Musicalverfilmung „Nine“ das Publikum offensichtlich zu Tode langweilt, fühle ich mich dazu gezwungen daran zu erinnern, woher Marshall den Stoff zu seinem Film-Musical bezog und warum dieser Stoff so unendlich viel schöner, besser und wahrer ist. Die Rede ist von Fellinis Film „Achteinhalb“, einem Klassiker des selbstreflexiven (1) Kinos. 1963 erschienen, noch immer diskutiert und großartig, wurde der Film bereits 1982 verwurstelt und tauchte als „Nine“ am Broadway auf und auch schnell wieder unter. So ist Marshalls „Nine“ der Aufguss eines Aufgusses. Willkommen in Hollywood! Darum soll es in diesem Artikel jedoch nicht gehen. Es geht um das verspielt-intellektuelle und wunderschöne Kunstkino Europas der sechziger Jahre.

1963 erblicken zwei Klassiker des selbstreflexiven Kinos das Licht der Welt, oder besser gesagt belichten die Welt mit sich selbst. Jean-Luc Godards „Die Verachtung“ (Le Mépris) und Federico Fellinis „Achteinhalb“ (8 ½). Beide erzählen von der Entstehung eines Films und von den Problemen die damit einher gehen. Godard stellt die verschiedenen Ansichten, Begierden und Wünsche der an der Filmproduktion beteiligten Personen dar und verknüpft deren Psyche mit der psychologischen Funktionsweise des Films durch die Aufdeckung, ja Entblößung des „obskuren Objekts der Begierde“. Fellinis „Achteinhalb“ ist ähnlich psychologisch aufgeladen, aber während Godard den Film und seine Psychologie analysiert und auf einer Metaebene der Film selbst zum sichtbar unsichtbaren Hauptdarsteller wird, analysiert Fellini vielmehr sich selbst. Was nicht wundert, da „Achteinhalb“ Ausdruck einer Schaffenskrise Fellinis ist, ganz so als würde er mit dem žižeksche Motto „Liebe dein Symptom wie dich selbst“ spazieren gehen.

Zum Inhalt: Der Regisseur Guido Anselmi, Fellinis alter ego, arbeitet gerade an einem Film, ist sich aber unklar darüber was er eigentlich sagen will und gerät in eine Schaffens- und Lebenskrise. Die Alptraumszene zu Beginn des Films bringt die Lage Anselmis zum Ausdruck. Er sitzt in seinem Auto in einem Stau kurz vor dem Ende eines Tunnels gefangen, es geht nicht vorwärts. Plötzlich beginnt es in seinem Auto zu qualmen. Guido bekommt Panik und versucht zu entkommen, was nur schwer gelingt. Dann fliegt er aus dem Tunnel heraus in die Höhe. Nun befinden wir uns an einem Strand. Guido frei schwebend in der Höhe. Ein Seil hängt von seinem Fuß herab und jemand, der sich als Rechtsanwalt herausstellen wird, zieht ihn zu Boden. Die einen Filmwerk umgebenden Verträge holen den Regisseur auf den Boden der Tatsachen zurück. Fellini zeigt uns hier einerseits den große Schwester des filmischen An-sich, die vorstellende Phantasie, in der ja auch Bilder aneinander montiert sind. Andererseits wird deutlich was mit dem Filmemachen, also mit Realisierung von Phantasien, einher geht: Verantwortung gegenüber Abkommen und Verträgen, die zur Finanzierung getroffen werden. Hieraus, so zeigt uns Fellini, entsteht ein Druck, mit dem Guido sich schwer tut umzugehen. Er flüchtet in ein Kurhotel, um Erholung und Befreiung zu finden, was nicht gelingt. Die gesamte Filmcrew ist ihm gefolgt und mit ihr die Krise.

„Achteinhalb“ weist eine eigentümliche Durchdringung von Phantasie im Film und Realität im Film auf …und das ganze als eine filmische Phantasie. Fellini zeigt, dass das Filmemachen nicht bloß eine Entäußerung von Phantasie ist, sondern ein Kampf mit sich selbst, mit den eigenen Wünschen, Begierden, Vorstellungen.  Immer wieder fällt Guido in Tagträume, teils Erinnerung, teils gewünschte Phantasie. Während bei Godards „Die Verachtung“ der Film im Objekt der Begierde seinen eigenen psychologischen Kern analysiert, und der Film dadurch zu einer Art festen Größe wird, ist „Achteinhalb“ offener. Er wird zum Ausdruck eines seelischen Fluidums. Alles steht und fällt mit dem Verhältnis des Künstlers zu sich selbst. Ändert sich dieses müssen sich auch die Bilder ändern. Die Durchdringung und der flüssige Wechsel von Phantasie und Realität in „Achteinhalb“ zeigen dies. Im Laufe des Films wird es immer phantastischer, immer traumartiger, aber stets als Selbstverweis. So zum Beispiel wenn Guido in der Harems-Phantasie an einem langen Tisch steht und sagt:

„Ich hatte auch so eine hübsche kleine Ansprache hier am Tischende vorbereitet. Das etwa wollte ich sagen: Meine Lieben! Das größte Glück besteht darin, dass man die Wahrheit sagen darf ohne jemanden weh zu tun. Carla hätte Harfe gespielt, wie jeden Abend…“,

plötzlich wird Carla Harfe spielend ins Bild geschoben. Traumhaft traumhaft ist auch die Szene in der dampfenden Sauna, in welcher der Dampf die Konturen des Bildes und der Menschen einhüllt und verschluckt und der Produzent zu Guido sagt:

„Doch Guido ich habe genau begriffen was du mir erzählen willst. Du willst mir klar machen, wie verwirrt ein Mensch innerlich sein kann, aber dann musst du dich auch klar ausdrücken können, sonst hat es keinen Sinn.“

„Achteinhalb“ ist auch ein barockes Etwas: Viele Figuren die einfach so auftauchen, kommentieren, sich äußern, Anweisungen geben, verlangen, kritisieren oder Ratschläge erteilen und man weiß nie, wer das jetzt genau war: Produzent? Kritiker? Fan? Geliebte? Freund? Der Kritiker weiß:

„Ich glaube, dass ich begriffen habe, dass sie dazu berufen sind eine Aufgabe zu lösen, die ich nie lösen könnte. Nämlich, einer Masse von Gestalten, die im Drehbuch nur angedeutet ist, aufzugliedern und jeder ein klares Gesicht, eine endgültige Form zu geben.“

Genau das versucht Guido/ Fellini und „Achteinhalb“ ist Ausdruck dieses Versuches. Da das Filmemachen für Fellini ein psychologischer Akt und der Filmemacher in diesem eigentlich der Akteur ist, oft aber zum Opfer seiner selbst wird, findet man, neben auf den Film bezogenen selbstreflexiven Szenen, auch auf Guido bezogene Selbstreflexivität. Zum Beispiel wenn er sich an seine Erziehung in einer katholischen Schule erinnert und dort den Ursprung seines problematischen Verhältnisses zu Frauen vermutet. Ausgelöst wird diese Erinnerung durch den Anblick der Beine einer drallen Frau während er mit dem Kardinal spricht. So ist „Achteinhalb“ zwar Fellinis eigene psychoanalytische Therapie, aber gleichzeitig offenbart er  vieles über das Medium Film und über die Psyche.

Die freudianische psychoanalytische Argumentation ist kaum los zu lösen von der Sexualität. Fellini reproduziert die freudianischen Thesen. So verweist die sexuelle Phantasie Guidos mit seiner Geliebten Carla ein „verruchtes“ Rollenspiel zu inszenieren auf die Realisierung von Phantasie im Film. Eine sexuelle Problematik verkörpert sich auch im Symbol des Raumschiffs bzw. der Rakete. Es fungiert als Phallussymbol. Bezeichnenderweise wurde eine riesige, gerüstartige (Dalí) Abschussrampe gebaut und auf diese, wird das viel kleinere „Modell des Raumschiffes einkopiert, die optische Illusion erzeugend, es stünde auf der obersten Stufe der Abschussrampe.” Ein Phallussymbol welches in Guidos Film vorgibt größer zu sein als es in Wirklichkeit ist. Guidos/Fellinis Kommentar:

„In meinem Film soll so viel wie möglich passieren. Ich packe alles rein, sogar einen Matrosen der steppt.“

Es kommt ein Matrose, mit einem Wasserkanister in der Hand, sprechend auf sich selbst verweisend: „Wasser, Wasser, Wasser…“ Auf Guidos Wunsch hin beginnt er zu steppen. Fellini führt uns hier hinter die Kulissen des Films, in welchem nur so getan wird als ob. Er zeigt dass beim Filmemachen Symbole benutzt, diese aber einerseits, bezieht man es auf dieses Phallussymbol, grotesk verzerrt werden, oder andererseits, bezieht man es auf den Matrosen, lediglich sich selbst bedeuten.

Es wird eine Illusion erschaffen, eine Illusion die man verschieden deuten kann. So kann auch niemand aus Guido schlau werden, weil sich alles zunächst in seinem Kopf befindet und von ihm selbst erst gedeutet werden muss: „Und ich glaubte ich hätte so klare Vorstellungen. Ich wollte einen ehrlichen Film machen, ohne Mache und ohne Lüge. Ich glaubte ich hätte etwas so einfaches, so leicht verständliches zu sagen.“ So hat Guidos Frau Luisa Recht wenn sie auf seine Frage „Was weißt du schon von mir und meinen Leben?“ antwortet „So viel wie du mir davon zeigst.“ Alles was Guido nicht zeigt, weiß sie nicht, aber sie sieht dennoch das er (sich) immer inszeniert. Als sie in einem Café sitzen und zufällig seine Geliebte Carla sich an einen der Nachbartische setzt, weiß seine Frau Bescheid was gespielt wird. Guido liefert natürlich Erklärungen, doch Luisa fässt Guidos privates als auch berufliches Handeln zusammen: „Was hast du nur davon allen Menschen was vor zu machen was wahr und was falsch ist?“. Hierauf folgt die Harems-Phantasie, in welchem alle Frauen versammelt sind, die in seinem Leben eine Rolle spielten. Zunächst wird Guido hier umsorgt und gepflegt, doch schließlich rebellieren die Phantasiefrauen zu Wagners Walkürenritt und Guido muss sie, gleich seiner Phantasie, mit der Peitsche in Zaum halten.

Alles dreht sich um Guido, alle sind für ihn da, um ihm zu helfen bei dem was er tut: die Realisierung seiner Vorstellungen. In einer Szene zitiert der Kritiker Stendhal: „Das einsame Ich, dass sich selbst ernährt und nur um sich selbst dreht wird schließlich in Tränen oder in einem großen Gelächter ersticken.“ Als bei der Vorführung der Probeaufnahmen, in denen eine Rohversion von „Achteinhalb“ zu erkennen ist, Guidos Frau sich selbst erkennt und den Saal verläßt, droht das ganze Projekt tatsächlich in Tränen unter zu gehen. Daraufhin Guido zu seiner Frau: „Hat dich in den Probeaufnahmen irgendwas verletzt, das ist doch nur Film.“ Luisa: „…ich weiß, nur Erfindung, wieder eine neue Lüge…“ Guido: „…werd nicht melodramatisch.“ Es wird nicht melodramatisch. Guidos Film wird nicht gemacht, weil er, wie der Kritiker lobend anerkennt, den Mut hatte auf die Realisierung eines Films zu verzichten:

„Wie ein Krüppel den Mut hat sich seiner Deformation nicht zu schämen. Sie haben sich von der ungeheuerlichen Selbstüberschätzung befreit, dass Ihre Irrtümer anderen Menschen weiterhelfen könnten.“

Fellini schämt sich aber nicht, dem Publikum eine Art Film-Krüppel zu präsentieren, muss er auch nicht, da es ein schöner Krüppel ist und vor allem ein Krüppel der lebt. Ob Fellini sich von seinen Irrtümern befreit hat sei dahingestellt. Zumindest hat er einen Film gemacht, in welchem die Möglichkeit des Irrtums mit aufgreift und so ein postmodernes Spiel zelebriert. So endet Achteinhalb nicht in Tränen und auch nicht in Gelächter, sondern in der Überwindung der Krise durch die Anerkennung der Tatsache, dass man lebt. Das Ende ist ein phantastisches Fest des Lebendigseins in einer lebendig gewordenen Phantasie. Der Unterschied zwischen Phantasie und Realität spielt im Film somit keine Rolle, da Film selbst realisierte Phantasie darstellt. Der Urgrund der Phantasie ist dennoch das Leben, seine Verwirrungen und seine Krisen, aber „Es ist eine Freude zu leben.“

1 – Update: Es ist durchaus möglich, dass “selbstreflexiv” eigentlich eine Art Tautologie ist, da “reflexiv” eigentlich schon die Selbstbezüglichkeit markiert. Richtiger wäre gewesen “Selbstreferenziaität”. Da dieses Update viiieel später gemacht wurde (wird), belass ich (und wir) es jetzt dabei.

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